Berlin

Sturz der Ikonen

Von Immanuel Kant bis Carl Schmitt: In den Bibliotheken und Leselisten der Berliner Universitäten sammeln sich Werke von Rassisten, Frauenfeinden und Kolonialherren. Wie sollen wir mit dem giftigen Erbe der Wissensgesellschaft umgehen?  Eine Spurensuche

Text: Julia Lorenz und Philipp Wurm

Immanuel Kamt
Immanuel Kant, Vater der Aufklärung, zugleich Verfasser von rassistischen Texten
Foto: imago / imagebroker

Der Ort der Erregung war eine Buchhandlung in der Neuköllner Weserstraße. In dem distinguierten Laden, gut sortiert, von Prosa bis politische Theorie, sollte im Frühjahr 2017 eine Veranstaltung über einen umstrittenen Denker stattfinden: Julius Evola, ein Spiritus rector des Faschismus im Italien der 20er- und 30er-Jahre, der die Streitschrift „Wider die moderne Welt“ verfasste, das italienische Zwillingswerk von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Evola, ein Bewunderer Heinrich Himmlers; heute ein Held der Neuen Rechten.

Das Event: eine Idee der Betreiber, der beiden ­Israelis Doron Hamburger und Amir Namaan, die den Buchladen, genannt „Topics“, 2015 eröffnet hatten. Die jungen Intellektuellen wollten wissen, wie ein zentraler Ideologe des autoritären Lagers tickt – in Zeiten eines internationalen Rechtsrucks keine ganz unerhebliche Frage. Sie kündigten die Veranstaltung am 18. Februar vergangenen Jahres im Netz an. Der in Berlin lebende Kunstkritiker DC Miller, mehr Dandy als Wissenschaftler, sollte das Werk Evolas als Referent sezieren.

Ein halbes Jahr später, Ende Juli, gab es das ­„Topics“ nicht mehr. Der Abend über Julius Evola war nie über die Bühne gegangen; stattdessen hatte der Buchladen dichtgemacht. Und das an der sonst so boomenden Weserstraße, die Bohemiens aus allen Ecken der Welt anzieht, wegen der Bars und der ­offenen Atmosphäre. Die Ursache für den Kehraus: eine Geschichte, die von Faschismus-Vorwürfen und konzertiertem Widerstand handelt.

Im Mittelpunkt: ein Shitstorm der linken Szene, der die Facebook-Seite des Buchladens nach der Ankündigung der Veranstaltung flutete. Ein paar Dutzend Kommentare, ins Netz gestellt wegen der Entscheidung, einen rechten Denker in den Mittelpunkt einer Diskussion zu stellen, die von einem zwielichti­gen Referenten eingeleitet werden sollte. Unter den Rants etwa eine Tirade, angereichert mit Anti-Gentrifizierungsrhetorik: „Erst die Mieten in die Höhe treiben und jetzt noch Werbung für Faschisten machen?! Neukölln hasst euch!!“ Oder ein Aufruf der Berliner Gruppe „TOP B3rlin“, einem selbsternannten „kommunistischen Projekt gegen alles Böse“.

Ein Orkan, der das Image der Buchhandlung verwüstete. Es seien keine Kunden mehr gekommen, erzählt Doron Hamburger, einer der Inhaber. Der ­Laden habe sich nicht mehr finanzieren lassen.

Das Aus der Buchhandlung führt mitten hinein in eine Debatte, die neuerdings die westlichen Gesellschaften umtreibt, in Kulturstätten, an den Unis, in politisierten WG-Küchen. Wie gehen wir mit den dunklen Ecken der Wissensgesellschaft um, mit ­gefährlichen Denkern und kontaminierten Dichtern? Mit rechten Strategen, mit Rassisten, Antisemiten und Frauenfeinden?

Sollen wir ihre Ideen aus den öffentlichen Diskursen verbannen? Oder – im Gegenteil – ihnen Aufmerksamkeit schenken, um die dahinter liegenden Denkweisen zu verstehen und daraus zu lernen? Oder die giftigen ­Fuhren sich selbst überlassen und den Menschen vertrauen, dass sie mit den Inhalten umzugehen wissen?

