Tanzfestival

Entschieden verschieden

Das erste Festival des neuen Jahres sind traditionell die „Tanztage Berlin“ in den Sophiensaelen. Die 27. Ausgabe kreist um Erfahrungen von Differenz

Text: Annett Jaensch

Einen Start in der Poleposition öffentlicher Aufmerksamkeit als erstes Festival im Jahr verschaffen die „Tanztage Berlin“ dem Choreografie-Nachwuchs der Stadt. Dass Berlin ungebrochen ein Magnet für Tanzschaffende ist, zeigen allein die Zahlen: rund 3000 Tänzer und Choreografinnen tummeln sich in der Stadt.

Wie heterogen die Szene inzwischen ist, lässt sich auch an den künstlerischen Positionen und Experimentierfeldern der Newcomer unter ihnen ablesen. Schon der Eröffnungsabend lädt zu einem Kopfsprung in diese Vielfalt ein.

Eine Botschafterin der Diversität ist ohne Frage Joy Alpuerto Ritter. Das mühelose Wechseln zwischen den Bewegungssprachen speist sich aus den Statio­nen ihrer Vita und ihrer Lust am Stilmix: Ballettausbildung, zeitgenössischer Tanz, philippinische Volkstänze, Hip Hop, Breakdance und Voguing. Zudem reist sie mit der Kompanie des Choreografie-Stars Akram Khan um die Welt. Ihr Solo „Alter Egos“ legt sie folgerichtig als rasante Collage der Wandlungsfähigkeit an.

Tour de Force: Przemek Kamiński und Marta Ziółek in „So emotional“ – Foto: Katarzyna Szugajew

Ebenfalls zum Festivalauftakt wollen Przemek Kamiński, Mateusz Szymanówka und Marta Ziółek mit „So emotional“ Performer und Publikum in ein Bootcamp der Gefühle schicken. Das Trio beleuchtet das hochaktuelle Phänomen, dass gesellschaftliche Auseinandersetzungen zunehmend auf dem Feld der Emotionen ausgetragen werden, Affekt-Bombardements in sozialen Medien inklusive. „Sie nehmen uns mit auf eine bildstarke Tour de Force, um den Umgang damit zu trainieren“, sagt die künstlerische Leiterin Anna Mülter über das Stück.

Mülter, die seit 2015 die Tanztage kuratiert, folgt konsequent ihrer Strategie der offenen Türen: Keine Vorabfestsetzung von Themen, vielmehr will sie den Strömungen und Ideen Raum geben, die gerade in der Szene zirkulieren. Aus 70 Bewerbungen hat sie für die aktuelle Ausgabe ein Programm aus sieben Premieren und sieben Gastspielen gestrickt.

Direkte Berührung

Ein Ankerpunkt ist ihr in diesem Jahr besonders wichtig: die Sichtbarmachung von Choreografien, die körperliche Behinderung einbinden. „Subjects of Position“, ein Gemeinschaftsprojekt der Initiative Tanzfähig mit dem Choreografen Zwoisy Mears-Clarke, versteht sich als Einladung, jenseits der rein visuellen Wahrnehmung das Verständnis von körperlicher Differenz neu zu denken. Dafür wird im stark abgedunkelten Hochzeitssaal ein Setting geschaffen für einen Tanz, der in der direkten Berührung mit den Zuschauern stattfindet.

Ganz anders aufgestellt sind Reza Mirabi und Roland Walter, die in „Immersive Mediation“ ihre Körper und diverse Objekte in einen Dialog miteinander werfen werden. Mirabi, der in Mumbai bildende Kunst studierte, und Walter, der als Fotograf, Autor, Model und Tänzer mit Behinderung arbeitet, entwickeln seit drei Jahren eine gemeinsame Performancesprache, ihr Duett kommt nun bei den Tanztagen zur Premiere.

Ohnehin sind in den Sophiensaelen bereits Formate wie das Festival „Every Body“ im Programm, die sich für ein breiteres Spektrum an Körperbildern stark machen. Selbstverständlichkeit statt Sonderstellung ist seitdem die Devise. „Wir versuchen, das überall mitzudenken, ohne es als das Andere zu markieren“, so Mülter.

Genderfragen

Ein Strang, der sich mit Genderfragen auseinandersetzt, zieht sich auch in diesem Jahr wieder durch das Programm. Sara Mikolai taucht in „Sakhi 03.04“ in die südindische Tanzform Bharatanatyam ein und bürstet dabei die klassische Figurenkonstellation der Sakhi-Bindung – eine intime Freundschaftsbeziehung unter Frauen über Kastengrenzen hinweg – aus ihrer eigenen Körperpraxis heraus gegen den Strich. Xenia Taniko wiederum bereist eine andere Landkarte, die der Geschlechterzuordnung. In „Not your man“ eignet sie sich spielerisch Maskulinität als rein physische Qualität an.

Dass Tanz ein besonderes Potenzial hat, auch schmerzhafte gesellschaftliche Realitäten künstlerisch zu verhandeln, illustriert „Zerstörung für Anfänger – Reloaded“. Die syrische Choreografin Mey Seifan hatte 2011 die Idee, ein Archiv mit Traumprotokollen von Landsleuten anzulegen. Was als Facebook-Gruppe begann, ist nun zu einer surreal grundierten Choreografie gewachsen, die aus einer ganz ungewohnten Richtung den Syrien-Konflikt ausleuchtet. Mit Bildern mal absurd, mal alptraumhaft-beklemmend. Eine interessante Art sei das, den Zustand eines Landes zu zeichnen, ohne ein dokumentarisches Verfahren anzuwenden, findet Mülter.

27 Veranstaltungen an elf Tagen, darunter eine humorvolle Reise durch die Zeitzonen, Kunstwelt und Bankenkrise aufs Korn nehmendes Objekttheater, das Spezial „Around the World“, dieses Mal mit einer Vernetzung zur jungen Athener Tanzszene, das Publikumsformat „Let´s talk about dance“ und vieles mehr: Die Tanztage versprechen, Kopf und Körper in Schwingung zu versetzen.

4.-14.1., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte. Eintritt 14, erm. 9 € (Partys und „Let’s talk about dance“: Eintritt frei)