Kino

Streetscapes

Im Jahr 2012 erlebte der Filmemacher Heinz Emigholz einen Schock: Nachdem Architekturfilme in den vorangegangenen Jahren den größten Teil seines Schaffens ausgemacht hatten, stieß er bei einem geplanten Projekt über Bauten des mexikanischen Architekten Luis Barrágan erstmals auf finanzielle Forderungen bei sogenannten „Bildrechten an Gebäuden“. Emigholz erklärte daraufhin seine ­Architekturfilm-Reihe für beendet und widmete einen Teil des Material seiner Amerikareise für den ungewohnt angriffslustigen Dokumentar-Essay „The Airstrip“ (2014) um, in dem er Bau- und Kunstwerke in einen Zusammenhang mit zeitgeschichtlichen Ereignissen des letzten Jahrhunderts setzte.

Streetcapes
Foto: Heinz Emigholz Filmgalerie 451

Doch dann befiel den Regisseur eine künstlerische Krise, deren Ausdruck und Überwindung jetzt der vier Filme umfassende Zyklus „Streetscapes“ ist, der Bewährtes mit neuen narrativen Strukturen verbindet: Zwei klassische Architekturfilme werden flankiert von einer Dokumentation, die Emigholz’ Gedanken über Straßen mit der ­Arbeit der Düsseldorfer Band Kreidler in ­einem Tonstudio verknüpft, und einem autobiografischen Spielfilm über die Gespräche eines Filmemachers mit einem Psychologen.

In den Architekturfilmen „Bickels [Socialism]“ und „Dieste [Uruguay]“ kehrt Emigholz zu seinem bewährten Konzept der Montage unkommentierter starrer Kameraeinstellungen zurück, welche die Gebäude der Baumeister im jeweiligen Ist-Zustand dokumentieren. Chronologisch geordnet zeigt „Bickels [Socialism]“ 22 Bauwerke des in Lemberg geborenen Architekten Samuel Bickels (1909 – 1975), der in den öffentlichen Gebäuden, die er seit den späten 1940er-Jahren für verschiedene Kibbuzim in Israel schuf, natürliches Licht bevorzugte. In„Dieste [Uruguay]“ sind 29 Gebäude des uruguayischen Architekten und Bauingenieurs Eliado Dieste (1917 – 2000) zu sehen, dessen Markenzeichen die kühn geschwungenen, großflächigen Dächer aus unverputzten Ziegeln seiner Industriehallen, Kirchen und Busterminals waren.

Neuland beschreitet hingegen „2+2=22 [The Alphabet]“: In entfernter Anlehnung an das Konzept von Jean-Luc Godards Rolling-Stones-Politessay „One plus One“ zeigt Emigholz in seinem Film die Düsseldorfer Band Kreidler bei den Aufnahmen zu ihrem Album „ABC“. Die Bilder aus einem Studio in Tbilisi, Georgien, verbindet er mit 26 Ansichten der Stadt, zu denen die Schauspielerin Natja Brunckhorst seine Gedanken zum Thema Straßen vorträgt. Strukturiert ist der Film durch die Einblendung aller Buchstaben des Alphabets, was sowohl auf die schlaglichtartig hingeworfenen Bilder von 26 Notizbüchern des Regisseurs als auch auf einen Song von Kreidler verweist.

Die Musik der Band, in der Verwendung von elektronischen und akustischen Instrumenten am ehesten vergleichbar mit jener der deutschen Elektro-Pioniere NEU! und La Düsseldorf aus den 1970er-Jahren, besitzt eine Kombination aus rhythmischer Strenge und Offenheit, die auch Emigholz’ Filme auszeichnen.

Emigholz’ bislang vielleicht ungewöhnlichster Film ist „Streetscapes [Dialogue]“, ein Schlüsselwerk seines Schaffens: Das Transskript eines in der Krisensituation geführten sechstägigen Gesprächs mit dem israelischen Psychologen Zohar Rubinstein ver­arbeitete Emigholz zu einem autobiografischen Spielfilm um das Treffen eines jüngeren Analytikers (Jonathan Perel) mit einem älteren Filmemacher (John ­Erdman). Sie sprechen über das Interesse des ­Regisseurs an Zeitstrukturen und ungewöhnlichen Räumen, über den Umgang mit Lob und Misserfolgen, den Horror vor sozialen Verpflichtungen, biografische Details wie etwa ­einen Zusammenbruch – und über das Konzept des Films, den der Zuschauer sich hier gerade anschaut. Emigholz kontextualisiert die Gespräche über Kameraarbeit und Architektur, in dem er seine Protagonisten in Gebäuden der Architekten Julio Vilamajó, Eliadio Dieste und Arno Brandlhuber filmt: ein Dialog auf zwei Ebenen.

2+2=22 [The Alphabet]  D 2017, 88 Min., R: Heinz Emigholz
BICKELS [Socialism] D/IL 2017, 92 Min. R: Heinz Emigholz
STREETSCAPES [Dialogue] D 2017, 132 Min., R. Heinz Emigholz, D: John Erdman, Jonathan Perel, Natja Brunckhorst
DIESTE [Uruguay] D 2017, 95 Min. R: Heinz Emigholz Start: 12.10.

Filmgespräche mit Heinz Emigholz gibt es am 15.10., 14.30 Uhr (mit Arno Brandlhuber) und am 22.10., 15 Uhr, jeweils im fsk-Kino

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