Grundsätzliche Fragen, die längst auch in anderen Milieus gestellt werden, etwa der Kunstwelt. Da geht es um ästhetisierte Abgründe: Der französische Maler Balthus etwa, ein Kunstbetriebs-Darling des 20. Jahrhunderts, gerät posthum ins Zwielicht, weil er auf seinen Ölgemälden junge Mädchen im Teen­ager-Alter in Lolita-Posen darstellte. Zuvor hatten sie ihm als Aktmodelle gedient. 2014 etwa wurde wegen ­dieses Machtmissbrauchs und der pädophilen Tendenzen eine ­Balthus-Schau im Essener Museum Folkwang abgesagt. Dort hatten die Ausstellungsmacher unter anderem Polaroids zeigen wollen, die ein achtjähriges Mädchen in Szene setzten. Und noch im vergangenen Dezember forderten New Yorker Aktivisten, dass Balthus’ Bild ­„Thérèse, träumend“ aus dem „Metropolitan Museum“ entfernt werden müsse, wegen „sexueller Anzüglichkeit“.

Ein weiterer Konfliktherd ist der Streit um die Kolonialverbrechen von Machthabern vergangener Epochen, in Berlin brennglasartig vor Augen geführt anhand der Debatte ums Humboldt-Forum, das Ende 2019 eröffnet werden soll. In dem Monumental­bau soll einmal Raubkunst aus früheren Kolonien in die Vitrinen gehoben werden – im Rahmen einer ethno­logischen Groß-Ausstellung. Hiesige Vereine wie „Berlin Post­kolonial“ ebenso wie Protestinitiativen aus den afrikanischen Herkunftsländern weisen auf den Rassismus hin, der die Erbeutung von mit Glasperlen und Schnecken überzogenen Königsstühlen und kostbaren Bronze-­Skulpturen legitimierte – und fordern eine Rückgabe der Schätze in die Heimatländer.

Ahnengalerie und Schmuddelecke

Lauter Beispiele, die zeigen, dass die Meriten der westlichen Kulturgeschichte immer häufiger auf den Prüfstand kommen und dabei nicht nur Dichter und Denker einer Revision unterzogen werden.

Um den sich anbahnenden Wandel zu verstehen, spricht man am besten mit Tilman Reitz, Professor für Wissenssoziologie an der Universität Jena. Er untersucht, wie Wissen überliefert und kanonisiert wird – und warum die eine Koryphäe in der Ahnengalerie erstrahlt und der andere Gelehrte in der Schmuddel­ecke verstaubt.

Friedrich Nietzsche: Säulenheiliger mit angekratztem Ruf?
Foto: imago / imagebroker

Reitz sagt: „Wir erleben eine Politisierung an Hochschulen und in jungen, linken Milieus, die ­darauf abzielt, bisherige Gewissheiten in Frage zu stellen.“ Zugleich tut er sich schwer, den Einfluss der Bewegung einzuordnen: „Ob es sich dabei um eine Mode handelt oder ob der Protest zu dauerhaften Veränderungen im universitären Lesekanon führt, lässt sich schwer sagen.“ Viel hängt davon ab, welche Vorwürfe die Ankläger erheben. Eine zentrale Frage: Bildet der heikle Inhalt nur einen Ausschnitt im inkriminierten Opus – oder prägt er das ganze Werk?

Ein Vollzeit-Delinquent ist vermutlich Julius Evola, der italienische Philosoph im Schwarzhemd des Mussolini-Anhängers. Ein anderer gefährlicher Denker, der in vielen Bibliotheken fortlebt, in Fakultäten und bildungsbürgerlichen Wohnzimmern: Carl Schmitt, der Advocatus diaboli der späten Weimarer Republik, der als einflussreicher Staatsrechtler den Faschismus salonfähig machte, indem er beispielsweise ­Menschenrechte als „Eselsrechte“ verspottete. Ein Eingeständnis, dass Individuen vor dem Gesetz nicht gleich sind.

