Raven oder Ruhe?

Streit auf der Lohmühleninsel

Techno statt Schlaf: Die Anwohner der Lohmühleninsel kämpfen gegen Clublärm. Das könnte dauern. Auf und an der Insel residieren sechs Clubs. Und offiziell ist keiner zu laut

Freitagabend zur besten Ausgehzeit: Sechs ­Erwachsene verlassen schweigend das Party­areal auf der Lohmühleninsel. Sie huschen still durchs Gebüsch, erst am Flutgraben, dann am Landwehrkanal. Mit jedem Schritt wird es ein bisschen ­leiser um sie, der Bass verhallt. Sie lauschen. Dann laufen sie weiter, tonlos, bis sie 500 Meter von den Partys entfernt sind, und stehen dann da, ganz leise, keiner spricht ein Wort. Über Minuten hinweg.

„Nichts zu hören“, sagt Falk Walter. „Nichts zu ­hören“, wiederholt Tom, sein Nightmanager. Sie nicken sich zu. Ihre Mitspaziergänger sehen zufrieden aus. Die sechs sind zum größten Teil Betreiber von Technoclubs auf der und um die Lohmühleninsel zwischen Landwehrkanal, Flutgraben und Spree. Die Lautstärke, die ihre Läden absondern, ist zur Gefahr für sie geworden.

Ende der Toleranz

Die Lohmühleninsel zwischen Kreuzberg und Treptow ist eines der letzten Refugien der Clubkultur: Kaum Anwohner, viel bespielbare Fläche. Inzwischen residieren darauf und daran sechs Tanzvergnügungsstätten: Ipse, Club der Visionäre, Chalet, Birgit und Bier, Burg Schnabel, Festsaal Kreuzberg. Auch der Club Jonny Knüppel stand hier, von vielen schon zur neuen Bar 25 erklärt, bevor er im April schließen musste. Der Mietvertrag wurde nicht verlängert. Aber auch ohne ihn versammelt sich rund um die Lohmühleninsel Basspotenzial in der Dimension einer startenden Rakete. Die Touristen und Raver haben das inzwischen mitbekommen, der Andrang wächst seit Jahren, die Anwohner ­begehren auf. „Die Schulkinder müssen durch Müll und Glasscherben, der Pissegeruch ist unerträglich“, schreiben sie in einem Hilferuf an die Politik. Anwohner Peter sagt: „Ich habe beim Brötchenholen gesehen, wie ­junge ­Mädels zwischen die Autos pinkeln. Ich habe gesagt: Ihr kommt doch gerade aus dem Club, warum seid ihr nicht da aufs Klo? ‚Da kann man nicht aufs Klo gehen, viel zu eklig‘, sagten sie.“

Die Anwohner, meist linke Ur-Kreuzberger, dem schönen Leben selbst gar nicht abgeneigt, fühlen sich in die Spießerrolle gedrängt. Sie haben eine Bürgerini­tiative gegründet, sind im Gespräch mit der Bezirks­politik und der Clubcommission.

Illegale Open-Air-Partys gibt es in der Innenstadt kaum mehr – die Polizei ist meist schnell vor Ort. Und jetzt bekommen auch die legalen Clubs mit Open-Air-­Bereich zunehmend Gegenwind. Die Initiative Stralau gegen Lärm macht schon länger gegen Clubs wie Else oder Rummelsburg mobil, jetzt begehren auch am Club-Hot­spot Lohmühleninsel die Anwohner auf. Berlin ist dabei, seinen Ruf als tolerante Partymetropole zu verlieren. Das ist nicht für alle schlecht. Aber für einige sehr.

„Ohne den Open-Air-Bereich verliert die Ipse ihre Seele und würde auch wirtschaftlich nicht funktio­nieren“, sagt Falk Walter, Betreiber. „Der Sommer, wie wir ihn planten, ist gestorben“, sagt Tom, sein Nightmanager.

Die Politik ist von den Anwohnern bereits aufgeschreckt worden. Die Bezirksverwaltung ließ den Lärmmesspunkt umziehen, noch näher an die Partys heran. Der Lärm ist gerade eines der zentralen Themen in der enger werdenden Stadt. Seine Verteidigung wird heftig diskutiert – in einer berlinweiten Initiative sucht die Clubcommission gemeinsam mit den Bezirken Areale, auf denen unbürokratisch Open-Air-Raves gefeiert werden können, zudem prüft Kultursenator Lederer gerade die mögliche Umsetzung eines Gesetzes für kontrollierte und legale Open-Air-Partys. Aber auch der Schutz vor Lärm ist Teil der Debatte. Auf einer Lärmkarte konnten Berliner bis Ende Mai die nervigsten Lärmquellen eintragen – es waren viele Clubs dabei.

