Berliner Museen

Tatjana Doll gewann den Hannah-Höch-Förderpreis

Malerin der digitalen Welt: Tatjana Doll zeigt in der Berlinischen Galerie teils monumentale Lackbilder von Rennwagen und Piktogrammen

Im Bild: Gemälde von Cornelia Schleime, Trägerin des Hanahh-Höch-Preises

Berlinische Galerie: Eröffnung der Ausstellungen von Cornelia Schleime (Gemäldereihe links) und Tatjana Doll, Ende November. Foto: ZITTY

Die Wirklichkeit hat bei Tatjana Doll ­einen Reifen in der Tür. Breit, schwarz und mit extra­tiefem Profil, wie er zu jener Sorte von Van gehört, der sich in ihr Atelier geschoben hat. Monstermäßig parkt er auf ­einer Leinwand der Künstlerin, die nun den Hannah-Höch-Förderpreis für Malerei bekommt. Im Gegenzug zeigt Doll, 1970 geboren, die Ausstellung „Neuer Weltatlas“ im Museum Berlinische Galerie, parallel zur Werkschau der Malerin Cornelia Schleime, die den Hauptpreis erhält.
Wer Höchs feine Dada-Collagen aus den 20er-Jahren mit Dolls teils monumentalen Lackbildern von Rennwagen und Piktogrammen vergleicht, erkennt schnell eine Parallele: Beide Künstlerinnen schöpfen ­direkt aus dem, was sie umgibt. Doll holt sich den Easy-Jet als Symbol ihrer globetrottenden Generation ebenso ins Berliner Studio wie berühmte Motive anderer Künstler als Malvorlage. Dabei muss sie das Original nicht gesehen haben: Das „image“ reicht – und seine Relevanz für die digitale Welt.
Man muss schon ein bisschen besessen von diesen Icons sein, um sie so farbtriefend und -tropfend in Malerei umzusetzen. Das Ergebnis ist alles andere als perfekt, es bilden sich Nasen, Blasen und Risse. Doll, schmal und ernsthaft, verkörpert den Typus von Künstler, der Dinge in Frage stellt. Und wenn sie wie 2011 in Südafrika ein riesiges Schild vor staubigen Zelten hinter ­einer Gruppe Schwarzer fotografiert, die dort offen­bar nichts verkaufen dürfen, übt sie konkret Kritik: Der durchgestrichene Marktstand zeigt an, dass Menschen hier zur Untätigkeit verdammt sind.
Auch „seriell“ ist so ein Synonym für ihr Werk. Sobald ein Sujet den Status „wichtig“ hat, dekliniert Doll es durch. „VEHICLE-Truck“ versammelt Nutzfahrzeuge wie Geldtransporter oder Krankenwagen. „RIP“ fungiert als Archiv geklauter Ideen: Picassos ebenfalls piktografisch angelegte Komposition „Guernica“ zählt dazu oder das „Eismeer“, das Caspar David Friedrich 1824 fertig stellte, um das bittere Ende­ ­einer Expedition ebenso bildgewaltig zu schildern wie das eigene Scheitern.
Dolls Biografie zeigt davon keine Spur. Ihr Studium hat sie 1998 an der Düsseldorfer Kunstakademie abgeschlossen. Nach einer Gastprofessur in Berlin-Weißensee und internationalen Stipendien wurde sie an die Kunstakademie in Karlsruhe berufen. Ihre Bilder sind präsent, sei es 2009 auf der Kunstmesse Art Basel oder ein Jahr zuvor in einer Berliner „Burger King“-Filiale als adäquatem Rahmen für ihre XXL-Formate.
Es bleibt aber nicht die Größe haften. ­Sondern die eigenwillig unbeirrbare Reaktion der Künstlerin auf ihre Zeit. Dass sie Massenprodukte durch die Malerei adelt und einmalig macht. Dass sie zugleich ein immer wieder totgesagtes Medium an der Gegenwart abgleicht. Auch dafür steht der Hannah-Höch-Förderpreis: Vor den Bildern von Tatjana Doll fragt niemand, ob sich die Malerei überlebt hat.

Bis 24.4.: Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 24.12. und 31.12. geschlossen, 8/5 €

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