FESTIVAL

Night Fever

Die 10. Berliner Tanznacht steht im Zeichen der Musik: Seemannslieder eines tanzenden Sechs-Männer-Chores; Choreografen, die in einem Fünf-Stunden-Programm singen; Musiker, die sich zu einem neuen Instrument choreografieren

Text: Tom Mustroph

Die Tanznacht ist ein schon traditionelles Schaufenster des zeitgenössischen Tanzes in Berlin. War sie in ihren Anfängen vor allem ein Präsentationsinstrument (in den Nullerjahren wurden kurze Sequenzen aus einzelnen Stücken in einer langen Nacht aneinandergereiht), so ist sie immer mehr zur Bühne für komplette Produktionen und zu einem Reflektionsraum über den zeitgenössischen Tanz geworden.

Das aktuelle Programm: 13 Produktionen, zwei Diskussionen und ein Geburtstagsfest zu 40 Jahren Tanzfabrik Berlin. Es folgt dabei einer Dreifachstrategie von Zeigen, was ist, Zeigen, was war, und Zeigen, was unverdientermaßen zu wenig zu ­sehen war.

Der Blick zurück liegt angesichts des 40. Geburtstags der Tanzfabrik in diesem Jahr nahe. In dem Erzählformat „A Piece You Remember to Tell – A Piece You Tell to Remember“ triggern in zwei Blöcken jeweils drei Choreografinnen und Choreografen das Erzählen über wesentliche und erinnerungswürdige Produktionen.

Das ist durchaus auch als Service für Neuankömmlinge gedacht. „Es kommen immer neue Menschen in die Stadt, voller Energie, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen. Sie wissen aber so wenig darüber, was hier war, was die Szene prägte und relevant war bei ihrer Herausbildung“, sagt Silke Bake, Künstlerische Leiterin des Festivals. Es geht ihr dabei auch darum, Verknüpfungen zwischen früheren und heutigen Arbeitsweisen herzustellen.

Exemplarisch dafür ist „The H Alf“, die Neubearbeitung eines Kooperationsprojekts zwischen Choreografen, Musikern und Lichtdesignern. In ihm sollten schon 2010 neue Formen von Zusammenarbeit und Gemeinschaft entwickelt werden. „Die Künstler selbst hatten das Gefühl, dass dieser Prozess noch einmal neu aufgenommen werden sollte“, sagt Bake.

„Neverendings“ vom früheren Sasha-Waltz-Tänzer Sergiu Matis – Foto: Diego Alejando Puerto Martinez

Eine historische Reminiszenz wie auch heute noch wichtige künstlerische Position stellt Xavier Le Roy dar. Dessen internationale Karriere hatte den Nebeneffekt, dass ihn in Berlin keine Institution mehr präsentierte. Der Alt-Star ist jetzt mit dem Gedächtnis-Bewältigungsstück „Untitled 2014“ zurück.

Ein rasantes und personalintensives Musical-Stück über 100 Jahre Oktoberrevolution liefert mit „Neverendings“ der frühere Sasha-Waltz-Tänzer Sergiu Matis. Für eine ironische Brechung der Queer-Strömung im zeitgenössischen Tanz sorgt Dennis Deters sehr trinkfeste und anarchisch-proletarische Seemannslieder-Show „Blow Boys Blow“. In Zusammenarbeit mit der experimentellen Musikplattform Labor Sonor entstand Antonia Baehrs Choreografie für drei Musiker „Röhrentier“.

Ultimatives musikalisch-choreografisches Event ist schließlich das Megakonzert „Songs for Love and Rage“, für das 40 Choreografen, Tänzer und Musiker einzelne Songs produzieren – die Tanznacht in der Tanznacht gewissermaßen. 

10. Berliner Tanznacht: Fr 24.8.– Mo 27.8., Uferstudios, Uferstr. 8, Gesundbrunnen, Eintritt 14/9/0, erm. 9/6/0 Euro €
www.tanznachtberlin.de