Was ist ein Freiraum?

Georg Kössler, Clubbeauftragter der Grünen im Abgeordnetenhaus, versucht zwischen den Parteien zu vermitteln
Foto: F. Anthea Schaap

Die Clubmacher, die am Ufer des Landwehrkanals nach ihrem eigenen Bass lauschen, sind mit Georg Kössler unterwegs, Clubpolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. Raimund Reintjes von der Clubcommission, der auch dabei ist, hat den Kontakt hergestellt. Kössler hat sich auch schon mit Anwohnern getroffen, er kann beide Seiten verstehen und versucht zu vermitteln. Die Partyprofis wollen ihm beweisen, dass sie die Beschwerden der Anwohner ernst nehmen. Eine Beschwerdeführerin lebt in etwa 500 Metern Distanz. Die Clubmacher stehen in der Nähe ihres Zuhauses und hören: nichts.

Vielleicht will sie ja rauskommen, und mit den Menschen diskutieren, die ihr so auf die Nerven ­gehen? Anruf bei der 38-Jährigen: „Ich bin doch nicht wahnsinnig und bleibe am Wochenende in Berlin“, sagt sie. Sie ist gerade bei Bekannten, inzwischen übernachtet sie ziemlich oft dort. Die Lautstärke raube ihr sonst den Schlaf. Dass jetzt nichts zu hören ist, „das ist ungewöhnlich für Freitag Nacht. Normalerweise wummert dann immer der Bass bis in unsere Schlafzimmer“, sagt sie. Es kann natürlich sein, dass die Partyveranstalter für ihren Horchausflug mit dem Politiker extra leise gedreht haben.

Die Straße vor dem Schleischen Tor
Foto: F. Anthea Schaap

Es ist eine merkwürdige Konfrontation. Die Anwohnerin hat selbst schon Technopartys veranstaltet, hört die Musik eigentlich gern. Aber jetzt liegt sie mit den Discos im Clinch. „Der überwiegende Teil der Clubs sollte doch bitte aufhören, sich des Freiraum-Stempels zu bedienen. Freiraumkultur bedeutet für mich: Orte, an denen jeder und jede willkommen ist, ­niedrige ­Getränkepreise, damit auch arme Menschen an der Kultur partizipieren können. Kein oder niedriger Eintritt aus demselben Grund. Alles andere ist Kommerz.“ Es ist kurios: Die Clubs, die so oft Opfer der Gentrifizierung sind, stehen hier kurz davor, selbst Menschen zu verdrängen. Die Anwohnerin kennt die Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Und dennoch überlegt sie, ihr Zuhause am Landwehrkanal, in dem sie seit 20 Jahren wohnt, zu verlassen.

Ein Nachmittag im Freischwimmer, einem Restaurant am Wasser: Die Vertreter der Anwohnerinitiative gegen Clublärm am Flutgraben haben sich hier niedergelassen, obwohl der Laden zum Feind gehört. Falk Walter, der auch den Club Ipse betreibt, leitet ihn. Es gibt in der Nähe keine Option, etwas zu trinken, die nichts mit Clublärm zu tun hat. Die Anwohner sitzen hier zu dritt und vertreten 24 Alteingesessene, die jetzt aufstehen gegen die Partyflut. Zum Teil wohnen die Lärm­betroffenen bis zu einen Kilometer entfernt.

Donnerstag bis Montag Party

Das Problem seien nicht Partys an sich, sondern ­deren Unablässigkeit. Georg, 54, Künstler, sagt: „Wir sind in Kreuzberg einiges gewohnt, das ist ja nicht Zehlendorf, aber diese Permanenz ist unerträglich.

Burg Schnabel
Gutgelauntes Publikum und ein meist hochinteressantes Line-Up machen diesen kleinen, feinen Laden aus.
Foto: Vadim Laubi (Freejazz Photography)

Seit letztem Sommer ist hier fast jeden Tag was los. Ich finde es gar nicht extrem laut. Laut ist was anderes. Wenn da jemand eine Technobühne in den Park stellt und aufdreht, das ist wirklich laut. Da vibrieren Fenster und Türen. Aber was uns auf Dauer zermürbt, ist diese geringere Lautstärke, die einen trotzdem nicht in Ruhe lässt. Das ist so, wie wenn dich im Schlaf ständig jemand anstupst, immer wieder. Da ist ständig ein aufputschender Puls.“ Sein Mitstreiter Peter, 66, Radio- und Fernsehtechnikermeister, sagt: „Der Bass dringt durch das geschlossene Fenster. Man kann nicht fliehen. Die fangen Donnerstag an und hören Montag auf, das ist bei Techno so.“ Gesine, 48, Journalistin, sagt: „Seit vier Jahren wird es immer lauter, immer mehr Techno.“ Georg: „Seit vier Jahren quälen sie uns.“ ­Gesine: „Den Bass hört man natürlich, aber noch schlimmer ist, dass man ihn körperlich merkt.

