»Ohne Werbung kommen Sie nicht aus«

Interview mit Stephanie Klee

Ein Beruf wie jeder andere: Stephanie Klee bietet Einstiegsberatungen für Prostituierte an


Stephanie Klee

Frau Klee, neben Ihrem Job als Sexarbeiterin und Aktivistin beraten Sie Menschen, die ins Sexgewerbe einsteigen wollen. Wie kamen Sie auf die Idee?
Für mich war das eine logische Konsequenz. Ich bin aus einer Generation, die in den Bordellen noch eingearbeitet wurde. Von der Wirtschafterin oder der Hausdame. Das fing an bei Fragen wie: Warum willst du hier arbeiten? Ist das dein freier Wille? Bis hin zu: Was hast du für Erfahrungen? Uns wurde erklärt wie man ein Kondom benutzt, was ein Dildo ist, wie du die Stimmung im Zimmer aufbaust. Ältere Kolleginnen haben mich auch zum Duett mitgenommen. Wir konnten zugucken und wurden langsam an die Sache ran geführt. Diese Art der Unterweisung ist aber immer mehr zurückgegangen. Dabei scheint mir eine Einstiegsberatung sogar wichtiger als eine Ausstiegsberatung zu sein. Wenn ich unvorbereitet an die Sache rangehe, tappe ich vielleicht in die eine oder andere Falle.

Wer kommt zu Ihnen und warum?
Männer und Frauen. Es sind Leute, die schon in der Prostitution arbeiten, aber auch Menschen, die überlegen, neu einzusteigen. Auffällig ist, dass heute viele Frauen später anfangen. Frauen, die erst ihren Beruf oder Haushalt und Kinder machen und dann mit 35 Jahren sagen: Ich will doch noch.

Welche Voraussetzungen sollte man für diesen Job mitbringen?
Ganz wichtig ist die Lust an sexuellen Handlungen, Lust auf unterschiedliche Kunden. Ein Faible für Nähe und Körperlichkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Leute, die schnelles Geld wollen, sollten sich was anderes suchen. Die Zeiten, in denen man mal schnell in ein Bordell ging und fünf Stunden später wieder mit 1000 Euro rauskam, sind vorbei.

Wie viel verdient man heute?
Also, ich kann davon leben. Auf der Straße beginnt die sexuelle Dienstleistung bei 5 bis 15 Euro. Aber das ist nach oben offen, für einen Stundenservice können das auch mal 1000 Euro sein. Die große Masse ist bei 20 Minuten. Das ist ein französisches Vorspiel und Verkehr. Liegt in Berlin bei 35 bis 50 Euro. Da geht dann aber noch der Anteil der Zimmermiete und der Werbung runter. Da landen wir vielleicht bei 30 Euro. Davon müssen Sie noch 19 Prozent Mehrwertsteuer runter rechnen. Und einen Teil für die private Krankenversicherung, für Kondome, Gleitmittel und Dessous abziehen. Da sind wir vielleicht bei 15 Euro –die der Einkommensteuer unterliegen. Wenn Sie so rechnen, müssten sie ungefähr zehn Kunden à 50 Euro haben, um am Abend mit 150 Euro nach Hause zu gehen.

Was sind die ersten Schritte?
Es ist wichtig zu wissen, wie Sie arbeiten wollen. Wollen Sie selbständig sein und Termine auch in anderen Städten machen? Dann kommen Sie um eine eigene Setkarte oder um eine eigene Website nicht herum. Die muss beworben werden, durch Zeitungsanzeigen und im Internet. Wenn Sie anonym bleiben wollen, können Sie an ein Bordell andocken. Dann ist es wichtig, sich in dessen Struktur einzubinden. Haben die eine Website? Können Sie gemeinsam mit den Kolleginnen eine Anzeige schalten? Egal wie, Sie kommen ohne Werbung nicht aus. In Großbordellen ist das nicht unbedingt nötig. Wenn es da gut läuft, bekommen Sie ihre Kunden ab. Das ist der Vorteil für Frauen, die nicht permanent arbeiten wollen. Die sagen: „Jetzt habe ich Semesterferien und arbeite mal zwei Wochen am Stück“ oder: „Ich habe Kinder und arbeite zwei Tage pro Woche und das nur morgens, wenn meine Kinder versorgt sind“.

Kann man sich überhaupt darauf vorbereiten, täglich mit Fremden Sex zu haben? 
Eine gute Voraussetzung ist, wenn die Frau sagt: Ich kann mir vorstellen, in den Swingerclub zu gehen und fünf Männer hintereinander zu haben. Aber was es heißt, Sex als Beruf zu haben, kann man nur im Erleben erfahren.

