Für elektronische Musik

Techno muss leben

Die Journalistin und Rave-Veteranin Laura Ewert will, dass Techno stirbt. Oder zumindest, dass weniger Geld hineingepumpt wird – so ganz kann sie sich in ihrem jüngsten taz-Artikel nicht entscheiden. Darin moniert sie unter anderem, dass Techno im Mainstream angekommen sei. Eine Antwort von Zitty-Volontärin Xenia Balzereit

Techno auf dem Zug der Liebe
Zug der Liebe, Foto: imago images / Christian Mang

Ewert macht den Niedergang des Techno an Dr. Mottes Versuch fest, die Loveparade mit Investorenhilfe wieder aufleben zu lassen. Und daran, dass sogar die Berliner CDU die Clubkultur als wichtigen Wirtschaftsfaktor anerkennt und dass Festivaltickets mehrere hundert Euro kosten. Außerdem irritiert sie, dass Clubs wie das Berghain ihre Partys als Kulturveranstaltungen einstufen wollen, damit sie den reduzierten Mehrwertsteuersatz zahlen können. 

Diese Sichtweise ist so pauschalierend und zum Teil so weit weg von der Realität in unserer Stadt, dass ich mich frage, wann Ewert das letzte Mal einen Club betreten hat oder auf einem der vielen kleinen Festivals im Berliner Umland war. Und ob sie eine von denen ist, die in ihren Zwanzigern alternativ gelebt haben, und sich nun doch lieber in ein klassisches Familienleben und eine „früher-war-alles-besser-Einstellung“ zurückziehen. So jedenfalls klingt sie, wenn sie die verschiedenen Spielarten von Techno, vom harten Sound im Berghain bis zum Schneckno auf manchen Partys im Mensch Meier, pauschal als „Schunkelsound“ bezeichnet. Hat sie vergessen, was die Macht der Wiederholung mit einem machen kann, dass das Tanzen zu Techno etwas Meditatives haben kann? Oder glaubt sie wirklich, dass man diese Momente, in denen man ergriffen um 7 Uhr morgens auf der Tanzfläche steht, heute nicht mehr erlebt? Dass es keine Innovation mehr in der elektronischen Musik gibt? Klingt nach Arroganz der Alten.

Techno als Schunkelsound

Techno ist nicht fast tot, wie Ewert glaubt, sondern bedroht. Nicht der Techno, den sie als Raves beschreibt, bei denen Menschen aus Plastikbechern trinken, und mit der Subkultur in einen Topf wirft. Nicht die Clubs auf Ibiza, das Burning Man und das furchtbar kommerzielle Tomorrowland-Festival sterben, sondern kleinere Läden in Berlin: die Rummels Bucht, die Griessmuehle, das About Blank in ein paar Jahren, wenn es schlecht läuft und die Autobahn kommt. Gerade die Macher*innen des Blank tun alles dafür, um nicht dem Kommerz zu verfallen: Dort klebt nicht mal an den Kühlschränken Werbung und Sponsoren gibt es erst recht nicht. Queere Partyreihen wie die „Cocktail d‘Amore“ in der Griessmuehle sind nicht Mainstream, sondern Rückzugsort für jene, die eben nicht wie alle anderen sind. Und es gibt noch mehr solcher Partys, in wechselnden Locations: die Mala Junta, die Room for Resistance, die Radiant Love. 

Weil Freiräume immer weniger werden, Investoren alles kaufen, was ihnen unter die Nase kommt und die Mieten in die Höhe schießen, müssen Clubs wirtschaften und Subventionen annehmen. Den Mehrwertsteuersatz verhandeln. Übrigens schließt das politisches Engagement nicht aus – siehe die AfD-Wegbassen-und Unteilbar-Demo, Zug der Liebe oder Solipartys für Geflüchtete. Im Gegensatz dazu war die Loveparade der späten 90iger- und frühen Nullerjahre geradezu ekelhaft kommerziell. Und die Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität führte dazu, dass Investoren die Freiräume aufkauften, während die Raver*innen feierten – auch in der Bar25. Wenn Ewert nun sagt, das Konsumieren von Drogen nehme heute einen zu großen Teil des Feiererlebnisses ein, dann frage ich mich – gerade angesichts der so unpolitischen Haltung vieler Raver*innen früher – ob sie glaubt, dass das früher anders war. Wie hätten sie sonst zwei Wochen lang die Abschiedsparty der Bar25 feiern können?


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