Suchtbehandlung

Stoff vom Staat

Seit zehn Jahren gibt es in Deutschland Heroin als Kassenleistung. Berliner Süchtige erhalten ihre Dosis in der Praxis Patrida. Der Bedarf ist groß

Gino Motsch nach der Injektion von zwei Millilitern einer Lösung aus Diamorphin und Wasser
Fotos: Lena Ganssmann

Gino Motsch hat sich gerade Heroin gespritzt. Der 30-Jährige sitzt in einem Aufenthaltsraum, die Ellenbogen hat er auf den Oberschenkeln abgestützt, den Blick gesenkt. Am rechten Arm trägt er ein Schweißband, mit dem er die Einstichstellen in seiner Armbeuge verdeckt. „Eigentlich weiß ja keiner, wie man sich im Mutterleib fühlt. Aber so stelle ich es mir vor“, sagt Motsch. 

Gegenüber von ihm steht ein anderer Heroinkonsument an einem Bücherregal und zieht einen Bildband heraus. Zwei weitere liegen auf einer Eckcouch, die Augen geschlossen. Es riecht nach Zwiebeln, zwei Sozialarbeiterinnen kochen Nudeln mit Tomatensoße für alle. Ein Mann mit Kappe geht aus dem Zimmer und sagt: „Ciao, Gino.“ Motsch hebt die Hand. Seine Augenlider sind halb geschlossen. Immer wieder sinken sie ganz herab und verdecken grüne Augen mit winzigen Pupillen. 

Heroin, das ist eine Droge, die einerseits Freiheit und ein Auflehnen gegen die Mehrheitsgesellschaft verspricht und andererseits wie kaum eine andere Substanz Freiheit stiehlt. Bands wie The Velvet Underground, The Stranglers und Pink Floyd haben Heroin besungen und es glamourös gemacht. Aber spätestens seitdem 1981 die schockierenden Szenen aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ über die deutschen Leinwände flimmerten, hat die Droge ein Imageproblem.

Aufrechterhalten wird es von heruntergekommenen Menschen mit zerstochenen Venen und Abszessen an den Armen, wie sie am Kottbusser Tor und anderen U-Bahnhöfen des Öfteren zu sehen sind. Nach einer Schätzung des Senats leben gegenwärtig 10.000 bis 14.500 Opiatabhängige in der Stadt, sie konsumieren Tramadol, Opium, Morphium, Fentanyl oder eben Heroin. 3.443 Menschen haben im Oktober des vergangenen Jahres mit Methadon oder anderen Mitteln substituiert. 

In der Praxis Patrida in Reinickendorf bekommen 155 Abhängige jeden Tag zweimal genau das, was sie begehren: Heroin. Der Fachbegriff dafür ist: Diamorphin. Den Stoff gibt es seit 2009 als Kassenleistung für Heroinabhängige, sozusagen als Ultima Ratio für Süchtige, bei denen alle andere Therapieversuche gescheitert sind. Vor zehn Jahren, am 28. Mai 2009, beschloss der Bundestag nach einer erfolgreichen Testphase mit großer Mehrheit und ohne Fraktionszwang, das saubere Heroin verschreibungsfähig zu machen. Sogar elf CDU-Abgeordnete stimmten dafür. Und so finanzieren nun die allermeisten Deutschen über Steuern und die gesetzlichen Krankenkassenbeiträge Heroin für Süchtige. Wie sinnvoll ist das Projekt? 

Trotz der vielen Schattenseiten des Heroinkonsums verherrlicht die Popkultur auch heute noch gern den Live-fast-die-young-Lifestyle der Konsument*innen. Der Heroin-Chic, der in den 1990er-Jahren  ganz massiv von der Werbung transportiert wurde, ist seit 2016 auch wieder konkret im Stadtbild zu sehen: An vielen Straßenlaternen hängen Plakate der Marke „Heroin Kids“, darauf posieren ausgemergelte junge Menschen in Unterwäsche. 

Die ärztliche Vergabe hingegen entzaubert die Droge und die Rituale drumherum.  

Wer die Diamorphin-Behandlung bekommen will, muss strenge Auflagen einhalten: Die Süchtigen müssen mindestens 23 Jahre alt sein, mindestens zwei gescheiterte Therapien und sechs Monate Substitutionsbehandlung mit gängigen Mitteln wie Methadon hinter sich haben. Außerdem müssen sie seit mindestens fünf Jahren abhängig sein und den Stoff intravenös zu sich nehmen. Denn wer spritzt, lebt gefährlicher – weil der Wirkstoffanstieg im Körper so schnell ankommt und weil sich über benutzte Spritzen Krankheiten verbreiten können.

Spritzbesteck in der Praxis Patrida. Wenn es nicht alleine geht, helfen die Mitarbeiter auch beim Schuss

Bis vor drei Jahren hat auch Gino Motsch mit Methadon substituiert und seine Dosis täglich in einer Praxis in Kreuzberg abgeholt. Anders als in der Praxis Patrida arbeiten in den Praxen, die Substitution anbieten, keine Therapeuten, sondern Hausärzt*innen. „Da hat man das Gefühl, man wird abgefertigt. In der Praxis, wo ich war, musste man nach einer halben Stunde weg sein und durfte sich nicht im Umkreis aufhalten“, sagt Motsch.

