Science-Fiction-Komödie

Selbstmord im Hotel Nirwana

„Suicide-Hotel Nirwana“ von der Regisseurin Ren Saibara konfrontiert uns mit der cool-pragmatischen ­Haltung der Japaner zum selbstbestimmten Sterben

Nachdenken über den eigenen Freitod: Jasper Tibbe, Yuko Matsuyama, Ikko Masuda – Foto: Martina Neu

Text: Tom Mustroph

Versonnen blättert Ren Saibara in einem Katalog, in dem japanische „Love Hotels“ vorgestellt werden. Es sind bunte, lässig eingerichtete Suiten, die für Sex und Liebe einen durchaus luxuriösen Rahmen bieten. ­Warum nicht ähnliche Infrastrukturen für den letzten Schritt aus dem Leben heraus anbieten – so lautet die Ausgangsüberlegung von „Suicide-­Hotel Nirwana“.

„Selbstmord ist in Japan kein Tabu, es ist normal“, erzählt die Regisseurin mit ruhiger Stimme. Kein Muskel zuckt dabei in ­ihrem Gesicht, kein Flattern in der Stimme ist zu hören. Saibara schlüpft nicht einmal in die Rolle eines eiskalten Samurai, den nichts erschüttern darf, erst recht nicht der Tod. Nein, sie bleibt bloß ruhig und gelassen.

Aus diesen so ganz deutlichen kulturellen Unterschieden in der Bewertung des Selbstmordes aus japanischer und europäischer Perspektive schöpft Saibara die Energie für ihre Performance. Früher, so erzählt sie, hätten Japaner hauptsächlich dann Selbstmord begangen, wenn ein Leben in Würde nicht mehr möglich gewesen sei. „Das ist vergleichbar mit dem Entschluss des römischen Feldherrn Cato, sich nach seiner fehlgeschlagenen Revolte gegen Cäsar das Leben zu nehmen. Er hätte zwar Aussicht gehabt, von Cäsar begnadigt zu werden, er wollte so aber nicht leben“, bringt sie ein europäisches Beispiel für die japanische Kultur des Suizids an. Harakiri oder Seppuku, japanische Begriffe für rituellen Selbstmord, sind auch außerhalb Japans bekannt. Heute jedoch „begehen Japaner eher Selbstmord, weil sie im Beruf gemobbt werden oder weil sie einfach überlastet sind“, sagt Saibara.

Einen Tabubruch stelle solch ein Suizid aber weiterhin nicht dar, versichert die Performerin. In Japan kursiert mit „The Complete Manual of Suicide“ sogar ein Handbuch des Suizids. Es ist aufgemacht wie die schlampig kopierten Anarcho-Heftchen in den 80er- und 90er-Jahren, in denen erfahrene Hausbesetzer der nächsten Generation erklärten, wie leere Wohnungen aufzubrechen sind, wie man sie schwarz ans Strom- und Gasnetz anschließt und wie man die Mollis baut, um sich gegen Räumungen zur Wehr zu setzen.

Konsequent also, dass nach einer solchen Anleitung nun in Kreuzberg zum Tabuthema Suizid performt wird. Das Setting ist die Präsentation einer Firma, die Selbstmordräume als Geschäftsidee vermarkten will. 16 verschiedene Selbstmordarten werden vorgestellt. „In einem virtuellen Theater ganz ohne VR-Brille kann man sie auch ausprobieren“, weist Saibara auf die Angebotspalette dieser fiktiven Firma hin. Ein Abend, der es in sich hat.

4.–9.7., 20 Uhr, Vierte Welt, Adalbertstr. 96, Kreuzberg. Regie: Ren Saibara; mit Yuko ­Matsuyama, Ikko Masuda, Jasper Tibbe. Eintritt 11, erm. 7, unter 18 J.: 3 €

Am 7.7. findet im Anschluss ein Publikums­gespräch von Theaterscoutings Berlin statt.