»Wir verhandeln Themen«

„Straßen-Carmina“ und „Cosi fan tutte“

Zwei Musiktheaterprojekte machen im Radialsystem und im Heimathafen Flüchtlinge und Obdachlose zu Protagonisten und geben ihnen eine Stimme – als Chor

Text: Georg Kasch

Musiktheater ist oft eine eher elitäre Veranstaltung: Auf der Bühne stehen hervorragend ausgebildete Künstler, im Publikum sitzen vor allem Akademiker. Jetzt aber werden in Berlin zwei Musiktheaterprojekte gezeigt, an denen Menschen mitwirken, die man in der Hochkultur nicht unbedingt erwarten würde: Flüchtlinge und Obdachlose.

Auf den Sprechtheaterbühnen sind beide Gruppen bereits keine Ausnahme mehr: In Berlin gibt es seit Jahren das Obdachlosentheater Ratten07, zum Theatertreffen im Mai kommt Nicolas Stemann mit Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ und einem Flüchtlings­chor. Singen aber ist insofern eine andere Kategorie, weil nicht jedem Talent gegeben ist. Einen Chor also nach sozialen Merkmalen zusammenzustellen, birgt Risiken.

In Berlin sind jetzt gleich zwei unterschiedliche Musiktheaterprojekte mit Laienchören aus sogenannten Randgruppen zu erleben. Wolfgang Amadeus Mozarts „Così fan tutte“ im Radialsystem, eine Stuttgarter Produktion, kommt mit Profisängern, Profimusikern sowie einem Profi­regisseur. Und mit einem Chor aus syrischen Flüchtlingen.

Regisseur Bernd Schmitt wollte die Oper über einen folgenschweren Treue-Test in einem Flüchtlingsheim spielen lassen. Schließlich könnte die Wette, die Guglielmo und Ferrando mit dem älteren Don Alfonso eingehen, auch aus Langeweile und Ödnis heraus geschlossen werden, so die Überlegung. Zum Schein ziehen die jungen Männer in den Krieg – und kommen als Deutsche verkleidet wieder.

Eine Regie-Idee mit Folgen. Cornelia Lanz, die die Dorabella singt, war dabei, als im Mai 2014 syrische Flüchtlinge in Oberschwaben ankamen. „Ich fühlte mich so ohnmächtig angesichts ihrer Entwurzelung.“ Sofort war ihr klar, dass man die Flüchtlinge nicht alleine lassen dürfe. Bald war die Idee geboren, die Syrer in die Opernproduktion einzubinden. Knapp 30 von ihnen machen jetzt mit – einige hinter der Bühne, etwa 20 als Laiendarsteller und im Chor.

Auch mit selbst geschriebenen Texten. „Ich hasse mich in der Fremde, jeden Tag renne ich gegen eine Wand“, beginnt noch vor der Ouvertüre ein junger Syrer auf Arabisch. Ein anderer stimmt ein: „Wir wollen zurück zu einem friedlichen Leben, wollen Schmerz und Leid loswerden.“ Freiwillig ist hier niemand, so die Botschaft.

„Als Sängerin bin ich gewohnt, auf Menschen zuzugehen“, erzählt Lanz. „Als ich den Flüchtlingen begegnet bin, sagten ihre Blicke: Danke für den Empfang, aber das ist nicht unsere Heimat.“ Für viele sei das Projekt so zu einem ersten Schritt in die ungewohnte neue Kultur geworden, so die Ini­tiatorin. „Während der Proben haben wir gemeinsam gelebt, uns gegenseitig kennengelernt, einander Lieder vorgesungen.“

Bekannt wurde der Chor inzwischen auch aus dem Fernsehen: In der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ wurde ihr Paradieslied „Jalla“, das die jetzt zerstörten syrischen Städte besingt und Teil der „Così“-Inszenierung ist, zu einem bewegenden Schlusspunkt. Man merkt den Sängern ihre Bewegtheit, ihre Rührung an, was sich aufs Publikum überträgt. Das mediale Echo war enorm – jetzt ist der Chor sogar in den Bundestag eingeladen.

Übers Fernsehen wurde auch der Berliner Straßenchor bekannt. Gegründet wurde er 2009 für eine Reality-Soap auf ZDF Neo, wo unter dem Slogan „Von der Straße auf die Bühne“ Obdachlose konzertreif gemacht werden sollten. Schon währenddessen war Leiter Stefan Schmidt klar: „Das Projekt muss unbedingt weitergehen, wenn die Kame­ras aus sind.“

Der Konzertpianist gründete einen Verein, schuf Strukturen, sammelte Spenden. Das Geld braucht der Chor, um die Raummiete zu zahlen und das gemeinsame Kochen nach den Proben zu finanzieren. 2011 wurde der Chor vom Projekt „365 Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Ein Casting gibt es nicht, dafür offene Proben. „Wir überprüfen nicht, ob jemand obdachlos ist“, sagt Daniel Ris, der beim aktuellen Projekt Regie führt. Jeder ist willkommen: neben Alkohol- und Drogenabhängigen, Prostituierten, Obdachlosen, Hartz-IV-Empfängern, Straßenkindern, Gewaltopfern und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen also auch die Menschen von nebenan. „Klar gibt es Leute, die schief singen“, gibt Ris zu. „Aber der Chor wächst extrem an seinen Aufgaben.“ Wie schon Lanz betont auch Ris den unschätzbaren Wert des Probenprozesses für die Sänger. „Was sie gerade durchmachen, ist enorm wichtig.“

Angefangen hatte der Chor mit Schlagern wie „Wunder geschehn“ von Nena – einstimmig. Jetzt hat er sich eine der größeren Herausforderungen des Chorrepertoires vorgenommen – Carl Orffs „Carmina Burana“. Aus Rechtegründen wird der Straßenchor nur einen Teil daraus singen, einzig begleitet von einer Pianistin und Perkussioninstrumenten statt eines Orchesters. Ergänzt wird Orffs Musik um die einstimmigen mittelalterlichen Originalversionen und eigene Texte, die Ris inszeniert. Der Titel: „Die Straßen-Carmina“. Schließlich gehe es in der „Carmina Burana“ um vieles, was auch Menschen bewegt, die auf der Straße leben: die Wechselhaftigkeit des Schicksals, die Macht des Geldes, Saufen, Sex und Drogen. Dabei verspricht Ris: „Wir schlachten die Biografien unserer Sänger nicht aus. Wir verhandeln Themen.“

„Straßen-Carmina“, 25.+26.2., 1.3., 20 Uhr, Heimathafen Neukölln. Regie: Daniel Ris; musikal. Ltg.: Stefan Schmidt. Eintritt 15, erm. 12 Euro

„Cosi fan tutte“, 21.+22.2., 19 Uhr, Radialsys­tem V. Regie: Bernd Schmidt, musikal. Ltg.: Garett Keast. Eintritt 18-28, erm. 18 Euro

„Integration durch Kultur“, Podiumsdiskussion mit Politikern aller großen Parteien (darunter Bernd Fabritius, CSU, Präsident des Bundes der Vertriebenen, und Gregor Gysi), 21.2., 15.30 Uhr, Radialsystem V, Eintritt frei

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