Kino

Teddy für trans* Frau mit Alien

Am Freitag, 15. Februar, wurde an der Volksbühne der wichtigste queere Filmpreis der Welt verliehen: der Teddy Award

Was sind schon Bären, wenn man Teddys haben kann? Na gut, beides hat seine Berechtigung. Denn ohne Bären gäbe es auch keine Teddys. Und ohne die Berlinale (und ihre goldenen und silbernen Bären) gäbe es auch nicht den Teddy Award, den wichtigsten queeren Filmpreis der Welt. Der Preisglamour fand diesmal in der Volksbühne und ihren angeschlossenen Salons statt. Coole Idee, dass der Teddy in den letzten Jahren oft umgezogen ist und so an ganz verschiedenen Orten der Stadt sehr sichtbar glänzen dürfte. Aber die Volksbühne eignet sich schon ganz besonders gut zum Abfeiern. Das merkte man nicht erst, als der bestens gelaunte iranische transgender Rapper Säye Skye aftershow einen der drei Floors empowernd bespielte und alle abgingen, als gälte es nicht noch zwei Berlinale-Tage am Wochenende wachzubleiben.

Die Gala wurde, wie schon 2018, mit viel Schwung und Spaß moderiert von Wintergarten-Star Jack Woodhead, einem euphorischen Entertainer vor dem Herrn, am Pianoforte, aber auch als Stand-Up-Scherzkeks. Auch der neuköllnische Kanadier Sam Vance-Law war musikalisch eine ausgesprochen gute Wahl. Mit seinem Album „Homotopia“ hatte er 2018 schon bewiesen, dass man das Schwulsein gerade dann ernst nimmt, wenn man es nicht zu ernst nimmt. Was für queere Musik gilt, gilt gewissermaßen auch fürs queere Kino.

Bei der Berlinale fiel 2019 auf: Es liefen viele Filme, in denen das Queere selbstbewusst und selbstverständlich miterzählt wurde – ohne dass die Queerness permanent im Vordergrund der Handlung stünde. Prima so, denn solche Geschichten sind nicht minder wichtig als konventionelle Coming-Out-Scripts. Die Figuren dieses Jahr hatten noch mit allerlei anderem zu schaffen als dem üblichen Verdächtigem im Leben eines queeren Menschen: ätzender Säure („Kislota“); dem Selbstmord der Mutter („Los miembros de la familia“); einer okkulten Sekte („A Dog Barking At The Moon“) und einem Alien in der Eisbox („Breve historia del planeta verde“).

Breve historia del planeta verde“
Foto: Eduardo Crespo

Ein Fest, dass die sehr divers aufgestellte Teddy-Jury genau solche Filme prämierte, die sich sehr viel trauten: Der Spielfilm-Teddy ging an „Breve historia del planeta verde“. Die Tragikomödie aus Argentinien erzählt von einer trans* Frau: als Mix aus Kammer-Science-Fiction und apokalyptischem Roadmovie. Dass Transgenderness hier als Subsujet im Sci-Fi-Genrekino ankommt, ist ein Quantensprung; wie schwule Cowboys vor einem dutzend Jahren auf Brokeback Mountain. Tania jedenfalls, besagte trans* Frau, erfährt nach dem Tod ihrer Großmutter davon, dass diese ein Alien eingefroren hat, um das sie sich gekümmert hatte, bevor ihm die Kräfte schwanden. Mit ihrer charmanten Außenseitergang also will Tania das Alien nun an einen Ort bringen, von dem aus es womöglich auf seinen Heimatplaneten zurückkönnte. Und es gibt da eine irgendwie schöne, aber auch beängstigende Connection zwischen dem Alien und Tania, die gewissermaßen ebenfalls als Alien wahrgenommen wird. Man kann diesem Film nur wünschen, dass er mit Teddy-Schwung bald auch einen Verleih fürs Kino findet. Er hätte es so sehr verdient! Sicher, er wird nicht die cup of tea für alle Welt sein, aber er ist ein Meilenstein fürs queere Kino.

Der Preis der Jury wiederum ging an das chinesische Familien- und Gesellschaftsdrama „A Dog Barking At The Moon“, geprägt von Psychospannungen zwischen Mutter und schwangerer Tochter, die die Heimat besucht. Die Tochter meint, die Mutter müsste sich scheiden lassen (der Vater pflegt eine Affäre mit einem seiner Studenten, der wohl eine lesbische Frau heiraten wird), und die Mutter, die sich einer spukenden Sekte anschließt, meint, die Tochter müsste alles in ihrem Leben anders machen. Doch durch Flashbacks wird schließlich klar, dass es noch viel komplizierter ist. Die Regisseurin Lisa Zi Xiang ergatterte bei ihrer Teddy-Dankesrede mit ihrer liebevoll-quirligen Art viele Lacher, als sie sagte, sie hätte den Film womöglich nur durch die chinesische Zensur bekommen, weil im Abstract des Drehbuchs nur von „Lover“ des Vaters die Rede war – was ja auch eine Frau meinen könnte. Ein bittersüßes Lachen, muss man doch schnell daran denken, dass der chinesische Wettbewerbsbeitrag kurzfristig wegen „technischer Schwierigkeiten“ bei der Post-Production nicht gezeigt werden konnte.

Überhaupt fällt auf, dass sich die Teddy-Galas der letzten Jahre wieder nachdenklicher anfühlten als vielleicht vor zehn Jahren: Bei allem Feiern der Queerness schwangen auch Sorgen mit, da Rechtskonservative offensichtlich eine Agenda gegen Queers fahren. Shermin Langhoff gab diesen Befürchtungen in ihrer Laudatio auf Teddy-Sonderpreisträger Falk Richter (u.a. „Smalltown Boy“ am Maxim Gorki Theater) besonders eindringlich Ausdruck. Es bleibt zu hoffen, dass Bilder Empathie schaffen. Dass Kino ein Stück weit von Ignoranz befreit. Vielleicht auch das bei den Teddys leerausgegangene lesbische Melodram „Elisa & Marcela“ aus dem Berlinale-Wettbewerb, das im März schon bei Netflix startet und seine queeren Bilder in alle Welt verbreiten wird – auch dorthin wo kein Kino steht und ein verunsichertes lesbisches Teenager-Mädchen von einem Fest wie dem Teddy nur träumen kann.