Zwei Genres

Steve Binettis Leben zwischen Bildern

Er ist vor allem als Musiker bekannt und hat die Folgen prekärer kreativer Arbeit öffentlich gemacht. Jetzt zeigt Steve Binetti bereits seine dritte Ausstellung in diesem Jahr

©Steve Binetti
„Big Airplane“ ©Steve Binetti

Es kann eng werden als Künstler. Finan­ziell, aber auch räumlich. Wie bei Steve Binetti. Der wohnt seit einem Jahr auf 45 Quadratmetern in Prenzlauer Berg. Auf diesen 45 Quadratmetern lebt, schläft, kocht und isst er, sie dienen aber auch als Tonstudio und Atelier, als Proberaum und nicht zuletzt als Lager für die geschätzt 400 Bilder, die Binetti in seinem Leben gemalt hat. Unterm Bett, auf dem Schrank, überall hat er sie verstaut, erzählt er. Im wahrsten Sinne: ein Leben mit der Malerei.

Doch bekannt, man kann sogar sagen: berühmt geworden ist Binetti mit der ­Musik, mit seiner Gitarre. In den 80er-Jahren gründet er Bands, die im Ost-Berliner Underground Furore machen, er spielt mit Musikern, die später als Rammstein weltberühmt werden. Vor allem sein expressives Gitarrenspiel sticht heraus, der 1966 als Stephan Bieniek geborene Musiker wird zum „Hendrix des Ostens“. In den frühen 90er-Jahren scheint Binetti als Musiker fest etabliert. Er komponiert regelmäßig für Volksbühne, Maxim Gorki, Schillertheater und auch das Centraltheater Leipzig, er tritt als Theatermusiker auf, schauspielert sogar gelegentlich, arbeitet mit Regisseuren wie Sebastian Hartmann und Frank Castorf.

Damals beginnt Binetti zu malen. „Ich hab mir das nicht ausgesucht, da war ein Drang in mir“, erzählt er, „da musste was aus mir raus.“ Zuerst imitiert er Helden wie Jean-Baptiste Martin oder Cézanne, ­Braque und Basquiat, dann entwickelt er einen ­eigenen impulsiven, mitunter naiv wirkenden Stil. Schnell hat er kleine Ausstellungen, vieles scheint möglich, das Leben ist schnell, Berlin noch schneller. Irgendwann wird alles zu schnell. 1997, er lebt im Atelier, die Farben dampfen aus, Rotwein und Zigaretten, Tinnitus. Die Jobs werden seltener, das Geld weniger.

Existenzkrise, öffentlicht gemacht

©Christiane Hebold
Steve Binetti, fotografiert von Christiane Hebold

Binetti bringt Platten heraus, spielt Konzerte, versucht Bilder zu verkaufen. Aber der Ost-Hendrix ist nicht mehr so dringend gefragt, die Karriere als Maler hat nie richtig begonnen. Ende 2016 beschreibt Binetti in einem Facebook-Post sein existenzgefährdendes Künstlerdasein, kündigt an, die Musik aufzugeben, äußert Suizidgedanken. Es ist einer der Momente, in denen ein privates Schicksal eine größere Wahrheit sichtbar macht: Es geht Binetti wie vielen Künstlern, Musikern, Schauspielern oder Autoren. Er geht nur offener als die meisten damit um.

Es gehe ihm besser mittlerweile, erzählt Binetti. Zwei, drei Mal pro Woche schiebt er Schichten in einer Bar. Immerhin hatte er 2019 schon zwei Ausstellungen. Die erste in der Fata Morgana Galerie lief gut, ein paar Bilder gingen weg. Die zweite in der Living Gallery zog zwar Publikum, aber brachte kaum Umsatz. Nun, wieder im Fata Morgana, hofft er den Trend umzukehren.

Seine Bilder sind figürlich, obwohl sie so ähnlich entstehen wie seine Musik. Ob mit Gitarre oder den Farben, er hat keinen vorgefassten Plan. Mit der Gitarre klimpert er suchend, bis etwas entsteht, und auch zum Malen versucht er sich „dumm zu machen, um mit einem leeren Geist Farben zu setzen“. Beide Prozesse sind „ein Ertasten, Suchen und Finden und Erscheinen lassen“.

Die Ergebnisse sind keine künstlerischen Revolutionen. Aber sie spielen erfrischend leichtfertig mit der Kunst­geschichte und mit Erwartungshaltungen, zitieren schon mal unverschämt, wirken so rührselig wie selbstironisch, sind bunt und oft, trotz schwer aufgetragener Farben, witzig. Sie sind auf jeden Fall interessant genug, um nicht in einer Einzimmerwohnung einzustauben. 


14.–23.11.: Fata Morgana Galerie,
Torstr. 170, Mitte, Di–So 10–22 Uhr