Chalet auf der Lohmühleninsel
Chalet
Gemütlicher Club, in dem hauptsächlich Techno und House gespielt wird. Auch im Garten (mit Teich) gibt es Musik.
Foto: Oliver Ajkovic

Das ist ja Teil des Reizes in Clubs, diese körperliche Auswirkung. Das putscht auf, das ist sehr unangenehm, wenn man schlafen möchte. Ich gehe um 23 oder 0 Uhr ins Bett. Wenn ich Zähne putze, fängt der Bass an. Das zehrt an den Nerven.“

Die Anwohner fühlen sich regelmäßig gezwungen, die Polizei zu rufen. Der müssen sie allerdings sagen, wo der Lärm herkommt, sonst greift sie nicht ein. Gesine sagt: „Ich kann von meinem Balkon aus nicht sagen, welcher Club das jetzt ist. Dann stehe ich da mit meinem Mann regelmäßig zwischen 0 und 2 Uhr und überlege, wo kommt denn das jetzt her? Das heißt, dass wir ganz oft nachts uns erstmal wieder angezogen ­haben, runtergegangen sind und geguckt haben, wer ist es denn jetzt? Das ist unheimlich schwierig, das auszumachen.“ ­Georg sagt: „Und dann kriegste natürlich die haufenweise Dealer mit, die hier im Park und an der Straße ­stehen.“ Peter: „Die verkaufen den Touristen ihre Drogen und die benehmen sich dann entsprechend, laufen auf der Straße, werfen die Bierflaschen auf die Straße, schreien und gröhlen.“

Es gibt Gesetze für die Emission von Lärm. Und natürlich war das Amt schon in jedem der Clubs und hat die Lautstärke gemessen und die Verstärker bei einem zulässigen Maximum verplombt. Die meistkritisierte Lärmquelle ist der Open-Air-Bereich des Clubs Ipse. Hier, ­unter Bäumen direkt am Wasser, stehen die Veranstalter und ihre Begleiter, zurückgekehrt von ihrer Expedition, und gönnen sich ein Getränk an der Bar. Auf der Tanzfläche hinter ihnen drückt der Bass, fern davon wird es jedoch schnell leiser. 20.000 Euro hat Betreiber Falk Walter angeblich in Lärmschutztechnik investiert, in Schallschutzwände und besondere Lautsprecher. Und trotzdem nervt die Dauerparty die Anwohner.

Politische Rückendeckung für die Partys

Hier stehen sich zwei berechtigte Interessen gegenüber. Die Clubkultur, die in einem der letzten innerstädtischen Refugien nochmal ein bisschen aufblühen will, und die Anwohner, die verständlicherweise auch von sehr leisem Dauerbass wasserfoltermäßig in den Wahnsinn getrieben werden. Wie also weiter?

Die nördliche Lohmühleninsel, auf der die Clubs residieren, gehört zum größten Teil der Lohmühlen Liegenschaften GmbH. Verwaltet und entwickelt wird das Areal von der Zentralhaus AG, beide sind Teil einer Firmengruppe unter der Leitung des Berliner Unternehmers Eckhard Garbe, darunter ein Tiefbau-Abbruch und Recyclingunternehmen und eine Schadstoffsanierungsgesellschaft.

Birgit & Bier auf der Lohmühleninsel
Birgit & Bier
Verwinkelter Biergarten mit Karussell und Autoscooter, dazu mehrere Indoor-Tanzflächen und ein gemischtes Musikprogramm.
Foto: Viktor Strasse

Johannes Grothaus, Stadtplaner, bei der Zentralhaus AG verantwortlich für das Projektmanagement der Lohmühleninsel, sagt: „Zur Zeit sind wir mit dem Bezirk in der Sondierung, bis Ende 2019 wollen wir einen Plan haben, wo wir mit dem Gelände hinwollen. Dann laufen auch die befristeten Mietverträge aus. Die Nachbarschaft will weniger Clubbetrieb, aber wir evaluieren ergebnisoffen.“ Das Problem: Bisher existiert kein Bebauungsplan für das Areal, der Bauplan von 1959 weist dort ein reines Arbeitsgebiet aus. Jegliche Änderung müsste eng mit dem Bezirk abgesprochen werden. Mit seiner Zustimmung wäre sogar Wohnbebauung möglich, doch im Moment sieht es nicht danach aus. Die Zukunft der Insel hängt auch von der Firma ­Cemex ab, die ein Zementwerk auf der Nordspitze betreibt. „Wir sind mit Cemex im Gespräch“, sagt Grothaus.

