INTERNATIONALES TANZFESTIVAL

Augenlider, die tanzen

31 Produktionen, davon sieben Uraufführungen und 18 Deutschlandpremieren: Tanz im August ist das größte Tanzfestival des Landes – und politisch relevant

Text: Annett Jaensch

Rund 50 Billionen Zellen hat ein menschlicher Körper. Was wäre, wenn jede einzelne Zelle dazu in der Lage wäre, etwas zu erleben? Mit dieser Art der suggestiven Körperbefragung ist man schon mittendrin in der Performance-Welt von Deborah Hay. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Die US-Amerikanerin, Jahrgang 1941, hat Tanzgeschichte geschrieben. Als Gründungsmitglied des legendären Judson Dance Theater prägte sie den Postmodern Dance, entwickelte in den 1960er-Jahren erste Tanzformate für Museen wie das MoMA in New York und tourte mit Merce Cunningham um die Welt. Das Gruppenstück „Animals on the Beach“ und ihr Solo „my choreographed body… revisited“, die als Uraufführungen den Festivalauftakt von Tanz im August bestreiten, versprechen den Beweis: Wie taufrisch und umtriebig das Forschen am Tanz auch nach 50 Jahren Bühnenpraxis sein kann.

Körperkonzert: die Produktion „Body Concert“ der koreanischen Ambiguous Dance Company – Foto: Sebastian Marcovici

„Ein Festival ist die Ausnahme vom Gewöhnlichen“, findet Virve Sutinen. Die gebürtige Finnin lenkt als künstlerische Leiterin seit 2014 die Geschicke des größten deutschen Tanzfestivals. In ein kuratorisches Korsett mag sie das Programm nicht zwängen, vielmehr ist Tanz im August jedes Jahr aufs Neue eine Einladung, aktuelle Tendenzen des zeitgenössischen Tanzes zu entdecken.

Auch die diesjährige Ausgabe ist ein ansehnliches Festivalpaket geworden: 31 Produktionen, darunter sieben Uraufführungen und 18 Deutschlandpremieren, präsentiert von mehr als 160 Künstlern an elf Aufführungsorten. Zu denen dieses Mal leider nicht das Haus der Berliner Festspiele gehören wird. Laut HAU-Intendantin Annemie Vanackere ein Wermuts­tropfen: Sanierungen, Bespielung mit eigenen Produktionen und auch finanzielle Rahmenbedingungen hätten es in diesem Jahr schwierig gemacht, Aufführungsorte für Großformatiges zu finden.

Gegenwarts- und Identitätsfragen

Auffällig viel Gesellschaftsrelevanz versprühten bereits die vergangenen drei Festivaleditionen. Keine Frage: Der zeitgenössische Tanz vermag weit mehr, als sich nur um eigene Ästhetiken zu drehen. Geradezu seismografisch fangen viele Künstler und Künstlerinnen mit ihren Arbeiten brisante Gegenwarts- und Identitätsfragen ein.

So wie die junge australische Performerin Nicola Gunn. In ihrem Solo „Piece for Person and Ghetto Blaster“ stellt sie sich einem moralischen Alltagsdilemma: Wann und wie sollten wir uns einmischen? Eine echte Knackpunktfrage in Zeiten brodelnder Konflikte im digitalen und analogen Raum, anregend und humorvoll in der Choreografie von Jo Lloyd in Szene gesetzt.

Ein anderes Beispiel: die irische Choreografin Oona Doherty, die ebenfalls das erste Mal in Berlin gastiert. „Hard to be Soft – A Belfast Prayer“ katapultiert direkt hinein in die nordirische Verfasstheit, wenn auf der Bühne eine Gruppe selbstbewusster Frauen, eine „Sugar Army“ (in Berlin von Berlinerinnen verkörpert), aufmarschiert – und im Zusammenspiel mit einem Männerduo Rauheit und Verletzlichkeit gleichzeitig aufscheinen.

Als roter Faden im dreiwöchigen Programm fungiert „RE-Perspective Deborah Hay: Works from 1968 to the Present“ ­­– die bisher größte Werkschau zu ihrer Person mit weiteren ikonischen Arbeiten, einer Multimediainstallation und einem Symposium.

Hommage an eine Legende: CCN – Ballet de Lorraine mit „Merce Cunningham Centennial: Berlin“ – Foto: Laurent Philippe

Und noch ein anderer großer Name verspricht einen Höhepunkt zu setzen: Merce Cunningham. Hundert Jahre wäre der legendäre Tanzerneuerer und Postmodernist in diesem Jahr geworden. Auf sein künstlerisches Konto gehen über 200 wegweisende Werke, oftmals in Kollaboration mit John Cage und Robert Rauschenberg entwickelt. In der Volksbühne werden das Berliner Dance on Ensemble und das französische CCN – Ballet de Lorraine mit „Merce Cunningham Centennial: Berlin“ seiner unverwechselbaren Handschrift ein Revival verschaffen. So führt der dreiteilige Abend hinein in die sphärische Welt von „RainForest“, durch die Andy Warhols „Silver Clouds“ – so der Name der Installation aus dem Jahr 1968 – schweben.

Ab in den Tanzsommer!

70 Veranstaltungen im thematisch schillernden Wechsel: Zu erleben sind visuelle Hingucker wie die Acht-Stunden-Performance „Fluid Grounds“ von Par B.L.eux und Sophie Corriveau aus Kanada, die poetische Räume mit farbigem Klebeband schaffen. Oder der japanische Tanz-Video-­Künstler Hiroaki Umeda, der in einer haptischen Installation für eine Person geschlossene Augenlider zum Tanzen bringt.

Natürlich auch wieder mit von der Partie: die Berliner Szene, unter anderem mit dem Choreografenduo deufert&plischke, das dem Thema Liebe auf den Leib rückt und Claire Vivianne Sobottke, die im Solo „Velvet“ Weiblichkeit subtil dekonstruiert.

Wer einmal gedanklich ganz weit weg reisen möchte, lässt sich von „Deepspace“ in die Antarktis mitnehmen. Der junge Choreograf und Filmemacher James Batchelor hat seine Erfahrungen aus einer Forschungsexpedition zu den McDonald-Inseln im Indischen Ozean in eine hypnotisierende Performance überführt.

Sympathisch niedrigschwellig kommen übrigens die Begegnungsformate daher: Damit der Draht zum Publikum nicht zu kurz kommt, nehmen Künstler und Künstlerinnen auf dem Tanz-im-August-Sofa Platz, auch Selfie-Sessions für Kinder und Jugendliche nach den Performances wird es geben. Hautnah und bewegend: Ab in den Tanzsommer!

9.8.-31.8.2019, HAU 1-3 und acht andere Orte, Details auf www.tanzimaugust.de