Element of Crime

Sven Regener und Jakob Ilja im Interview

Das neue Album von Element of Crime heißt „Schafe, Monster und Mäuse“. Sven Regener und Jakob Ilja über das Prinzenbad, halbvolle Gläser und faulig riechendes Städtemarketing

Wie muss man sich Sven Regener im Prinzenbad vorstellen?
SVEN REGENER Ich selber war schon lange nicht mehr im Prinzenbad, weil ich schon lange nicht mehr in Kreuzberg wohne. Meine letzte Saisonkarte hatte ich 1993. Früher war das Bad musikermäßig eine große Nummer. Jörg Fukking von Vielklang-Musik, das war in den 90ern, meinte mal zu mir, er könne da nicht mehr hingehen. Der war einmal da und hat zehn Demotapes zugesteckt bekommen.

Element of Crime
Zar nicht im Prinzenbad, dafür aber gemütlich: Element of Crime unter dem Apfelbaum
Foto: Charlotte Goltermann

Im neuen Song „Im Prinzenbad“ singen Sie wunderbar missgelaunt: „Keine Freude mehr am Sommer“. So schlecht war der Sommer aber nun wirklich nicht.
SVEN REGENER Man kann einen „Good Day Sunshine“-Song über den Sommer machen. Oder eben „Sun is shining although it’s raining in my heart“. Interessant ist ja: Wie geht man damit um, dass man ganz alleine im Prinzenbad hängt, unter den ganzen Leuten, und denkt: Ach du Elend, ich will deren gute Laune nicht.

So viele explizite Berlin-Verortungen gab es selten bis nie auf einem Element-of-Crime-Album: Prinzenbad, Kurfürstendamm, Schlesisches Tor, KaDeWe. Ist das Ihr erstes echtes Berlin-Album?
JAKOB ILJA Ich würde das entspannter sehen. Bei Bob Dylan käme auch keiner auf die Idee zu sagen: Der macht jetzt eine New- York-Platte. Oder bei Lou Reed, der sogar eine Platte „New York“ nannte.
SVEN REGENER Na ja. Bei dem schon.
JAKOB ILJA Aber es hat etwas Allgemeingültiges. Sonst wäre da ja keine Luft für andere Interpretationen.
SVEN REGENER Element of Crime sind eine Band aus Berlin. Das war immer klar. Auch als wir am Anfang gar nicht unbedingt wollten, dass das klar war, war das eigentlich klar. Wir haben ja Mitte der 80er-Jahre angefangen; da hat man das Berlin-Thema nicht an die große Glocke gehängt.

Warum nicht?
SVEN REGENER Weil das Berlin-Ding gerade endgültig durch war mit dem Sterben der Neuen Deutschen Welle. Aber unser Sound war ganz klar von diesem Experimentalrock und seltsamen Postpunk-Bands, in denen wir früher hier gespielt haben, beeinflusst. „Kultureller Einfluss“, „Neue Liebe“,„Tote Piloten“, „Zatopek“. So wie klar ist, dass die Toten Hosen aus Düsseldorf kommen. Das heißt ja nicht, dass du die Toten Hosen nur verstehen kannst, wenn du dich in Düsseldorf auskennst. Wer kennt sich schon in Düsseldorf aus? Außer uns, weil wir da mal 1985 eine Platte aufgenommen haben!

„Nimm dir, was du willst (aber nerv mich nicht)“, ein lustiger Rundumschlag auf den Fitness- und Wellness-Wahn, ist aber schon sehr Prenzlauer Berg!
SVEN REGENER Aber nicht explizit. Nur wenn man es so sehen will. Aber manchmal haben die Songs eben auch einen konkreten Ort, „Die Party am Schlesischen Tor“ etwa. So wie es Songs gibt, die in New York in der Bowery oder am Times Square spielen. Das Schlesische Tor ist eines der Zentren einer internationalen Partyszene. Das kann man bringen, so ein Lied. Deswegen müssen wir die Platte ja nicht „Berlin“ nennen – was dann vielleicht so ein bisschen den faulen Geruch von Städtemarketing hätte.

Leiden Sie an Berlin?
SVEN REGENER Wenn ich an Berlin leiden würde, würde ich wegziehen. Ich wohne ja freiwillig seit 1982 hier.

