Porträt

Tage ohne Zukunft. Oder: Der Mensch in Zeiten von Covid-19

Ohne es ahnen zu können, ist Hendrik Otremba und seiner Band Messer mit „No Future Days“ die Platte zu Corona und diesen seltsamen Zeiten gelungen.

„Innehalten!“: Hendrik Otremba (3.v.l.) und der Rest von Messer. Foto: Moritz Hagedorn
„Innehalten!“: Hendrik Otremba (3.v.l.) und der Rest von Messer. Foto: Moritz Hagedorn

Für einen schreibenden Menschen wie Hendrik Otremba sind diese schrecklichen Zeiten auch spannende Zeiten. Denn der Ausnahmezustand verlangt nach künstlerischer Aufarbeitung, nach Musik, Malerei und Dichtung. Und Otremba ist ja gleich alles auf einmal: Musiker, Maler und Schriftsteller. Wie sehr beunruhigt ihn die Massenverunsicherung und die Tatsache, dass die bevorstehende Tour seiner Band Messer wohl abgesagt werden muss? „Ach, bisher hat mich die Panik nicht erreicht“, sagt er und beißt in sein Frühstücks-Sandwich.

Dass sein Neuköllner Lieblingscafé an diesem Morgen menschenleer ist, kann aber auch kein Zufall sein. Hätte Corona nicht den dramatischen Effekt, dass Menschen daran sterben und viele weitere in ihrer beruflichen und wirtschaftlichen Existenz bedroht sind, könnte man glatt auf die Idee kommen, dass das Virus den überhitzten Planeten rettet, weil es auf das hyperbeschleunigte Weltwirtschaftsgetriebe mit seinen Wachstums-Imperativen wie ein Bremsklotz wirkt.

Weil es uns die Abgründe unseres Konkurrenzsystems vor Augen führt und den verdorbenen Charakter der Menschen, die zu Toilettenpapier hortenden Egoisten degeneriert sind und erleichtert aufatmen, wenn die Sitznachbarin im Bus wegen eines Schlaganfalls zusammenklappt – und nicht wegen des Virus.

„Ich weiß nicht, ob Corona eine Rettung ist“, überlegt Otremba, „dafür müsste der Zustand ja fast so bleiben. Und ob man so leben wollte – nicht mehr rausgehen?“ Er sieht darin eher ein weiteres Beispiel dafür, dass dystopische Fiktionen ständig von der Wirklichkeit überholt werden. „Vielleicht kann man das Ganze auch als Testlauf begreifen, weil auf die Menschheit noch ganz andere Dinge zukommen werden“, sagt er mit Blick auf die Klimakrise, deren Folgen wir uns noch gar nicht ausmalen können.

Könnte Corona dann nicht wenigstens Anlass sein, das eigene Konsumverhalten, vielleicht sogar das kapitalistische System als ganzes zu hinterfragen und Solidarität, Empathie und Gemeinschaft neu zu lernen? Hendrik Otremba ist da weniger zuversichtlich: „Ich glaube, sobald die Menschen ihre Freiheit zurückerlangt haben, werden sie in ihre alten Verhaltensmuster zurückfallen. Die Menschen halten sich ja für klug, aber sonderlich lernfähig scheinen sie nicht.“

Vergehen und Verschwinden

Es wäre auch eine Überraschung gewesen, wenn sich der 36-Jährige als naiver Optimist geoutet hätte. Die Szenarien, die er in seinen Büchern und Songtexten beschreibt, sind im besten Sinne kafkaesk, also dunkel, (alb-)traumhaft, uneindeutig. „Ich fühle mich zu Dingen hingezogen, die mir ein Rätsel sind und nicht so leicht begreifbar“, sagt er.