Auf der anderen Seite gibt es Geistesgrößen, ­deren Werk voller Widersprüche steckt. Friedrich Nietzsche etwa, der Säulenheilige der deutschen Philosophie, Verfasser von „Also sprach Zarathustra“ und „Ecce Homo“. Über ihn sagt Tilman Reitz: „Er war in politischer Hinsicht ganz unangenehm, elitär und antidemokratisch; als Sozialphilosoph neigte er allerdings zu scharfsinnigen Beobachtungen.“

Ebenso existieren Wissenschafts-Ikonen, die ­Kinder ihrer Zeit waren, Immanuel Kant etwa. ­Gegen Ende des 18. Jahrhunderts degradierte der Vater der Aufklärung in seiner „Physischen Geographie“ einen großen Teil der Erdbevölkerung wie folgt: „Die ­Gelben haben schon ein geringeres Talent. Die ­Neger sind weit tiefer. Und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“ Aus heutiger Sicht die Hate Speech eines Neonazis in der Sächsischen Schweiz – damals bewegte er sich damit in der gesellschaftlichen Mitte. Dennoch sei er „in vielen ­anderen Strängen seines Werks weit fortschrittlicher als seine Zeitgenossen“ gewesen, sagt Reitz. Kant entwickelte zum Beispiel die urliberale Idee eines Weltbürgerrechts.

Einer, der sich seit Jahren dagegen ausspricht, Werke mit unzeitgemäßen Positionen in den Giftschrank zu verbannen, ist Jörg Baberowski. Der Historiker, Gewaltforscher und Osteuropa-Experte lehrt an der Humboldt-Universität – und ergreift immer wieder das Wort gegen den angeblich linken Meinungsmainstream. In seinen Kolumnen für die „Neue Zürcher Zeitung“ und die „Basler Zeitung“ bezeichnet er die „Gendersternchen-Fraktion“ als „Tugendwächter“ und „autoritäre, lebensferne ­Elite“, die tue, was ihr beliebe. Die Debattenkultur in Gesellschaft und Unibetrieb zeichnet ­Baberowski als Drohkulisse: Mit „entsicherter Moralpistole“ zwinge eine „Diktatur des politisch Korrekten“ den Bürgern ihre Positionen auf, schreibt er in der „Basler Zeitung“. Moralischer Totalitarismus ist für ihn kein Worst-Case-Szenario, sondern längst Realität: Hin und wieder werde ein Kritiker des linken Furors ­öffentlich erledigt, „damit jeder weiß, was geschieht, wenn man nicht gehorcht“.

Der angeblich linke Meinungsmainstream

Mit seiner Abneigung gegen die neue Sensibilität ist ­Baberowski zum Antipoden der linken Studentenschaft geworden. Eine trotzkistische Hochschulgruppe aus Bremen bezeichnete ihn gar als „rechtsradikal“. Baberowski klagte vor dem Landgericht Köln gegen die Schmähung – und verlor. In Ungnade bei linken Studenten ist auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler gefallen, dessen Vorlesungen in einem umstrittenen Blog auseinandergenommen wurden. Unter anderem, weil er den Positionen Carl Schmitts zu viel Raum gegeben ­haben soll. Wie aber, so argumentieren die Unterstützer Münklers, soll man Totalitarismus verstehen, wenn man seine Vordenker nicht kennt?

Der Streit um Baberowski und Münkler hat Symbolkraft, stehen beide doch stellvertretend für eine Wissenschaftsgeneration, die sich als Stimme der Vernunft in einer Gesellschaft von Hysterikern sieht. Und die ­ihren Kritikern unterstellt, sich in ­ihrem moralistischen Wahn als Zensurbehörde zu betätigen.

Sucht man einen Gegenentwurf zu Denkern wie Baberowksi, wird man etwa am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität fündig. Dort unterrichtet der Amerikanist Martin Lüthe seit 2013, unter anderem zu US-amerikanischer Popkultur. Auch Lüthe ist überzeugt: Die dunklen Flecken der Wissenschaftsgeschichte lassen sich nicht einfach ausradieren; ohne die Thematisierung von Gräueltaten gibt es keine kulturelle Erinnerung. Als Beispiel aus der Amerikanistik nennt er die Werke Mark Twains. „Wer ‚Tom Sawyer‘ nicht liest, wird die Geschichte der USA schlechter verstehen“, sagt Lüthe. Twains Roman, erschienen 1876, ist ein Klassiker. Und hat doch einen Haken: Protagonisten wie der schwarze Sklave Jim werden mit Begriffen bezeichnet, die heute als rassistisch gelten. Die haben im täglichen Miteinander, so der Konsens, nichts mehr verloren; aber, findet Lüthe: Wenn man etwa das beleidigende „N-Wort“ aus dem Sprachschatz streiche, fehle ein Element, um Kolonialrassismus zu erklären.