Was macht die Arbeit psychisch mit einem?
Erstmal Hochgefühle. Man hat den Kunden glücklich gemacht und man hat Geld in der Tasche. Je mehr Geld man in der Tasche hat, umso glücklicher ist man. Aber in dem Moment, in dem man die Bordelltür hinter sich zumacht und in die normale Welt kommt, knickt man ein. Unsere Arbeit ist gesellschaftlich nicht akzeptiert, ständig muss man sich Lügengeschichten ausdenken. Das ist zermürbend.

Wie sieht es mit Krankheiten aus?
Natürlich gehört Schutz zum Job. Das heißt erst einmal: Seife und Wasser. Sowohl für mich als auch für den Kunden. Außerdem Kondome und Wissen über Safer Sex. Unser Körper ist unser Kapital, wenn bei mir irgendetwas juckt oder rot ist, dann gehe ich zum Arzt. Auch die Zahlen zeigen, dass Prostituierte nicht gefährdeter sind an Syphilis, HIV oder anderen Krankheiten zu erkranken, als der Rest der Bevölkerung.

»Alice Schwarzer sagte mir, ich sei krank und gehörte

in psychatrische Behandlung«

Ende letzten Jahres scheiterte die Berliner CDU mit dem Antrag, einen Sperrbezirk für Prostitution in der Kurfürstenstraße einzurichten. Wie liberal ist Berlin in Sachen Prostitution?
Es gibt seit Jahren immer mal wieder die Forderung nach Sperrbezirken. Und seit Jahren werden diese Anträge immer wieder abgelehnt. Berlin ist neben Rostock die einzige Stadt in Deutschland, die keinen Sperrbezirk hat. Wir sind hier auch immer gut ohne ausgekommen. Ich würde sogar sagen: Weil es hier keine Sperrbezirke gibt, haben wir auch manche Probleme nicht. Eine Ballung von unterschiedlichen Prostitutionsinteressen auf einem kleinen Gebiet führt immer zu Machtkämpfen und Verdrängungsprozessen.

Bei Prostitution in Berlin denkt man als Erstes an den Straßenstrich in der Oranienburger Straße in Mitte. Ist diese Form typisch für diese Stadt?
Die Oranienburger Straße ist tatsächlich etwas Besonderes. Dort hat der Straßenstrich in Kombination mit angrenzenden Lokalen schon immer bestanden, schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg. Der andere sehr bekannte Straßenstrich ist die Kurfürstenstraße in Schöneberg. Auch da gibt es einen kulturhistorischen Hintergrund: Früher war die angrenzende Potsdamer Straße eine Amüsiermeile. Es gab jede Menge Bars und Absteigen, in denen die Prostituierten ihre Kunden trafen. Für mich sind diese beiden Orte typisch Berlin. Außerdem typisch ist die unsichtbare Prostitution.

Was meinen Sie damit?
In Berlin gab es immer einen Mix aus eher kleinen Prostitutionsstätten: Wohnungsbordelle, Studios, kleine Bars. Das ist im Verlgleich zu anderen Städten sehr angenehm: Sie sehen die Prostitutionsstätten nicht, weil sie sich integrieren und nicht das Klischee bedienen. Es gibt keine Leuchtreklame, keine Türsteher. Als Kunde müssen sie schon forschen, telefonieren, sich in Internetforen austauschen. Manchmal steht an der Klingel nur „Büro“ oder „Agentur“. Alles ist ein ist ein bisschen geheimnisvoll und verschwiegen.

Wie viele Frauen gehen in Berlin anschaffen?
Das kann ich nicht sagen. Ich frage mich immer: Was verändert es an der Diskussion, ob es jetzt 3.000 oder 5.000 Prostituierte in Berlin sind?

Sie selbst sind seit über 20 Jahren im Geschäft. Wie kamen Sie zur Prostitution?
Ich bin über so etwas wie Abenteuerlust eingestiegen. Ich komme aus einem kleinen, damals sehr konservativen Dorf im Oberbergischen. Da gab es diese Bar, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde und von der ein unglaublich starker Reiz ausging. Ich wurde an diesem Ort mit einer Sexualität konfrontiert, die ich ehrlicher fand als sonst im Leben. In der Prostitution geht es klar um das körperliche sexuelle Erlebnis. Ich trete auf und biete sexuelle Dienstleistungen an. Es spricht mich ein Mann an, eine Frau oder ein Pärchen. Wir verhandeln über die Details, machen einen Termin aus und besprechen das Geld. Ich würde das vergleichen mit Wellnessmassagen oder Physiotherapie.

