Gewalt unter jungen Schülern

Tatort Grundschule

Die Gewalt unter jungen Schülern nimmt zu, vor allem in den ärmeren Vierteln der Stadt

Ich habe mit Magneten gespielt, dass die Erde bombardiert wird“, erzählt Josephine, „und da hat mich ein Junge aus der Klasse geschlagen.“ Josephine, Fünftklässlerin, hatte den Jungen aus Versehen mit einem Magneten getroffen, sie entschuldigte sich. Aber der Junge, Jonas, ging sofort auf das zierliche Mädchen los, schlug sie, nahm sie in den Schwitzkasten. Seit dem vergangenen Schuljahr ist der neue Schüler in der Klasse. Es gab mit verschiedenen Mitschülern Schlägereien, Rangeleien. „Er ist bestimmt ein kluger Junge, aber er hat seine Emotionen nicht so wirklich im Griff“, sagt Julia, die Mutter von Josephine.

Jugendgewalt
Foto:  Anne Rollero/ nena2112/photocase.de

Josephine kann eine ganze Reihe von ähnlichen Vorfällen aus ihrem Schulalltag erzählen. „Heute haben sich Felix und Elias geprügelt, weil Elias anders spielen wollte“, sagt sie. Und mit selbstverständlichem Unterton: „Es prügeln sich ganz viele aus unserer Klasse. Und alle anderen stehen drum herum und rufen: ‚Prügeln! Prügeln!‘ – die feuern die an. Der Lehrer sieht das gar nicht, denn der Lehrer geht nicht so wie ich auf den Kletterfelsen und beobachtet alles.“ Wenn sich die Grundschüler schlagen wollen, dann gehen sie an versteckte Orte.

Gewalt an Grundschulen nimmt zu. Zu diesem Ergebnis kommt der Monitoring-Bericht zur Jugendgewalt in Berlin 2016, der von der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention des Berliner Senats am 14. September herausgegeben wurde. Die Steigerung tritt vor allem bei den „Gewalttaten mit niedrigem Gefährdungsgrad“ auf, bei der Einsteigergewalt sozusagen: Beleidigungen, Mobbing. Um 79,8 Prozent sind die Fallzahlen seit 2010 gestiegen. Während im Jahr 2010 berlinweit 644 Gewalttaten gemeldet wurden, sind es im Jahr 2014 mit 1.158 Fällen beinahe doppelt so viele Gewaltmeldungen.

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Download Des Monitoring-Berichtes als PDF

Jonas hat Ärger von einer Erzieherin und von der Klassenlehrerin einen roten Eintrag ins Klassenbuch bekommen. Eine Erzieherin hielt ihm eine Standpauke, dass er Mädchen nicht zu schlagen habe. Dass Mädchen einen besonderen Schutz genießen sollten, da sie meist nicht so stark sind. „Ich bin zwar nicht für Rollenklischees, aber in diesem Fall ist es etwas anderes“, sagt Josephines Mutter Julia.

Hartz IV und Gewalt

Josephine geht in Friedrichshain zur Schule, wo es noch vergleichweise friedlich zugeht. Der am stärksten von Schulgewalt betroffene Bezirk, Marzahn-Hellersdorf, zählte 2014 mit 746 Rohheitsdelikten fast sechsmal so viele Vorfälle wie der Schlusslicht-Bezirk Steglitz-Zehlendorf mit 125 Fällen.

An der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule in Marzahn-Hellersdorf sind die Zustände so drastisch, dass Eltern einen Brandbrief veröffentlicht haben. Sie beschreiben darin, wie sich Grundschüler gegenseitig mit dem Messer bedrohen, die Rucksäcke anderer Kinder aus dem Fenster werfen. Ein Junge soll Lehrer mit einer Spielzeugpistole bedroht und gezwungen haben, sich auf den Boden zu legen. Schlägereien seien an der Tagesordnung, ein geregelter Unterricht kaum mehr möglich.

