Kino

Synonymes

„Ich bin ausgebrochen“, sagt Yoav, und es klingt, als hätte er ein Gefängnis verlassen. Er meint aber Israel. Er ist nach Paris gekommen, wo ihm zuerst einmal alles gestohlen wird, sodass er nackt bei Nachbarn um Hilfe bitten muss. So trifft er auf Émile und Caroline, er ein reicher Erbe und Schriftsteller, sie Musikerin. Yoav will nicht mehr Hebräisch sprechen, mit einem Wörterbuch geht er durch die Stadt und bringt sich Ausdrücke bei: „beschwören“, „abschwören“. Er findet eine Arbeit als Wachmann, läuft mit einem Bekannten durch die U-Bahn und sieht zu, wie dieser Michel die Menschen provoziert – als Jude.

Synonymes
Foto: Grandfilm

„Synonymes“ von Nadav Lapid ist eine Gratwanderung: Es geht mitten durch eine zentrale Unterscheidung heutiger Identitätspolitik, und zwar ganz bewusst in Frankreich, das so viel Wert auf Laizität und die Universalität seiner Prinzipien legt. Yoav ist eine Kippfigur: Jude, Mann, Model, und zugleich wäre er gern ein Mann ohne Eigenschaften, der von zwei Euro am Tag lebt. Seine „Geschichten“ sind vielleicht schon Anzeichen
einer Krankheit. Mit dieser Wendung ins Psychische nimmt Nadav Lapid dem Film ein wenig Brisanz: Denn damit wird Yoav selbst so etwas wie ein Symptom, während sein Konflikt doch deutlich ins Prinzipielle weist. Trotzdem ein starker, intellektuell fordernder, erzählerisch immer wieder überraschender Film.

F/D/IL 2019, 123 Min., R: Nadav Lapid, D: Tom Mercier, Louise Chevillotte, Quentin Dolmaire, Uri Hayik, Start: 5.9.