Berlin

Tegel muss weg!

Der Uralt-Flughafen ist eine große Chance für die Stadt. Wenn er verschwindet

Als ich Anfang Mai 2012 in Tegel aus dem Flugzeug stieg, machte ich noch schnell ein Foto. Der Bus auf dem Rollfeld wartete schon, aber einige Passagiere und ich stellten uns noch schnell hin und knipsten. Das letzte Selfie. Tschüss, Tegel! Es sollte mein letzter Flug gewesen sein, so dachte ich, und dieses eine Mal kam so etwas wie Nostalgie auf. Tegel, das war altes West-Berlin, Hertha, Harald Juhnke, schlecht gelaunte Busfahrer.

Das Ende ist bekannt, besser gesagt: Es wird gerade verhandelt, wir warten noch. Am 24. September sollen wir Berliner per Volksentscheid über den Weiterbetrieb Tegels abstimmen. Tegel, so scheint es, ist ein Berliner Liebling, ein letzter Anker für die verletzte Seele – nach all dem Spott und all der Scham, der über die Stadt einbrach nach dem BER-Desaster.

Tegel
Tegel wird von vielen zum Mythos verklärt. Am 24. September sollen die Berliner entscheiden, ob der Flughafen offen bleiben soll
Foto: Stefan Boness/Ipon/Imago

Tegel, dieses olle Teil, das man so schnell erreicht, wie kaum einen anderen Flughafen. Und das man auch genauso schnell verlassen kann. Ich erinnere mich, wie ich mal meinen Personalausweis vergessen hatte, kurzerhand umkehrte und trotzdem rechtzeitig am Gate stand.

Und doch hoffe ich, dass ich bald nicht mehr von Tegel aus fliegen muss. Ich wünsche mir für die Stadt nichts mehr, als dass das einst größte Infrastrukturprojekt Europas, BER, zu Ende gebaut wird, dass die Kapazitäten erhöht werden und – und das ist wichtig: die Politik Verlässlichkeit bewahrt.

Denn das Versprechen war ein anderes. Dort oben im Norden Berlins soll ein Industriepark entstehen, mit der Beuth-Hochschule, Forschung für die Stadt der Zukunft. Ein neues Adlershof, eines der wenigen Infrastrukturprojekte, die in dieser Stadt wirklich mal funktioniert haben.
Berlin ist mal ein industrielles Zentrum Europas gewesen, die Industrie wird nicht zurückkehren, aber die Forschung, Wissenschaft und Technologie-Startups fühlen sich hier längst zu Hause.

Und Tegel, das ist ja auch ein irre schönes Fleckchen Erde. Mit viel Wald und viel Wasser, mit dem Tegeler See, dem Anschluss an die Havel, nach Spandau und Brandenburg. Es gibt Platz für neue Quartiere, von Luxusbauten am Wasser bis zum sozialen Wohnungsbau.

Nachdem der Regierende Bürgermeister Michael Müller noch als Senator daran scheiterte, die Bürger von einer sinnvollen Nachnutzung des Flughafens Tempelhof zu überzeugen, brauchen wir diesmal eine Entscheidung für die Zukunft der Stadt. Es ist seltsam genug, dass sich ausgerechnet die inzwischen so hippe und moderne FDP so sehr für Tegel stark macht.

Fliegen sollte Luxus sein

Denn machen wir uns nicht vor. Der Flughafen Otto Lilienthal, IATA-Code: TXL, ist ein Flughafen von Vorgestern. Er hat sein Limit seit Jahren erreicht. Und er ist nichts anderes als ein Armutszeugnis für die Hauptstadt der größten Volkswirtschaft Europas. Es gibt keine Bahnanbindung, die Busfahrer können kein Englisch und wenn auf dem Zubringer Stau ist, weil ein Fuchs über die Straße läuft, kommen die Passagiere zu spät zum Flugzeug.

Das kann man alles charmant finden, ein funktionierender Flughafen ist aber zu wichtig für ein Profilierungsprojekt einer Kleinpartei oder für sonstige Folklore, die gibt es schließlich genug in der Stadt. Und wer meint, dass die Nähe zur Innenstadt ein wichtiger Vorteil sei, der verkennt, dass Schönefeld gut angebunden ist und darüber hinaus ein großer Teil Berlins von Fluglärm verschont wäre.

Foto: Erik Heier

Inzwischen behaupten die Verantwortlichen ja auch, dass der BER die steigenden Kapazitäten packen wird. Und wenn nicht, dann sollten wir vielleicht tatsächlich einmal nostalgisch werden und an die Zeit denken, als Fliegen noch echter Luxus war. Dann wird Fliegen eben wieder teurer.

Denn viele innerdeutsche Flüge von Tegel mögen zwar praktisch und günstig gewesen sein, ökologisch und zeitgemäß sind sie nicht. Wenn die Bahn weiter Bahnstrecken ausbaut – wie aktuell die zwischen München und Berlin – dann pendelt sich der inflationäre Flugverkehr vielleicht auch mal wieder ein. Und wer wirklich nach Mallorca muss, weil die Berliner Folklore ihm nicht ausreicht, der kann sich ja in eine S-Bahn nach Schönefeld setzen. Immer noch besser als ein Bus.

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