Und wie hat er sich mit Methadon gefühlt? „Nicht gut“, sagt Motsch. Träge? „Ja“, sagt Motsch. Und wie fühlt er sich jetzt? „Gut.“ Er blickt langsam auf, mit seiner rechten Hand knetet er die linke. Kurz vor dem Interview hat er wegen der Ausnahmesituation um eine zusätzliche, dritte Dosis gebeten und sie auch bekommen. Dafür ist er in den Applikationsraum gegangen, wo ihm eine der Arzthelferinnen eine fertig aufgezogene Spritze gereicht hat – gefüllt mit einer Mischung aus Diamorphin und sterilem Wasser. Dann hat er sich an einen Tisch gesetzt, der ein bisschen wirkt wie aus einem Großraumbüro. An jedem Platz liegen ein Band zum Armabbinden, Desinfektionsspray und Tupfer. Motsch hat eine Vene in der linken Ellenbogenbeuge gesucht, etwas Blut aufgezogen und das saubere Heroin durch seine Adern geschickt. Dass er sich danach richtig wohl fühlt, „wie im Mutterleib“, sieht man ihm nicht an. 

Die Zahl der Drogentoten ist in Berlin seit 2012 kontinuierlich gestiegen, auf zuletzt 191. Eine der Haupt­ursachen: unerwartet reiner Stoff. In der Praxis Patrida besteht diese Gefahr nicht. Während das gestreckte Heroin von der Straße zwischen zwei und 30 Prozent Wirkstoffgehalt aufweist, ist das in der Praxis immer zu 98,5 Prozent rein. Es ist berechenbar. Außerdem werden die Konsument*innen vor, während und nach dem Konsum medizinisch betreut.

Man sieht es ihm zwar nicht an, aber man glaubt Motsch, wenn er sagt, ihm gehe es jetzt richtig gut. Zumindest im Vergleich zu der Zeit, als er auf Straßenheroin war. 14 Entgiftungen hat er hinter sich, einmal ist er auf Heroin in einen U-Bahn-Schacht gefallen und hat sich die Hüfte, das Becken und einen Arm gebrochen.

Gratis-Heroin ist gesünder

Aber auch im Vergleich zur Substitutionsphase geht es ihm jetzt besser. Damals ist er jeden Tag losgezogen und hat sich, zusätzlich zum Methadon, andere Drogen besorgt: Kokain, Alkohol, Amphetamine. Das Koks hatte er sich injiziert, wie davor das Straßenheroin, mit der Nadel. Mindestens 100 Euro hat er am Tag dafür ausgegeben, nach oben hatte es keine Grenze gegeben. Woher er das Geld dafür hatte? „Klassische Beschaffungskriminalität. Hauptsächlich habe ich in Geschäften geklaut“, sagt Motsch. „Aber ich habe nie irgendwelche Omis überfallen. Das konnte ich nicht.“  

Dass Gino Motsch inzwischen regelmäßig und gratis saubere Drogen bekommt, hat er auch Thomas Peschel zu verdanken. Der Leiter der Praxis Patrida hat schon in der ersten Versuchsphase vor 17 Jahren legales Heroin an Schwerstabhängige verteilt. „Die Patienten sind gesünder, wenn sie legales Heroin nehmen“ sagt er. „Auch weil sie zur Ruhe kommen, nicht den ganzen Tag auf Achse sind, um Geld für Drogen aufzutreiben.“ Peschel ist Psychiater, in seiner Praxis arbeiten aber auch Allgemeinmediziner*innen, die die Patient*innen betreuen. In der Praxis können die Patient*innen den Tag verbringen, in Therapiesitzungen über ihre Probleme sprechen, es gibt einen Ruheraum, eine Tischtennisplatte, außerdem Romane und Sachbücher zum Ausleihen. Trotzdem: „Richtige Freunde habe ich hier nicht“, sagt Motsch. „Wenn zwei Süchtige aufeinander hocken, kann das böse enden.“

Thomas Peschel, ein Vorreiter der Diamorphin-Vergabe

Abstinenz ist in der Suchtmedizin nicht mehr oberstes Ziel. Vielmehr sollen die Abhängigen die Finger von illegal erworbenen Drogen lassen und so besser und gesünder leben. Der Psychiater Peschel ist außerdem überzeugt, dass man Abhängigen hilft, indem man ihnen Stabilität bietet, die, so Peschel, am Ende meist zu weniger Konsum führt. Die meisten seiner Patient*innen würden mit der Zeit ihre Dosen freiwillig reduzieren, viele würden wieder anfangen zu arbeiten. Diese Stabilität erreiche man eher mit Diamorphin als mit Methadon: weil Methadon zwar die Entzugsbeschwerden wegnimmt, aber nicht den Suchtdruck und das Verlangen nach Wärme und Geborgenheit. Besser mit guten Drogen funktionieren als mit schlechten abschmieren, so ist die Logik.

