FESTIVAL

Von kalifornisch bis kosmisch

Das Dock 11 feiert den Tanzmonat August mit dem No Borders Festival und weiteren ­choreografischen Highlights. Und eine ­Reihe in der Akademie der Künste erinnert an die ­„Aktualität des Tanzerbes“

Text: Annett Jaensch

Im Spätsommer lockt nicht nur das Festival Tanz im August an die Bühnen der Stadt. Das Dock 11 hat ebenfalls ein Programm geschnürt, das einige Sternschnuppen am Performancehorizont zu liefern verspricht. Und mit 21 Aufführungen, Lectures und ­einer Ausstellung überprüft die Akademie der Künste das kulturelle Gedächtnis in der Reihe „Was der Körper erinnert – Zur Aktualität des Tanzerbes“.

Sinnenstürmender Ritt: „Black Hole“ von Shamel Pitts – Foto: Anna Kazanova

Eine Stunde, eine Minute und eine ­Sekunde: Genau so lange dauert die Trio-Arbeit „Black Hole“ des Choreografen Shamel Pitts. Das kosmische Phänomen des Schwarzen Loches ist zwar Aufhänger, führt aber viel weiter, als der Titel suggeriert. Dem aus New York stammenden, afroamerikanischen Künstler geht es um eine intensive performative Energie. Und um die Frage: Welche Kräfte stecken im Wandelbaren, im Extremen?

Ein sinnenstürmender Ritt ins Unbekannte, in der sich Tanz, visuelle Effekte und Sound zu einem hypnotisierenden Mix verbinden. Pitts, der auch einige Jahre für die berühmte israelische Batsheva Dance Company tanzte, bewegt sich mit seinen ­eigenen Arbeiten gern auf dem Feld der Identitätsfragen und des Afrofuturismus.

Beim kleinen, aber feinen No Borders Festival wiederum kommt eine ganz eigene Tanzgemeinschaft zusammen. Bindeglied und Inspirationsgeberin: Sara Shelton Mann aus San Francisco.

Die US-Amerikanerin, Jahrgang 1943, hat wahre Allrounder-Qualitäten. In den 80- und 90er-Jahren leitete sie das kalifornische Performancekollektiv Contraband, die sich einen Namen machte mit seinen experimentellen Fusionen aus Kontaktimprovisation, Musik, Live-Happenings und politischem Aktivismus. Die umtriebige Künstlerin ist auch heute in keine Schublade zu stecken: Sie choreografiert, tanzt, forscht, lehrt und ist im energetischen Heilen aktiv. Ihre Performances versteht sie als Plattform für Zusammenarbeit und Bewusstseinsrecherche.

Zukunftsbefragung aus der Perspektive eines Kindes: „29 / Vortex“ von Sara Shelton Mann – Foto: Robbie Sweeny

Dieser kollaborative Spirit wird auch beim No Borders Festival zu spüren sein, wo neben Sara Shelton Mann weitere Choreografinnen vertreten sind, die intensiv mit ihr zusammengearbeitet haben.

Christine Bonansea aus den USA etwa bringt ihre Multimedia-Arbeit „Parallel and Phases“ mit, die mit Zeit- und Raumgefügen spielt. Oder Daiane Lopes da Silva, Tänzerchoreografin und künstlerische Leiterin von Kinetech Arts in San Francisco: Ihre Performance „Al Sensorium“ sticht hinein in das hochaktuelle Thema digitaler Kontrolle und künstlicher Intelligenz. Sara Shelton Mann selbst steuert das Stück „29 / Vortex“ bei, dessen tänzerische Reise bei der Zukunftsbefragung aus der Perspektive eines Kindes ansetzt.

Auf die Aktualität der Tanzgeschichte und der Pflege ihres Erbes verweist eine Reihe in der Akademie der Künste, bei der nicht nur Choreografien von Altstars der Szene wie Anne ­Teresa De Keersmaeker/Rosas in der Spiegelung durch zwei junge Tänzerinnen gezeigt werden, sondern auch über Körper als lebendige Bibliotheken mittels Aufführungen und Lecteurs anschaulich nachgedacht wird. Der französische Choreograf Xavier Le Roy lässt dabei in „Retrospective“ in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs Ausschnitte seiner Choreografien von zwölf Tänzer*innen neu interpretieren. Zu erleben während der normalen Öffnungszeiten des Kunstmuseums.

Junge Tänzerinnen tanzen „Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich, 1982“ von Anne Teresa De Keersmaeker – Foto: Jean Luc Tanghe

Black Hole: 15.–17.8., 19 Uhr, No Borders Festival: 22.-25.8., 19 Uhr, Dock 11, Kastanienallee 79, Prenzl. Berg, Tickets 14, erm. 10 €, www.dock11-berlin.de
Was der Körper erinnert – Zur Aktualität des Tanzerbes: 24.8.–21.9., Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Tickets 8, erm. 5 € / Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstr. 50-51, Mitte. Eintritt frei, www.adk.de