40 Jahre ZITTY

Steve Morell von Pale Music Int.

Vor 32 Jahren kam ich in diese Stadt, im Winter 1984, und man sagt, manche Dinge werden von Generation zu Generation weiter getragen. Genau so war es vor 32 Jahren, als ich im Winter 1984 nach Berlin kam. Das Erste, was mir Alt-Hippies, Punks oder sonstig genervte Berliner empfohlen haben, war entweder die Zitty oder der TIP. Und ehrlich gesagt: das tue ich heute immer noch. Wenn mich Praktikanten oder Leute, die neu sind in der Stadt, fragen, wo denn was los ist in Berlin. sage ich: Kauf dir den TIP oder die Zitty.

Steve Morell
Foto: Jackie J. Baier

Bist du im Zitty oder im TIP, dann bist du Berlin! Tagestipp zu sein ist immer ein bisschen wie die Königsdisziplin, „Ja, geschafft!“. Wenn TIP oder Zitty es küren, dann ist es fast schon ein Garant, dass es die Stadt auch gut finden wird, bzw. das die Veranstaltung ein Erfolg wird. Es ist wie ein Barometer! Es sind die zwei, die dich immer verfolgen, die immer da sind sind, in jeder Wohnung bei mir waren, die neben mir geschlafen haben, dein Date retten, wenn deine Freundin dich verlässt und, selbst wenn du im Exil bist, dir immer sagen was gerade zuhause in Berlin passiert.

Und ja, so wie man sich selbst verändert, verändern sich auch die Beiden die in Berlin sagen wo der Hammer hängt. Früher mal Konkurrenten gewesen – Zitty mehr links alternativ und TIP mehr mainstream-orientierter – sind sie heute ein Herz und eine Seele, zumindest redaktionell. Beide zeigen aber auf ihre Art, wo Berlin gerade musikalisch und kulturell hingeht. Richtungsweisend sind für mich beide immer ein Spiegel der Zeit gewesen, in der wir uns hier auf der Insel Berlin gerade befinden. Das kulturelle Berlin wäre ohne TIP und Zitty unvorstellbar.

Bist du als Künstler nicht drin, bist du nicht in; dann war etwas anderes besser oder du hast den Abgabeschluss verpennt. Beide Magazine haben mich und die kulturellen Veranstaltungen und Events, die ich gemacht habe, immer supported. Und ihre Mitarbeiter sind irgendwie immer so nah am Puls, dass sie erkannt haben was den Zeitgeist spiegelt, egal ob im Nachtleben oder im kulturellen Tagesgeschäft unserer Stadt. Ich denke, ähnlich wie mir geht es vielen Musikern hier in der Stadt. Einen großen Teil meines Erfolges verdanke ich bestimmt Zitty und TIP, die damals erkannt haben, das sich der Zeitgeist veränderte und dies auch immer noch tut, egal ob in den 80ern, vor ca. 17 Jahren und heute immer noch.

ZITTY-Cover mit Steve Morell

Als ich Anfang der 2000er Jahre mein Label Pale Music Int. gründete und das Undergroundfestival „Berlin Insane“ ins Leben rief, waren TIP und Zitty die Ersten, die daran glaubten das hier etwas neues passiert, fernab von Techno des vorhergehenden Jahrzehnts, und darüber berichteten. Außer einer uns mit (hervorragendem) Whiskey beliefernden Firma, waren Zitty und TIP die einzigen Mediapartner, welche seinerzeit an das Festival und den Aufstieg einer Art von neuen Musik geglaubt haben, die uns redaktionell unterstützten – wofür ich den beiden bis heute Dank entgegen bringe. Nach alldem, was ich die letzten 25 bis 30 Jahre hier in der Stadt getan habe, egal ob damals im Blockshock, im Trash, im Ex ´n Pop, im Ecxtasy, oder später dann im alten White Trash, mit Berlin Insane, mit meinem Label oder einfach nur selbst als Künstler, war es schon irgendwie ein Ritterschlag, als ich zur Zitty Story „30 Jahre Punk, was in Berlin immer noch passiert“ in 2006 das Titelbild küren durfte.

Irgendwie haben sie das damals schon richtig reflektiert: ich habe mein Label eher so wie vor 35 Jahren angefangen als hier in der Neuzeit. Einfach weil ich keine Ahnung hatte und auch nicht das Geld anderer Firmengründer. Keine Ahnung ob das nun alles richtig ist was und wie es mache, aber irgendwie fühle ich mich immer noch wie damals und Geld verdiene ich mit dem was ich tue auch nicht wirklich! Vielleicht ist es das was damals schon von den beiden Magazinen erkannt wurde, das sich da jemand durchschlägt, genau wie früher, notorisch kurz vor der finanziellen, nervlichen und seelischen Pleite, der aber trotzdem immer weitermacht und der Stadt neue Musik offenbart.

Viele der Mitarbeiter von TIP und Zitty bewegen sich selbst seit Jahrzehnten nachts in der Stadt, reflektieren das Zeitgeschehen, registrieren ob etwas real wiedergegeben wird oder ob es nur Fake ist. TIP und Zitty sind nicht nur oft genau dann da und berichten darüber, wenn neue Trends aufkommen; oft sind sie auch diejenigen, welche neue Trends pushen und so auch indirekt dafür verantwortlich dass neue Trends entstehen, in Berlin und über seine Grenzen hinaus. Natürlich wird auch viel kritisiert und hinterfragt. Bist du heute auf dem Titelbild, kannst du morgen schon als einer der „100 Peinlichsten Berliner“ an die Wand gemalt werden und wirst von Paris bis London darauf angesprochen, wie man denn einer von „100 most embarasing Berliners“ wird. Wobei man sich am Ende jedes Mal neu überlegen muss, was man nun dazu sagen soll.

Steve Morell © By Patrick Citera

Auf jeden Fall denke ich, beide Zeitungen sind zu journalistischen Institutionen von Europas kultureller Hauptstadt geworden und haben sich zu einem gesellschaftskritisch und kulturellen Sprachrohr entwickelt, die beide definitiv aus Berlin nicht mehr wegzudenken sind und die Berlin auch dringend braucht, gerade jetzt, wo immer mehr in die Stadt der Zuflucht stürmen. Irgendwie kann ich mir Berlin ohne Zitty und TIP nicht mehr vorstellen. Es ist selbst nach 32 Jahren immer noch eine Ehre und es hat kein bisschen an Charme verloren, wenn der Zitty oder TIP über dich oder deine Veranstaltung berichten. Selbst der oder die Coolste unter den Künstlern können es nicht verneinen, dass sie, sobald die neue Ausgabe raus ist, am Spätkauf stehen, neugierig das Heft durchblättern und bei Tagestipp, Stories, Plattenkritiken, Kinokalender oder den endlosen detaillierten Veranstaltungshinweisen große Augen machen. Es gibt keinen Club, keine Bar, kein Café, kein Kino, wo du beide oder eines der beiden Magazine nicht findest. Auf hunderten WG Toiletten, im Krankenhaus. im Studio, in besetzten und nicht besetzten Häusern, beim Arzt, im Bezirksamt, ja sogar im Knast und natürlich beim 24 Stunden Bäcker in Kreuzberg: TIP und Zitty sind immer noch überall und das ist auch gut so!

Happy Birthday TIP und Zitty, alles beste für euch! Remember, wir werden nicht älter, wir werden nur besser! Auf die nächsten 40 / 45 Jahre. Lasst es ordentlich krachen!

Steve Morell, Berlin den 02 März, 2017

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