Porträt

Sven Ratzke – Voller Lust und Kuchen

Der Entertainer Sven Ratzke spielt in den Katakomben des Admiralspalasts die Titelrolle im New Yorker Kultmusical „Hedwig and the Angry Inch“. Ein Porträt

Text: Friedhelm Teicke

Eine temporäre Kunststraße aus bunten Zeltbaracken, Restaurants und einem sehr betagten Karussell wird jedes Jahr in niederländischen Großstadtparks errichtet. Es ist beileibe kein Gauklerfest, kein Ball Pompös, eher ein Ball Paradox, ein Theaterpanoptikum aus schillernden Freaks und gefallenen Madonnas, irren Strippern und blinden Propheten. „Parade“ heißt das Schaubudenfes­tival aus Theater, Tanz und Tingeltangel, das bereits seit rund zwei Jahrzehnten sehr erfolgreich durch die Niederlande tingelt, und zu dessen größten Stars ein Wahlberliner gehört: Sven Ratzke.

Der deutsch-niederländische Entertainer passt wie kein Zweiter in diese Zwitterwelt aus Vergnügungsmeile, Bühnenwelt und Schmiere. Hier kommen Zirkus, Jazz, Pop und Theater  zusammen – eben all das was Ratzke auch in seinen Soloshows vereint. Er erzählt zwischen einem breit aufgestellten Songrepertoire von zersägten Jungfrauen und Zwergen-Puffmüttern, von Esme­ralda mit den 28 Brüsten und dem Schwein Brunhildchen. Mit seinem Programm „I shot the DJ“ schleuderte er vor zehn Jahren erstmals in Berlin seine kruden Geschichten von der Nachtseite des Lebens ins Publikum der Bar jeder Vernunft. Ein Publikum, das er mitunter hart angeht, aber stets abgefedert durch eine gehörige Portion frechen Divencharme.

Diesen Charme hat Ratzke auch privat. Er wirkt wesentlich zurückhaltender, aber nicht unverbindlicher als die Rampensau auf der Bühne, die mit Nonchalance von den gebrochenen Versprechen auf ein Leben voller Lust und Kuchen erzählt. Pünktlich erscheint er auf dem Fahrrad zu unserer Verabredung im Hof des Admi­rals­palasts. In dessen Katakomben wird er nun die Hauptrolle in der von Guntbert Warns eingerichteten Berliner Version des New Yorker Glamrockmusicals „Hedwig and the Angry Inch“ spielen.

Sven Ratzke als Hedwig in Berlin
Sven Ratzke als Hedwig in Berlin

In New York hat das Musical ähnlichen Kultstatus wie hierzulande die „Rocky Horror Show“. Die Off-Broadway-Geschichte, die der Regisseur und Autor John Cameron Mitchell entwickelt hat, handelt von dem in Ost-Berlin aufgewachsenen Musi­ker Hansel, der in die USA auswandert und dort als Rock’n’Roll-Dragqueen Hedwig Erfolge feiert. Der Titel bezieht sich darauf, dass bei Hedwigs Geschlechtsanpassung ein ärgerliches Stückchen „Hansel“ zurück blieb.

Ein krasses Stück

2001 wurde „Hedwig and the Angry Inch“ verfilmt und erhielt auf der Berlinale einen Teddy-Award. Gleichwohl ist das Glamrock-Musical hierzulande relativ unbekannt geblieben. Anders als in den Niederlanden, wo „jeder meiner Genera­tion das Musical kennt“, sagt Ratzke. „Es ist ein krasses Stück, nichts für Musicalfans, die auf Abba oder ,König der Löwen‘ stehen.“ Das ist wohl auch der Grund, warum Deutschlands Musicalriese, die Stage Entertainment, bislang kein Interesse an dem Stoff zeigte. „Wenn Du das glättest, würde es langweilig“, sagt Ratzke, der in Berlin seinen Zweitwohnsitz neben Amsterdam hat, „Hedwig beschreibt zum Beispiel detailliert ihre OP, wenn die Stage Entertainment das inszenieren würde, ließen die so was sicher weg – und es käme irgendwie Bambi raus.“

Ratzke interessiert gerade der universelle Lebensblues, der sich in der tragischen, aber nie larmoyanten Figur der Hedwig zeigt, weshalb es ihm auch wichtig ist, dass der Regisseur Guntbert Warns vom Theater kommt und nicht aus dem Show- oder Musicalbereich. Entscheidend war auch, dass der „Hedwig“-Schöpfer John Cameron Mitchell ihm sein Okay dafür gab, die Rolle zu spielen. Das konnte sich Ratzke bei ihm persönlich holen, denn längst kennt man ihn auch in New York. Der 36-Jährige spielte unter anderem bereits im legendären Joe’s Pub, wo auch Adele oder Amy Winehouse ihre USA-Debüts hatten: „Mitchell kam in meine Show und ich fragte ihn, wie er es finden würde, wenn ich Hedwig spielen würde. Er fand das sehr gut. Wir haben seitdem eine Art Freundschaft, er ist schon in Berlin gewesen, kommt auch zur Premiere.“

Spiel mit sexueller Identität

Ratzke, der 1977 in Kranenburg an der deutsch-niederländischen Grenze geboren wurde und in der Hippiekommune eines besetzten holländischen Klosters aufgewachsen ist, spielt gerne mit der Ambivalenz. Als „Gesamtkünstler und Chamäleon“ bezeichnet ihn der „Tagesspiegel“. Die Doppelbödigkeit reizt ihn, auch das Spiel mit sexueller Identität. Ratzke ist kein Transvestit, aber die Rätselhaftigkeit und die Fragen nach seinem Geschlecht begleiteten ihn von Anfang an. „Ich habe das nie beantwortet“, sagt er, „sondern wie David ­Bowie oder Lady Gaga in der Schwebe stehen lassen“.

Und auch wenn Ratzke nun als Hedwig im Fummel auftritt, ist es weit entfernt von einer Dragshow. „Es ist nicht damit getan, dass Du eine Perücke aufsetzt und dann Hedwig bist“, stellt er klar. „Denn Hedwig mischt Gedanken über Leben und Tod ins gefällige Rock-Entertainment, die sehr ernst gemeint sind und die viele nachvollziehen können.“

Mit „Hedwig and the Angry Inch“ wollen Ratzke und sein Team „den Glam und den Exzess in den Admiralspalast zurückbringen“ – so wie er mal in den 20er-Jahren war. Heute ist das  Haus eine Gastspielbude geworden. Da unten im Keller entstünde so mit „Hedwig“ der wahre Admiralspalast.