Berlin

Wer pflanzt Wein am Alex?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteurin Claudia Wahjudi

Die neue Dachterrasse unseres Verlages hat es ans Licht gebracht: Es gibt wohl eine Art Chloro­philie, eine heftige Neigung zum Grün, die mich vorübergehend fürchten ließ, sie sei zur ­fixen Idee geworden. Alles Grün machen zu wollen, die Betonwände der Siebziger-Jahre-Bauten im Westen, die so aussehen, als schwitzten darin Männer in weißen Unterhemden, die Dachpappe, die sich in der Hitze wellt. Die Ziegel, die in der Glut weiter backen, die kahlen Balkone der Nachbarn, hinter ­denen schmuddelige Vorhänge die Zimmer vor Sonnen­strahlen schützen sollen. So viel heiße Flächen, so viel ungenutztes Potenzial.
Das alles will ich begrünen, jetzt sofort. Die Dächer mit  Gräsern, Minze, Lavendel und Salbei, mit Thymian und Schafgarbe. Die Fassaden mit wildem Wein und Kletterhortensien, mit Hopfen, Winden, Geißblatt, Efeu und Wald­rebe. Die Balkone mit Zitronenbäumen und Bambus. Es ist mir alles zu heiß. Es ist sowieso zu heiß. Je weiter man in die Innenstadt kommt, desto stärker heizt die Sonne. Dunkler Asphalt, grillendes Autoblech. Am Alexanderplatz werden die höchsten Temperaturen gemessen. Und je mehr Jahre vergehen, desto ungehemmter glüht die sommerliche Stadt.

Jede Betonwand löst einen Impuls aus: ZITTY-Redakteurin Claudia Wahjudi Foto: Jesko Sander
Jede Betonwand löst einen Impuls aus: ZITTY-Redakteurin Claudia Wahjudi Foto: Jesko Sander

 

Noch nicht mal ne Katze auf dem Blechdach

Erstmals fantasierte ich so in Istanbul. Mein Gastgeber genoss von seinem Balkon ­einen Blick auf den Bosporus. Auf den Hängen, die zum Meer abfallen, taten sich Hunderte von Flachdächern auf, mit Wäscheleinen, hier und da einem Oleanderbusch im Kübel und sonst nichts und niemandem. Jeder, der bei Trost war, ruhte irgendwo im Schatten. Was könnte man hier begrünen!, dachte ich, und auf den restlichen Flächen Sonnenkollektoren aufstellen. Nie wieder Stromausfall in Istanbul. Doch davon sprach damals niemand. Nur auf der ­Isti­klal, der Einkaufsstraße am Taksim-Platz, versuchten vier verlorene Greenpeace-Aktivisten, Informationszettel zum Thema zu verteilen, weil Erdogan statt Solarzellen ein Atomkraftwerk plant, ausgerechnet bei Istanbul, für das die Erdbebenprognose so sicher ist wie der Ruf des Muezzins vom Minarett, und ausgerechnet von der Firma, die die Meiler von Fukushima verbrochen hat.
Ur-Berliner behaupten gern, ihre Stadt sei grün. Nun ja, im Vergleich zu Istanbul. Aber von der Büroterrasse sehe ich auf ein Blechdach, an das man jetzt besser nicht mit nackter Haut kommt, in einen zugepflasterten Hinterhof, der als Parkplatz dient, am Horizont Hochhäuser aus Glas, in denen die Angestellten wohl einen Kollaps erlitten, würden nicht Klima­anlagen laufen. Der Strom dafür kommt zu ­einem Gutteil aus Lausitzer Braunkohle. Auch wir sind noch 20. Jahrhundert.
Kürzlich fiel mir eine Postkarte in die ­Hände, von Kletterfix, einer Initiative für grüne Wände in Leipzig. Auf ihren Internetseiten stellt sie Pflanzen vor, die auf ­Dächern und Fassaden gut gedeihen. „Wussten Sie, dass eine begrünte Wand im Sommer bis zu 30° C kühler ist als eine Wand ohne Kletterpflanzen?“ steht da. Ja, ahnte ich. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wohl auch. Auf ­ihren Internetseiten findet sich jetzt eine neue Klimastudie aus Potsdam, die unter anderem zu dem Schluss kommt: die Berliner  Stadt­oberfläche  müsse  stärker begrünt werden, um  „die Abkühlung  der  Stadt  in  sommerlichen  ­Hitzephasen“ zu sichern. Wann der Senat den Worten wohl Pflanzen folgen lässt, 2018, 2020, 2050? Also, wer setzt den ersten Wein?