Heimat ist ein Melonenkern-Eintopf

Supper Club Zoe’s Ghana Kitchen

Ghana, London, Neukölln – der Supper Club von Zoe Adjonyoh zeigt die Geheimnisse der westafrikanischen Küche

Essen ist mehr als Nahrung und Geschmack. Es ist Teil der Kultur, schafft Identität, erzählt Geschichten. Niemand weiß das besser als Zoe Adjonyoh, kreativer Kopf hinter einem Pop-up-Restaurant in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln, das sechs Monate lang Fusion Food im wahrsten Sinne des Wortes serviert. Zoe’s Ghana Kitchen entstand aus einer Idee, die im angesagten Londoner Eastend geboren wurde, in Accra, der auch kulinarischen Hauptstadt Ghanas und Heimat von Adjonyohs Vater ihren Geschmack fand und schließlich in Neukölln eine Heimat.

Hier kocht Adjonyoh, eine irisch-ghanaische Köchin und Autorin, jeden Donnerstag und Freitag für ihre neugierigen Gäste. Donnerstags finden etwa 20 Gäste an Tischen zusammen. Wie bei einem Supper Club stehen wechselnde Menüs auf dem Programm mit ghanaischen Gerichten wie „Spinach & Agushi” (ein mit gemahlenen Melonenkernen angedickter Eintopf), „Red Red” (zart gegarte Schwarzaugenbohnen in einer Tomaten- und Palmölsoße), frittierte Kochbananen und rot-scharfer Jollof-Reis (Menü 20 Euro). Freitags geht es lässiger zu. Den ganzen Abend gibt es eine À-la-carte-Mischung aus traditionellen Gerichten und Fusion-Style-Street-Food, darunter Hähnchen-burger mit feuriger Shito-Chili-Paste (8,50 Euro), pikantem Coleslaw, Wraps und Rucolasalat mit gegrilltem „Garten-Ei“ – kleine, runde, weiße Auberginen (6,50 Euro). An der Bar gibt es passende Getränke wie DjuDju-Bier mit Mango oder Maracuja – genau das Richtige, um die Schärfe der Gerichte im Zaum zu halten.

Über die Küche Afrikas weiß man in Berlin kaum etwas, geschweige denn über westafrikanische Küche. Sie ist noch kein Szene-Ding wie koreanischer Bibimbap oder mexikanische Tacos. Die Pop-up-Küche in der Werkstatt der Kulturen füllt entsprechend eine große Lücke. Vielleicht wurde sie deshalb sofort von den Berlinern angenommen, vermutet Adjonyoh.

Ohne Berlin würde es Zoe’s Ghana Kitchen in dieser Form jedenfalls nicht geben, glaubt sie. Sie kam in Sommer 2012 das erste Mal nach Berlin. Aus einem zweiwöchigen Urlaub ist schnell ein dreimonatiger Aufenthalt geworden. „Ich habe mich sofort in Berlin verliebt. Es gibt hier so viel Freiraum, aber auch viel Intimität. In London fühlt man sich schnell erstickt und von der Schinderei runtergezogen. In Berlin gibt es die Möglichkeit, eine Idee einfach umzusetzen,” erklärt sie.

Zoe’s Ghana Kitchen begann vor vier Jahren als Teil eines Kunstfestivals in Hackney Wick, einem Bezirk in East London, in dem sie damals wohnte. Der Topf mit „Zoe’s Famous Peanut Butter Stew“ war jeden Tag in null Komma nichts alle. In den Jahren darauf hat sie die Idee ab und zu wiederholt, aber erst nach ihrem ersten Besuch in Berlin wurde es ernst. Den Ausschlag gab ein familiärer Supper-Club-Abend in der Friedrichshainer Wohnung.

„Erst nach den Reaktionen in Berlin auf mein Konzept habe ich begriffen, dass das eine richtige Geschäftsidee sein könnte. Vorher dachte ich nur, ich könnte damit Spaß haben und ein bisschen Taschengeld verdienen,” sagt Adjonyoh.

Mittlerweile ist Berlin ihr zweiter Wohnsitz. Und ihr Supper Club viel mehr als nur ein Projekt. Vergangenes Jahr ist die 36-Jährige das erste Mal seit ihrer Kindheit nach Ghana gereist, um im Heimatland ihres Vaters, den sie kaum kennt, nach neuen Rezepten zu suchen. Adjonyoh hat ein Masterstudium in Creative Writing am Goldsmiths College in London absolviert und angefangen, ein Buch über die Erkundung ihrer Herkunft zu schreiben. Und je mehr sie über ihren Vater und ihre afrikanischen Wurzeln erfährt, desto leidenschaftlicher kocht sie.

An einem Donnerstag in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln hat sich eine bunte Mischung aus Deutschen und Expats rund um einen proppenvollen Tisch versammelt. Nur wenigen gelingt es, den „Kenkey“ (Maisteig in Maishülse gegart), den aromatischen Sardinen-Eintopf und den „Palaver“-Stew mit Lamm so geschickt mit den Händen zu essen, wie man das in Ghana macht. Zum Nachtisch gibt es einen cremigen Kuchen aus Maniok und Kokos. Zum Abschluss haben Adjonyoh und ihre Gäste mit bitterem Alomo-Kräuterschnaps angestoßen, den man in Ghana nicht nur so zum Spaß trinkt – er wird als Heilmittel verehrt.

 

Zoe’s Ghana Kitchen findet donnerstags und freitags in der Werkstatt der Kulturen statt. Wissmannstr. 32, Neukölln, U Hermannplatz. Donnerstags ist eine Reservierung erforderlich: ghanakitchen@gmail.com oder 0176-25 64 81 41. Freitags kann man einfach so ab 19 Uhr kommen.

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