Kino

Sunset

Die erste Szene ist großartig: Eine junge Frau betritt im Jahr 1913 einen Hutladen in Budapest. Sofort eilt beflissenes Personal herbei, doch Irisz Leiter (Juli Jakab) will nichts kaufen. Sie sucht Arbeit. Sie ist die Tochter der vormaligen Besitzer des renommierten Hauses. Nun versucht sie, mit einer kleinen Stelle in jenem Betrieb Fuß zu fassen, der ihr gehören könnte.

Foto: Laokoon . Filmgroup Playtime Production 2018

Rund um Irisz entfaltet Laszlo Nemes ein Zeitpanorama, das zugleich eine wilde Fantasie ist. Denn Irisz lernt im Kaufhaus Leiter nicht nur die bessere Gesellschaft vor dem Beginn der Katastrophen des 20. Jahrhunderts kennen. Sie gerät auch in Verschwörungen, deren Mittelpunkt der sinistre Oszkár Brill (Vlad Ivanov) zu sein scheint: Er ist im Kaufhaus der Vorgesetzte der jungen Frauen, ist er auch ein Mädchenhändler mit Verbindungen bis an den Kaiserhof in Wien?

Laszlo Nemes ist einer der großen Stilisten im europäischen Kino. Mit „Son of Saul“ riskierte er viel: Er erzählte Ausschwitz ­quasi von innen, in einer virtuosen Todes­choreografie. „Sunset“ wirkt nun eher wie eine akademische Übung: ein prächtiger Ausstattungsfilm mit einer ­Kamera, die Irisz über die Schulter schaut – de ­facto ist die Suggestion, dass wir mit ihren ­Augen eine untergegangene Welt auferstehen ­sehen. Das klappt formal sehr gut, das Drehbuch kommt aber nie auf einen Punkt.

HUN/F 2018, 142 Min., R: Laszlo Nemes, D: Juli Jakab, Susanne Wuest, Vlad Ivanov, Evelin Dobos, Levente Molnár, Start: 13.6.

Sunset im Kino