Der Festsaal Kreuzberg, seit einer Weile auf der Lohmühleninsel
Festsaal Kreuzberg
Konzertlocation, in der auch Partys veranstaltet werden. Auch der Biergarten wird regelmäßig musikalisch bespielt.
Foto: Rebecca Rütten

Die Clubs haben eine starke Lobby in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Bezirk hat viele, die anderswo verdrängt wurden, aufgenommen. Er ist sozusagen der ­letzte Hort der Clubkultur. Und sich seiner Verantwortung bewusst. Statt die Clubs am Ufer auf Geheiß der ­Anwohner zu vertreiben, überlegt der Bezirk, für die Feiernden Fahrradständer und Mülleimer ­aufzustellen. Aber er fordert von den Veranstaltern auch eine konse­quente Einhaltung der Lärmgrenzwerte. Unter dem Druck von Anwohnern und Bezirk haben die Clubs ein Papier mit weitreichenden Zugeständnissen aufgesetzt: Sie wollen die Musik in den Außenbereichen ab 22 Uhr auf Loungeniveau herunterdrehen, maximal sechs richtige Open-Airs pro Jahr feiern und einen Nacht­ruhewächter benennen, der für die Anwohner immer erreichbar ist.

Die Nacht ist für uns gelaufen …

Auch auf Landesebene gibt es Rückendeckung für die Clubkultur. Der Lärmschutzfonds, den die Grünen in den Koalitionsvertrag eingebracht haben, scheint tatsächlich zu kommen. Eine Million Euro wird dann zur Sicherung von Musikspielstätten bereitgestellt. Laut ­Georg Kössler, dem Grünen, der mit den Partymachern nach Clublärm lauscht, ist es wahrscheinlich, dass ein Teil des Geldes in die Befriedung des Konflikts um die Lohmühleninsel fließt. Er könnte sich Schallschutzmauern vorstellen, die das Clubareal von der Wohnbebauung abriegeln. Das Problem: den Lärm, der das Gelände über den Landwehrkanal verlässt, kann man kaum unterbrechen.

Der Eingang zum Club der Visionäre auf der Lohmühleninsel
Der Eingang zum Club der Visionäre auf der Lohmühleninsel
Foto: F. Anthea Schaap

Am Pfingstsonntag um 5.50 Uhr, das Papier ist ­gerade eine Woche alt, schreibt Anwohner Georg den Party­veranstaltern: „Letzte Nacht wieder das alte Spiel: Die Bässe eines der Clubs dringen wieder wie üblich in unsere Wohnungen. Wir rufen den Nachtruhewächter um 0.10 Uhr an. Geht nicht ran, meldet sich aber zurück und verspricht der Sache nachzugehen. Um 1.20 Uhr schicke ich eine SMS, dass sich noch nichts geändert hat. Keine Antwort. Gegen 5 Uhr wieder verstärkte ­Bässe zu hören. Die Nacht ist für uns gelaufen … Wenn es so weitergeht, ist die Selbstverpflichtung der Clubs nicht das Papier wert, auf dem Sie alle unterschrieben haben.“

Club der Visionäre auf der Lohmühleninsel
Club der Visionäre
Der Minidancefloor ist entweder leer oder direkt so voll, dass man sich nicht mehr bewegen kann. Eher zum Chillen geeignet.
Foto: F. Anthea Schaap

Eine Woche später fährt der Politiker Georg Kössler nochmal hin und lauscht. Der Club Birgit und Bier ist von der Straße hörbar. Kössler sagt: „Wenn sich auch nur einer nicht daran hält, ist es laut.“ Der Anwohner Georg schreibt zu dieser Zeit: „Über weite Strecken ist es spürbar besser geworden.“ Inzwischen könne er in manchen Nächten sogar nachts das Fenster offen ­lassen. Es sind kleine Siege, über die sich die Anwohner freuen. Mit vereinter Kraft haben sie eine Erleichterung erreicht. Aber der Partybetrieb wird weitergehen, ihr Nachtschlaf immer wieder gestört. Die Situation bleibt angespannt.

Beide Seiten sind an ihren Grenzen. Beide ­stehen in einer ökonomischen Zwangslage. Es ist ein ­typischer Verteilungskampf in der immer engeren Stadt. Für die Politik geht es jetzt darum, eine Situation zu schaffen, die schon in diesem Sommer funktionieren kann. Auf Dauer wird es vermutlich sowieso ruhiger auf der Insel. 2019 enden hier viele Mietverträge – und mit anderen Projekten kann der Eigentümer aus dem inzwischen zentral gelegenen Areal weit mehr Geld ziehen.