Die neue Platte hat aber einen beachtlich düsteren Unterton. Zum Beispiel der Song „Gewitter“. Der hat eine regelrecht apokalyptische Note.
SVEN REGENER So ein „Doomsday-Song.“ Muss auch mal sein.

Wo kommt das her?
SVEN REGENER Bloß, weil da Berliner Orte vorkommen, heißt das aber nicht, dass wir da jetzt eine aktuelle Einschätzung wie ein Journalist abgeben würden. Dafür weisen die Songs viel zu sehr über sich selbst hinaus. Und über ihre Zeit.

„Erhebt ein letztes Glas / Auf die gute Alte Zeit, denn die ist jetzt vorbei“ Klingt nach Moritat, nach Warnung. In zweiter Person Plural. Auch selten bei Element of Crime.
SVEN REGENER Das ist so ein Protestsong-Ding. Kommt aus der Folkmusik. Beim frühen Bob Dylan gibt es das viel.

Werden Sie auf Ihre, nun ja, mittelalten Tage noch zur Protestband?
SVEN REGENER Nein. Aber der Song ist aus der Position von jemandem geschrieben, der wirklich so eine böse Ahnung hat. Und davor warnt. Die Frage, woher das kommt, kann ich zurückgeben. Ich weiß das auch nicht so genau. Wir machen ja immer die Musik zuerst. Das ist eigentlich durch die Gesangsmelodie inspiriert.

Was auch auffällt: sehr viele Soli. Gitarre, Trompete, Geige.
JAKOB ILJA  Es gibt keinen Masterplan für eine Platte. Das entwickelt sich beim Spielen. Man ist selber überrascht, wie im Übungsraum die Lieder entstehen.
SVEN REGENER Plötzlich hatten wir die längste Platte, die wir je gemacht haben. Diese Songs wollten das offensichtlich. Wenn wir hinterher klug darüber reden, heißt das noch lange nicht, dass wir das vorher so geahnt haben.

Die Element-of-Crime-Dialektik: Das Glas ist halbleer – aber immerhin ist noch was zum Trinken da?
JAKOB ILJA  Zum Glück ist es ja nicht nur halbvoll oder halbleer. Es geht ja um den Menschen in all seinen Facetten. Das Schöne an einem Lied ist ja der Umstand, dass es jeder frei interpretieren kann.
SVEN REGENER Das Glas ist halbvoll, aber man weiß nicht: Ist es Schnaps oder Wasser?
JAKOB ILJA  Oder ist es überhaupt ein Glas? Oder ein Tetrapack?
SVEN REGENER Das ist der Grund, warum wir im engeren Sinne keine Popmusik machen. Weil man unsere Musik nicht Eins-zu-eins übersetzen kann. Das hält einen auch bei der Stange. „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“: Ich kann nicht sagen, dass wir so ein Lied nicht schon mal geschrieben hätten. Trotzdem ist es für mich neu. Wir spielen das dann und sagen: ja, toll. Irgendwann macht man dann doch wieder eine Platte.

Ist das dann so, als wenn man alle paar Jahre die gute alte Wohnung wieder betritt, die Möbel ein bisschen herumrückt, und weiter geht’s?
SVEN REGENER Was wir nicht so mehr haben, sind lange Pausen, wo wir gar nicht mehr spielen. 2012 war mal so ein Jahr, da haben wir fast gar nicht gespielt. Aber es ist keine alte Wohnung. Wir schreiben nach wie vor alle Songs selber. Wir beschäftigen keine anderen Songschreiber. Das Interessante ist, dass man als Band weitergeht und lebendig bleibt.

Gab es jemals einen Punkt, wo Sie dachten: Es reicht jetzt mit der Band?
JAKOB ILJA Wenn man in einer Band so lange zusammen ist, gibt es natürlich immer mal wieder Momente, wo man denkt, es reicht. Der entscheidende Punkt ist aber wohl, dass man irgendwann versteht, dass es um die Musik geht. Und nur die zählt.

Radiokonzert: Di 2.10., 21 Uhr, RBB-Sendesaal, Masurenallee 8, Westend, ausverkauft

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