POPIKONE REVISITED

»Es gibt Tränen«

Der deutsch-niederländische Entertainer Sven Ratzke über das Theatrische an David Bowie, entkleidete Songs und seine Tribut-Show „Where Are We Now“ ­


Interview: Friedhelm Teicke

Sven Ratzke, Ihre David Bowie-Show „Starman“ kam wenige Wochen vor dem Tod Bowies heraus, Sie haben sie welt­weit sehr erfolgreich gespielt. War sein Tod für Sie so auch Glück im Unglück?

Bestimmt nicht, die Tour war ja schon längst gebucht und lief, als wir kalt von Bowies Tod erwischt wurden. Es kamen dann natürlich viele Anfragen von Agenturen, die sie fürs schnelle Geld ausschlachten wollten, aber die haben wir alle abgelehnt. Wir hatten das Programm ja vorher von Bowie über sein Management absegnen lassen und ich weiß, dass er sich später auch noch unsere „Starman“-CD angehört hat.

Hat sie ihm gefallen?

Mir wurde gesagt, ja. Nach seinem überraschenden Tod wurde „Starman“ dann von vielen Leuten als so etwas wie ein Trost- und ­Trauer-Programm aufgenommen, aber so war es überhaupt nicht konzipiert. Ich ­hatte es nach Bowies Tod auch nicht verändert, aber womöglich eine andere Emotion dabei.

Auf den Spuren von David ­Bowie: Sven Ratzke – Foto: Hanneke Wetzer

Warum jetzt mit „Where Are We Now“ ein weiteres Bowie-Programm?

„Starman“ war eben nicht als Hommage-Show gedacht, sondern war ein Eintauchen in das Universum seiner fantastischen Figuren, in eine Traumwelt der 70er-Jahre. Ich ­erzählte auch ganz eigene Geschichten zwischen den Songs, die natürlich immer eine Referenz zu Bowies Geschichten haben, davon inspiriert sind oder auf tatsächlichen Geschehnissen basieren. „Starman“ war eine thea­tralische Show mit der Musik von Bowie in neuen Arrangements. Als ich später mit meinem Pia­nisten Christian Pabst und einem anderen Programm als Duo unterwegs war, hatten wir einige dieser Songs beim Soundcheck gespielt und dabei festgestellt, dass sie so reduziert und entkleidet noch mal ganz besonders wirken. Da sieht man auch, was für ein grandioser Songwriter Bowie war und wie berührend die Texte sind. Daraus ist nun nochmal eine andere Auseinandersetzung mit ihm entstanden.

Die ungeheuere Ähnlichkeit ihrer Stimmfarbe zu der Bowies ist dabei sicher hilfreich.

Die Ähnlichkeit war mir tatsächlich gar nicht bewusst. Ich hatte Bowie zuvor nie gesungen. Ich habe ja eigentlich immer nur Frauenlieder gesungen, die Diva-Programme, Hilde Knef, Brecht/Weill und so was alles. Dann kam die Titelrolle im Rockmusical „Hedwig and the Angry Inch“, eine Drag-Queen, die also eigentlich auch eine weibliche Figur war.

Bowie war ebenso eine eher androgyne Erscheinung in den 70er-Jahren, geschminkt und extravagant gekleidet …

Ja, und er war auch verrückt nach Brecht, hat ihn gesungen und wollte, wie er in einem Interview sagte, eigentlich ein Musiktheater wie Brecht und Weill kreiieren. Da gibt es schon Verbindungen zwischen uns. Aber das war mir zuvor überhaupt nicht bewusst. Ich bin ja eine ganz andere Generation, habe Bowies 70er-Phase überhaupt nicht erlebt. Ich kannte natürlich „Let’s Dance“, seine Hits aus den 80er-Jahren. Ich wusste, das ist dieser coole Typ mit den zwei verschiedenen Augenfarben und diesen Anzügen. Erst durch die Erarbeitung der beiden Programme kenne ich nun sehr viel von seinem ungeheuer vielfältigem Werk.

„Starman“ hatte das Chamäleon Bowie, seine Figuren und Geschichten im Fokus, jetzt in „Where Are We Now“ gehen Sie eher auf den Menschen Bowie?

Ja, es wird thematisch aber auch durchaus grundsätzlich. Sehr viele seiner Lieder haben mit dem Verlust von Zeit zu tun oder überhaupt mit dem, was man im Laufe des Lebens verlieren kann. ­„Where Are We Now?“ ist sicher kein trauriger Abend, aber doch sehr berührend: Wir haben vor ein paar Tagen die ersten Previews gehabt und manche Zuschauer hatten Tränen in den Augen, weil jeder sich etwas rausnehmen kann, was Bezug zu seinem Leben hat.

Was fasziniert Sie an Bowie besonders?

Das Theatralische! Er schaut immer zurück aber auch voraus und verbindet, was er schon geschaffen hat, miteinander, wie verrückt auch die Personen oder Geschichten sind. Major Tom aus „Space Oddity“ von 1968 zum Beispiel taucht auch in „Ashes to Ashes“ von 1980 und in „Hallo Spaceboy“ von 1995 auf. Wie theatralisch kannst Du sein, dass Du einen Charakter erfindest, den Du alle zehn Jahre weitererzählst? Ich glaube, er hat immer sehr lange über seine Ideen nachgedacht und ist wie ein Theatermacher nicht einem Stil gefolgt, sondern hat nachgehorcht, welches Format seine Idee am besten transportiert.

Musikvideo von Sven Ratzke zu „Where Are We Now?“

14.10. (Deutschland-Premiere), 29.10., 20 Uhr, Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Von und mit Sven Ratzke und Christian Pabst (Piano). Eintritt 22 – 32, erm. 12,50–16,50 €,
www.sven-ratzke.com