Es gibt klassische Risikofaktoren für Gewalt an Schulen. Einer ist die soziale Lage, Problematiken wie Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Hartz-IV-Bezug. Solche soziale Benachteiligung kann sich in Gewalt ausdrücken. Ebenso eine Rolle spielt die Situation in den Familien, das Elternverhalten. Es wurde am Beispiel der häuslichen Gewalt untersucht und hat einen noch deutlicheren Einfluss auf die Gewaltbereitschaft als die soziale Lage. Wenn Kinder Opfer von Gewalt werden, geben sie diese Erfahrungen oft auch weiter. Im Monitoring-Bericht heißt es dazu: Gegenden mit hoher Jugendgewalt weisen zugleich ein erhöhtes Maß an häuslicher Gewalt auf. Ein dritter, entscheidender Einflussfaktor besteht in der Schulkultur: In Regionen, wo Eltern und Schüler wenig an der Gestaltung des Schullebens mitwirken, ist auch die Gewaltbereitschaft stärker (siehe Grafik Seite 18). „Marzahn ist da wirklich sehr auffällig. Die Beteiligung von Eltern und Schülern ist hier besonders niedrig ausgeprägt“, sagt Albrecht Lüter, Leiter der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention.

Lino wird schon seit der Grundschule gemobbt: „Er hat immer die gleiche Mimik im Gesicht, außer wenn er weint. Wir wissen nicht, ob er sauer oder traurig ist“, sagt Airen Beran. Sie ist 14 Jahre alt und Klassensprecherin einer 9. Klasse aus einer Schule in Lichtenrade.  Lino ist ein Junge in ihrer Klasse. Ein Junge, der anders ist als die anderen: „Er will immer alleine arbeiten. Er macht Sachen, die wir nicht so machen. Und die Anderen lachen über ihn.“ Schüler wie Lino ziehen sich oft immer weiter in sich zurück. Niemand bekommt mehr mit, wie es in ihnen aussieht. Es droht die Gefahr, dass die Opfer zu Tätern werden.

Notfallpläne gegen Amokläufer

Es gibt Notfallpläne des Senats für Berliner Schulen. Sie wurden 2005 veröffentlicht und nach dem Amoklauf von Winnenden im Jahren 2011 überarbeitet. Sie beinhalten eine Meldepflicht für Gewalttaten: Gefährdungsgrad 2 und 3 sind meldepflichtig. Gefährdungsgrad 1, das ist Mobbing und psychische Gewalt. Gefährdungsgrad 2 umfasst schwere körperliche Gewalt, Amokdrohungen, Nötigung, Erpressung, Raub oder sexuelle Übergriffe. Gefährdungsgrad 3 beinhaltet die Amoktat oder den Waffengebrauch. Schulen sind verpflichtet, Gewaltvorfälle und Notsituationen aufzuarbeiten, heißt es im Notfallplan.

»Es ist wichtig, schon an der 
Grundschule mit dem sozialen
Lernen zu beginnen: Wie kann
ich mit Konflikten umgehen?«

Patrick Lang, Leiter des SIBUZ Charlottenburg-Wilmersdorf

„Es sollte an jeder Schule ein Krisenteam geben, das im Hinblick auf alle möglichen Gefährdungssituationen fortgebildet wird. Amoklauf ist eine extreme Möglichkeit, Gewalt, eine Schlägerei, das kommt häufiger vor“, sagt Patrick Lang, Leiter des SIBUZ (Schulpsychologisches und Inklusionspädagogisches Beratungs- und Unterstützungszentrum) Charlottenburg-Wilmersdorf. In jedem Bezirk gibt es ein Schulpsychologisches und inklusionspädagogisches Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ). Dort arbeiten Schulpsychologen, Sonderpädagogen und Sozialarbeiter, die den Auftrag haben, die Schulen zu beraten und zu unterstützen. Auch zur Gewaltprävention gibt es in jedem Bezirk ein bis zwei Kollegen, die diesen Bereich abdecken.