Weil Lüthe dennoch Verständnis dafür hat, dass rassistisches Vokabular manche Studenten betroffen macht, arbeitet er mit sogenannten Triggerwarnings – kleinen Warnhinweisen, die Texten mit potenziell verletzenden Inhalten voran­gestellt werden. Wer mit bestimmten Begriffen oder Themen nicht konfrontiert werden mag, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen. Lüthe nutzt Triggerwarnungen in seinen Seminaren aber auch, wenn er Filmmaterial vorstellt – etwa Rapmusikvideos, die Gewalt gegen Frauen verherrlichen, oder Videos über Polizeigewalt bei Drogenrazzien. In der Praxis verlasse so gut wie nie ein Student das Seminar, weil er sich diesen Themen nicht aussetzen will, dennoch käme sein Ansatz gut an.

Rücksicht auf Empfindlichkeiten

Für Gegner des Konzepts sind Triggerwarnungen der Exzess einer überreizten „Political Correctness“. Die Kritik: Wer Inhalte beständig auf ihr Irritationspotenzial abklopfe, versetzte die Gesellschaft ins intel­lektuelle Wachkoma. Können wir in Debatten wirklich Rücksicht auf die Empfindlichkeiten aller nehmen?

Nein, sagt Martin Lüthe: „Natürlich muss man auch hier über Sinnhaftigkeit reden, wie in allen ­Debatten.“ Und das rechte Maß finden: „Wenn ich im Seminar einen Fußballfilm zeigen möchte, werde ich dem keine Triggerwarnung voranstellen, weil ein Student in der Kindheit oft Fußbälle gegen den Kopf bekommen hat.“ Dies sei eine individuelle ­Erfahrung; im beleidigenden Wort „Neger“ hingegen manifes­tiere sich eine jahrhundertealte Tradition von Rassismus und Ausgrenzung.

Lüthe ist bewusst, dass das Konzept Triggerwarnung seine Schwachstellen hat. Aber er sagt auch: Nur, wer es nicht zum radikalen Ende denkt, kann es als sinnvolles Hilfsinstrument begreifen, um Seminare ein bisschen hierarchiefreier zu gestalten. Dass seine Kritiker den diskreten Hinweis auf einen Schmähbegriff allzu gern zur Zensurmaßnahme hochjazzen, erklärt er sich mit der deutschen Wissenschaftsgeschichte: „Gemäßigte Positionen bestimmen die intellektuelle Tradition in Deutschland“, sagt Lüthe. Vielen Intellektuellen, auch linken und liberalen, erscheint die Aufregung um Themen wie Rassismus übertrieben. „Wir haben sehr spät begriffen, dass wir ein Einwanderungsland sind“, sagt Lüthe. „Und verhalten uns manchmal immer noch so, als wäre es anders.“ Nicht so in den USA, wo das Konzept der Trigger-Warnungen aufkam. Dort führen an Universitäten auch schwarze Professoren und Studierende das Wort. Ein Grund, warum dort die Diskussion über Rassismus in der Wissenschaftsgeschichte anders geführt wird als in Deutschland. „Hier läuft die ­Debatte an der Uni nicht viel reflektierter ab als im Rest der Gesellschaft“, sagt Lüthe.

Lüthe betrachtet es als wichtige Aufgabe seiner Generation, einen angemessenen Umgang mit ­toxischen Denkern zu finden. Statt die Oswald Spenglers und Carl Schmitts ganz aus den Bibliotheken und Köpfen zu verbannen, müsse man ihre Ideen einordnen, Kontra­positionen in Stellung bringen, Kanonkritik statt Zensur betreiben. Auch, wenn manche Texte schwer zu ertragen sind. „Die Universität ist kein Ort, an dem sich alle zu jedem Zeitpunkt wohlfühlen können“, sagt Lüthe. „Strebt man das an, läuft man Gefahr, kritische Momente nicht mehr zuzulassen.“ Wieviel Unbehagen wir aushalten müssen, ist also nicht klar zu definieren – sondern ein ständiger Aushandlungsprozess.

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