Das macht sich natürlich auch auf dem aktuellen, erstmals vollständig selbst produzierten Messer-Album bemerkbar. Nach weiteren nihilistischen Motiven neben dem Albumtitel „No Future Days“ muss man nicht lang suchen, hier eine kleine Auswahl: „Das Ende ist nah“, „Es ist längst zu spät“, „Sie hat das Nichts gesehen“, „Und ich bleib hier allein“.

Doch im Vergleich zu vorherigen Alben der Band, die es nun schon seit zehn Jahren gibt und die meist dem Post-Punk zugeordnet wird, klingt dieses gar nicht mal so düster: „Die Musik ist eher luftig und groovig, sie hat einen total positiven Vibe“, findet Otremba, der sich diesmal aufs Schreiben konzentriert habe und weniger in den musikalischen Schaffensprozess involviert gewesen sei.

Seine skeptischen Visionen clashen deshalb ein wenig mit den Dub- und Reggae-angereicherten Kompositionen, die sich seine Bandkollegen Pogo McCartney, Milek und Philipp Wulf ausgedacht haben.

Thematisch geht es in den neun Stücken immer wieder um das Vergehen der Zeit und Erinnerungsräume. Zum Beispiel gleich im ersten Stück „Das Verrückte Haus“, das Otremba im Dialog mit dem Bassisten Pogo McCartney geschrieben hat, oder in „Tapetentür“, in dem er die schöne Zeile singt: „Einen Raum betreten heißt darin zu verschwinden.“

Was, wenn das Berghain zu ist?

Zeit faltet sich für uns in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf. Was aber, wenn eine der Dimensionen verschwindet? Wenn es keine Zukunft mehr gibt? Mit diesem Gedanken spielt „No Future Days“, das nicht nur im Titel ziemlich genau den Ausnahmezustand unserer Welt zwischen Corona-Chaos und Klimakrise auf den Punkt bringt. In Otrembas Worten: „Ein Unbehagen vor dem Umstand, dass es irgendwie weitergeht, obwohl viel danach aussieht, dass es das nicht tut. Ein Fortschreiten, obwohl eigentlich alles schreit: Innehalten!“

Aber erleben wir nicht gerade genau das: ein Innehalten? In ihrer häuslichen Quarantäne fragen sich die Menschen: Was tun, wenn das unermüdlich vorwärtstreibende Produktionsrad still steht? Und schlimmer noch: Wenn das Berghain schließt? Fenster putzen? Ok, aber was, wenn die Wohnung schon aufgeräumt ist? Der Ausnahmezustand versperrt den Menschen die Fluchtwege und zwingt sie in die Stille der Gegenwart. Keiner weiß, wann und wie es weitergeht. Wir alle verschwinden in Räumen. Seltsam, diese Tage ohne Zukunft.

Im Augenblick interessiert sich Otremba sehr für die Filme des sowjetischen Regisseurs Andrei Tarkowski, vor allem für die Figur des Domenico aus „Nostalghia“ von 1983: ein alter Mathematiklehrer, der seine Familie sieben Jahre lang in seinem Haus einschließt und dort das Ende der Welt erwartet. Auf dem Kapitolshügel in Rom hält Domenico schließlich eine verzweifelte Rede über den Irrweg der modernen Zivilisation, übergießt sich mit Benzin und verbrennt sich selbst. Die Frage ist wie so oft bei Exzentrikern: Sieht Domenico klarer als alle anderen oder ist er einfach wahnsinnig?

Vorerst jedenfalls scheint das Ende der Menschheit nicht in Sicht. Schon der Plural „No Future Days“ deutet ja darauf hin, dass wir es nicht mit dem Jüngsten Tag, sondern mit einer Periode zu tun haben, die von einer weiteren abgelöst werden könnte. Auch das ist ja verblüffend: dass das Virus Schwangere und Kinder verschont. „Für mich ist das Zuhausebleiben gerade ein natürliches Programm“, sagt Hendrik Otremba, der kürzlich Vater geworden ist. „Und für mich fühlt es sich sehr nach Zukunft an.“