Verteilung der gemeldeten Gewaltvorfälle auf die Schulformen von 2010 bis 2014 (Fallzahlen)

Grafik: zitty, Datenquellen: Daten der SenBJW (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft 2016d), eigene Berechnungen. Statistisches Landesamt

Ein SIBUZ bezieht Eltern und Lehrer mit ein, arbeitet aber vor allem mit den Schülern selbst. Mit denen, die gewalttätig gehandelt haben, und mit denen, die Opfer waren. So, wie auch die Peer-Mediationsprogramme, die einige Schulen aufgelegt haben und in denen Streitschlichter ausgebildet werden. Lang sagt: „Es ist wichtig, schon an der  Grundschule mit dem sozialen Lernen zu beginnen: Wie kann ich mit Konflikten umgehen? Wie kann ich Konflikte lösen? Verbal – nicht mit körperlicher Gewalt.“

Streitschlichter im Kriegsgebiet

Die Streitschlichter-Ausbildung wird von der Schule als Teil der Gewaltprävention angeboten. Die Schüler, die sie gerne erhalten möchten, melden sich freiwillig. Die Ausbildung machen sie mit hauseigenen Sozialpädagogen, die auch als Ansprechpartner für Konflikte da sind und die mit den Kindern mögliche Auseinandersetzungen reflektieren. Unter Anleitung einer Mediatorin lernen sie, wie sie im Streitfall handeln können. Die Verantwortung des Streitschlichter-Daseins tragen sie selbst, sie bekommen einen eigenen Raum, wo sie mit streitenden Kindern hingehen können, um zu schlichten. Es gibt für die Streitschlichter-Ausbildung immer zwei Plätze pro Klasse, aber regelmäßig mehr Anfragen von Kindern, die sich dafür interessieren. „Ich finde es schade, dass dieses Interesse nicht aufgegriffen wird“, sagt Julia, Josephines Mutter. 


Beteiligung von Schülern und Eltern am Schulleben und an der Schulentwicklung sowie Rohheitsdelikte an Schulen nach Bezirken

Grafik: zitty, Datenquellen: Polizeiliche Daten (Der Polizeipräsident in Berlin 2016d), Daten der SenBJW (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft 2016b, 2016c, 2016e), Statistisches Landesamt; MW: Mittelwert

Bei Mobbingfällen ist Opferschutz das Wichtigste. Das Opfer muss wissen: Ich bin wieder sicher, das gilt auch auch bei Cybermobbing. Dieses Phänomen kommt zunehmend vor, aber eher in den höheren Jahrgangsstufen, etwa an Gymnasien. Es werden Videos ins Netz gestellt, die private Details enthalten, die den Jugendlichen peinlich sind. Oder die Jugendlichen „dissen“ sich gegenseitig bei WhatsApp oder Facebook. Das kann für die Opfer extrem belastend sein. „Man muss da ganz klar Grenzen aufzeigen“, sagt Patrick Lang vom SIBUZ. Doch für Grundschüler ist eher die ganz reale Ausgrenzung ein Problem. Die meisten Gewaltopfer sind Außenseiter.

„Lasst sie in Ruhe!“

„Meine Tochter ist sehr klein für ihr Alter, ihr Wachstumsalter liegt zwei Jahre zurück“, sagt Josephines Mutter Julia. Schulkameraden hätten auf dem Schulhof gesagt: „Du bist so klein, du musst noch in den Kindergarten gehen!“ Aber da habe ihre Klasse sich vor sie gestellt und gesagt: „Nein, die geht hier zur Schule! Das ist unsere Klassenkameradin! Lasst sie in Ruhe!“ „Das war schön zu sehen, dass sie eigentlich schon zusammenhalten“, sagt die Mutter. Für sie wäre es wünschenswert, wenn die Kinder mehr Verantwortung hätten:  Drittklässler können eine Patenschaft für einen jüngeren übernehmen. Dafür hat ein Viertklässler die Patenschaft für den, der in der dritten Klasse ist. Es gibt viele Schulen in Berlin, die bereits solche Patenschaften vergeben.

Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Kinder und Jugendliche, die Schulgewalt erleben, können sich an ihren Schulsozialarbeiter wenden oder an das SIBUZ, das es in jedem Berliner Bezirk gibt. Eine Liste findet sich unter www.zitty.de/sibuz