Kunst im Stadtraum

Gedenken von unten

In Neukölln wurden Stolpersteine aus dem Gedenkprojekt von Gunter Demnig gestohlen. Ein neues Buch rollt Geschichte und Rezeption des Werks auf

In Berlin, wie in vielen anderen deutschen und europäischen Städten auch, gehört das „Stolpern“ über die im Pflaster eingelassenen zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten mit Namen, Geburtsjahr und Schicksal eines NS-Opfers zum Alltag. Vereinzelt werden Steine mutwillig beschädigt oder entwendet, wie kürzlich an mehreren Orten in Neukölln.

 Foto: Matthias Reichelt
Langzeit-Projekt: Gunter Demnig verlegt seit 1993 „Stolpersteine“, hier 1996 in Berlin. Foto: Matthias Reichelt

Begründet wurde das Gedenkprojekt von dem Künstler Gunter Demnig vor 24 Jahren. Seit 1993 verlegt Demnig, anfangs probehalber nur in Köln, Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes. Der 1947 in Berlin geborene und im Rheinland lebende Künstler feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Immer noch ist er nahezu 200 Tage im Jahr unterwegs, um Stolpersteine zu verlegen und damit an Vertreibung und Vernichtung zu erinnern. Sein Kunstprojekt besticht durch eine unaufdringliche und keineswegs monumentale Gedenkform. Die Stolpersteine werden von Passanten zufällig entdeckt und entfalten ihre Wirkung langfristig. Der Verlegung geht ein partizipatorischer Prozess voraus, denn den Impuls geben Grass­root-Initiativen, die den Künstler mit der notwendigen Information versorgen und für die Herstellungskosten aufkommen. Auf diese Weise sind in Berlin, auch im Rahmen von Schulprojekten, bisher knapp 7.500 Steine verlegt worden, wie die eigens für das Projekt eingerichtete „Koordinierungsstelle Stolpersteine“ mitteilt. Eingelassen ins Pflaster der Bürgersteige finden sich die Betonquader mit den Messingplatten vor der letzten Wohnadresse der Menschen, bevor diese deportiert, ermordet, verhaftet oder ins Exil vertrieben wurden. Nun hat der Kölner Historiker Hans Hesse ein fast zwei Kilo schweres Buch mit einer umfassenden, historisch-kritischen Darstellung des Projekt veröffentlicht.

Dokumentation aus Köln

Zu Beginn konzentrierte sich das Projekt vor allem auf Juden, Roma und Sinti, ist dann jedoch sukzessive auf Widerstandskämpfer und Homosexuelle ausgeweitet worden. Hesse legt mit vielen Quellen und Akribie die ganze Entwicklung und den historischen Kontext dar. Als die Idee bei Demnig in den frühen 1990er-Jahren entstand, herrschte eine kontroverse Debatte um das unter Ausschluss aller anderen Opfergruppen propagierte „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Die Initialzündung für die Stolpersteine in Berlin gab die Ausstellung „Künstler forschen nach Auschwitz“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst.

Im Sinn einer alternativen Gedenkpolitik im Stadtraum verlegte Demnig im Mai 1996 die ersten 41 Berliner Stolpersteine illegal in der Oranienstraße. Nachträglich wurde die Verlegung legalisiert. Auch wenn es vereinzelt Kritik an Texten auf den Steinen oder der Ausweitung der Opfergruppen gab, stößt diese Erinnerungsform in allen Bezirken und in vielen Städten auf großen Zuspruch. Nur die Stadt München wehrt sich beharrlich. In Charlotte Knobloch hat das Projekt seine erbittertste Gegnerin. Die ehemalige Vorsitzende der Israelischen Kultusgemeinde der Stadt findet es unerträglich, dass „Stiefel und Schuhe auf Namen von Opfern des Naziregimes herumtreten.“

Hinter den jüngsten Diebstählen von Neukölln vermuten die Behörden ein politisches Motiv. Viele Menschen reagieren empört auf den Vandalismus und sorgen nun mit Spenden dafür, dass die 21 aus dem Pflaster gerissenen Stolpersteine ersetzt werden können. 

Hans Hesse: Stolpersteine. Idee. Künstler. ­Geschichte. Wirkung. 512 S. mit zahlr. Abb. in Farbe, Klartext Verlag 2017, 39,95 €

 

Mehr zu Neukölln

Neukölln für Profis

Kommentiere diesen beitrag