Wissen Sie, wie viele Kunden Sie im Laufe Ihrer Karriere beglückt haben?
Die Zahl sagt nichts aus. Ich erinnere mich eher an einzelne Kunden und Erlebnisse. Dann denke ich: Das war eine schöne Zeit, oder ich denke: Oh Gott, so etwas willst du nicht noch mal erleben. Da warst du nicht professionell genug, da hast du nicht auf Sicherheit geachtet, da warst du zu geldgierig.

Gab es mal eine Situation, in der Sie gedacht haben: Ich höre auf?
Ich hatte mal einen Stammkunden, mit dem gab es nie Probleme. Doch eines Abends fing er an, mit mir rumzuzicken, es ist eskaliert und er hat mich rausgeschmissen. Nackt auf den Flur. In einem anonymen Hochhaus. Mein erster Impuls war, auf die Straße zu laufen und dem Typen richtig Stress zu machen. Dann hab ich doch geklingelt. Er hat sofort die Tür aufgemacht und war auch sichtlich erschrocken über sich. Ich habe dann meine Sachen wiederbekommen, und er hat mir die Hälfte meines Honorars gegeben. Dann ging es noch hin und her, am Ende habe ich ihn verklagt. Ich war die Erste, die noch vor dem Prostitutionsgesetz 2002 ihren Lohn eingeklagt hat. Das muss 1998 gewesen sein. Die ganze Geschichte war ärgerlich, aber ans Aufhören hab ich nie gedacht.

Seit 2002 gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrig und wird als steuerpflichtige Dienstleistung geführt. Wie hat das Gesetz die Branche verändert?
Es hat etwas für das Selbstbewusstsein der Frauen und Bordellbetreiber getan. Das Gesetz gewährt einer Sexarbeiterin Anspruch auf ihren Lohn, das führt dazu, dass die Frauen ihren Kunden gegenüber selbstbewusster auftreten, sich weniger gefallen lassen. Aber dass sich entschieden etwas verändert hat, sehe ich nicht.

Geht es nach den Plänen der Großen Koalition, wird noch in diesem Jahr das Prostitutionsgesetz verschärft. Wie stehen Sie zu diesen Plänen?
Das, worüber in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ist ja eher das Verbot von Prostitution. Dieser Aufruhr hat zwar zu einer enormen medialen Präsenz des Themas geführt, aber nicht zu der Übernahme solcher Forderungen in die Politik. Das wäre auch Schwachsinn. Internationale Beispiele zeigen, dass ein Verbot nicht gelingen kann. In Schweden etwa gibt es nach wie vor Prostitution – nur unter schwierigeren, gefährlicheren Bedingungen.

Was sagen sie zu dem Vorwurf, die Liberalisierung von Prostitution habe zu mehr Zwangsprostitution geführt?
Dieser Vorwurf wird von Leuten erhoben, die keine Ahnung haben. Sämtliche ernstzunehmenden Soziologen, das BKA und das LKA sagen, dass das so nicht stimmt. Sie können sich auch Prostitution nicht isoliert angucken. Wir hatten vor zehn Jahren die EU-Osterweiterung, jetzt schreien alle: „Oh Gott, jetzt kommen die Rumänen und die Bulgaren“. Ja sie kommen. Aber wenn wir Europa sein wollen, dann auch bitte mit allen. Ich bin mir sicher: Durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird es bald weniger rumänische und bulgarische Frauen in der Prostitution geben. Weil sie jetzt eine Alternative haben.

„Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer wirft Ihnen und anderen Frauen, die sich als selbstbestimmte Prostituierte zeigen, eine Verharmlosung des Themas vor.
Verharmlosung ist ein Totschlagargument. Sie helfen damit weder den SexarbeiterInnen, die tatsächlich ausgebeutet werden, noch helfen Sie mir, weil Sie meine Rechte beschneiden. Ich habe Alice Schwarzer mal bei einer Podiumsdiskussion angesprochen: Sie solle bitte differenzierter mit dem Thema umgehen, ich sei eine der viele Prostituierten, die diesem Beruf freiwillig nachgehen. Sie sagte zu mir, wenn ich das behaupten würde, dann müsse ich krank im Hirn sein und gehörte in psychiatrische Behandlung.

Glauben Sie, Prostitution wird in naher Zukunft ein Beruf wie jeder andere sein?
Es ist ein Beruf wie jeder andere (lacht). Und es ist kein Beruf wie jeder andere, weil ich nicht die gleichen Rechte habe und mich immer wieder mit Ablehnung konfrontiert sehe. Von daher glaube ich nicht, dass ich es noch erleben werde, dass Prostituierte gesellschaftlich und wirtschaftlich voll integriert sind.

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