Der Suchtbeauftragte der Berliner Ärztekammer, Thomas Reuter, relativiert Peschels Standpunkt: „Abstinenz ist sicherlich noch das wünschenswerteste Ziel. Aber gerade bei Opiatabhängigen kann sie häufig nicht erreicht werden“, sagt er. Die Behandlung mit herkömmlichen Substituten wie Methadon gebe es aus gutem Grund. Reuter zufolge schafft es ungefähr ein Drittel, mithilfe solcher Mittel einen Weg in die längere Abstinenz zu finden. Für das nächste Drittel ergebe sich unter dauerhafter Substitution ein stabiles Leben. „Viele von diesen Menschen können so arbeiten gehen oder in den Urlaub fahren, weil sie die Medikamente, anders als Diamorphin, mit in den Urlaub nehmen dürfen“, sagt er.

Ersatz für Liebe und Geborgenheit

Das letzte Drittel der Methadon-Substituierten konsumiere weiter harte Drogen, auch Heroin, so Reuter. Bei ihnen erreiche man mit Methadon häufig kaum etwas: Sie bauen ab. „Für diese Menschen ist Diamorphin eine gute Alternative, weil die Abhängigen so eine höhere Lebensqualität haben und gesünder sind. Das ist ein Erfolg. Es gilt ja auch als Erfolg, wenn ein Krebskranker weniger Schmerzen hat oder drei Monate länger lebt“ sagt er.

Der Psychiater Peschel ist davon überzeugt, dass
Diamorphin für viele Süchtige die optimale Behandlungsmethode ist. Er erzählt von Patient*innen, die stottern und erst flüssig reden können, nachdem sie ihre Dosis bekommen haben, und anderen, die erst mit Diamorphin selbstbewusst genug sind, um ein Gespräch zu führen. 

Manche hätten mit 14 Jahren angefangen, zu konsumieren und würden grundlegende Regeln des gesellschaftlichen Umgangs nicht kennen. Von denen wiederum hätten viele schwierige Elternhäuser gehabt, nie Liebe und Geborgenheit erfahren. Auch Motsch hatte es schwer im Leben: Der Vater war drogenabhängig, die Mutter starb, als er elf war.  

Konsumplätze in der Praxis Patrida: Saubere Bedingungen, medizinische Überwachung

Gerade solche Menschen, glaubt Peschel, springen besonders auf Heroin an. „Das ist wie ein Schlüssel, der ins Schloss passt. Heroin gibt den Patienten das, wonach sie immer gesucht haben“, sagt er. Er nennt die Abhängigen bewusst Patient*innen, nicht Junkies: „Junk bedeutet Abfall. So kann man doch keine Menschen bezeichnen. Sowas hinterlässt Wunden. Wenn man Menschen wie Abfall behandelt, dann verhalten sie sich auch so und sehen so aus“, sagt er.

Die Praxis Patrida ist eine von zehn Praxen in Deutschland, die eine Behandlung mit Diamorphin anbieten – und die einzige in Berlin. Sie kann den Bedarf kaum decken: Alle Plätze sind belegt. Manche Patient*innen müssen mehrere Monate warten, bis sie einen Platz im Programm bekommen. Deswegen plant der Senat nun die Eröffnung einer zweiten Diamorphin-Praxis. 

 »Heroin gibt den Patienten das, wonach sie immer gesucht haben«

Thomas Peschel, Psychiater

Die Heroinvergabe ist sieben Mal teurer als eine Substitutionsbehandlung mit Methadon. Das liegt unter anderem daran, dass die Vorräte mit der begehrten Droge aufwändig gesichert werden müssen. Außerdem müssen die Praxen täglich geöffnet sein, damit die Patient*innen sich jeden Tag ihre Dosis spritzen können. Doch die Mehrkosten scheinen sich zu lohnen.

Seit drei Jahren erhält Gino Motsch in der Praxis Patrida zwei Mal täglich Heroin. Seitdem geht es bergauf in seinem Leben. Er ist beikonsumfrei, das heißt, er nimmt keine anderen Drogen mehr. Und er hat einen Platz im betreuten Wohnen in Neukölln und arbeitet jeden Tag in einem Ergotherapie-Zentrum. Dort soll er zeigen, dass er in der Lage ist, pünktlich und zuverlässig zu sein. Die letzten sechs Jahre hat er nicht gearbeitet, musste kaum Termine einhalten. „Aber ich weiß, dass ich es kann“, sagt Motsch. 

Langfristig will er in einem Beruf arbeiten, der etwas mit sozialer Arbeit zu tun hat. „Ich glaube, ich kann Menschen ganz gut helfen. Und ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt er. Seinen alten Beruf als Koch will er nicht mehr machen. In der Gastronomie, sagt Motsch, gebe es zu viele Drogen.