Neues von Jim Jarmusch

The Dead Don’t Die

„Centerville! – a real nice place to raise your kids up! 
Centerville! – It’s really neat! 
Churches! Churches! And Liquor Stores!“

Songtext aus „Centerville“ von Frank Zappa (1971)

Die Filme von Jim Jarmusch sind stets ­gespickt mit kulturellen Anspielungen aus dem Mikrokosmos ihres Schöpfers – man denke nur an die Fotowand der ­Vampire in „Only Lovers Left Alive“ mit Bildern von Pop­ikonen, unter ihnen Neil Young. Von daher darf an dieser Stelle gemutmaßt ­werden, dass sich die Namensfindung des zentralen Städtchens Centerville seines neuen Films „The Dead Don’t Die“ auf ­jenen Song aus Frank Zappas „200 Motels“ beziehen ­könnte. 

Iggy Pop als Zombie in "The Dead Don't Die"
Iggy Pop als Zombie
Foto: 2019 Image Eleven Productions, Inc.

Im Interview vor ein paar Jahren im Berliner Soho House outete sich Jarmusch als großer Zappa-Fan; man konnte gemeinsam mit ihm über jenen skurrilen, auf YouTube zu findenden Auftritt eines blutjungen Frank Zappa in einer US-Fernsehshow schwärmen, in der er auf Fahrradspeichen Musik macht. Jarmusch: „Ich liebe YouTube! Ich liebe es, die unglaublichsten Dinge zu entdecken, die sonst nur sehr schwer zu bekommen wären. Ich will hier nicht die Werbetrommel rühren, denn YouTube hat ­sicherlich problematische Seiten. Aber ich liebe es, einem Vortrag von John Cage über verschiedene Pilzsorten zu lauschen. Oder ich finde eine Zusammenstellung von Eliza­beth Taylor in Badeanzügen!“ So also lässt sich der Mann aus New York inspirieren.

Die Gesetze des Genres

Nach Roadmovie („Stranger than ­Paradise”), Samurai-Film („Ghost Dog – Der Weg des Samurai“), Western („Dead Man“), ­Thriller („The Limits of Control“) und Vampirfilm („Only Lovers Left Alive“) war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Jarmusch dem Zombiefilm-Genre annimmt: „Ich bin ein Filmnerd und liebe viele Genres. Aber ich will kein Sklave von irgendwelchen Formeln sein. Wenn ich mich an diese Gesetze ­halten würde, könnte ich bestimmt mehr Zuschauer erreichen, aber das ist nicht mein Ding. Wenn ich mit dem Schreiben ­beginne, habe ich das Genre, die Handlungsorte und die ­zentralen Figuren. Und von diesen Dingen lasse ich mich dann hinfort tragen, oft weiß ich vorher nicht, wohin.“

Das Problem diesmal: Das Genre mit den Untoten ist ähnlich schwer beweglich wie seine Protagonisten. Zwar kommt dieses Tempo Jarmuschs stets bedächtigem Inszenierungsstil entgegen, der dramaturgische Rahmen mit „Tote erwachen, torkeln umher und stecken auf der Suche nach Menschenfleisch andere an“ aber ist ein sehr ­enger – im Gegensatz zum flexibleren Western oder Vampirfilm bleibt hier wenig Raum für eine neue Interpretation.

Die Polizei von Centerville
Fotos: 2019 Image Eleven Productions, Inc.

Dennoch gibt sich der Autor Jarmusch alle Mühe, dem Subgenre des Horrorfilms neue Seiten abzugewinnen. Das beginnt in „The Dead Don’t Die“ schon damit, dass er als Auslöser für die Zombieepidemie eher vage auf Fracking an den Erdpolen verweist; zudem lässt er die Untoten auch einzelne Worte stammeln. Und schon sind wir wieder bei den kulturellen Verweisen, denn wer außer Iggy Pop als Zombie sollte „Coffee!“ hauchen, war er doch neben Tom Waits (der hier einen Waldschrat abgibt) Protagonist im berühmtesten der Jarmuschschen „Coffee & Cigarettes“-Kurzfilmreihe. Die Herausbildung einer eigenen Identität, wie das ­George Romero in seinem „Day of the Dead“ (1985) umsetzte, gönnt Jarmusch seinen Zombies allerdings nicht. Dafür verspritzen sie beim Enthaupten keine ­Blutfontänen, sondern schwarzen Staub. So trifft seine Interviewaussage hier wohl nur auf die Lebenden zu: „Ich liebe alle Figuren in ­meinen Filmen, ich habe sie geschrieben, ich fühle mit ihnen. Und natürlich ist immer ein Teil von mir in ihnen. Aber sie sind kein Selbstporträt.“

Stoische Polizisten

Und diese Lebenden, die sind, wie immer bei Jarmusch, in „The Dead Don’t Die“ sehr liebevoll und zugleich eigenwillig charakterisiert, die Bandbreite reicht von den zwei stoischen Polizisten Clifford Robertson (Bill Murray) und Ronald Peterson (Adam Driver) über den rassistischen Farmer Miller (Steve Buscemi) bis zur schottischen Bestattungsunternehmerin Zelda Winston (Tilda Swinton). Sie alle zelebrieren eine durchaus brutale, aber doch ­augenzwinkernde Zombie-Apokalpyse, begleitet vom extra für den Film komponierten titelgebenden Countrysong aus der Feder des Grammy-prämierten Countrysänger Sturgill Simpson. Der Rest des Sound­tracks stammt wie schon bei „Pater­son“ von Jarmuschs Band SQÜRL.

Das alles macht Spaß, letztlich fehlt aber „The Dead Don’t Die“ jene fast schon philosophische Faszination, die „Only Lovers Left Alive“ und „Paterson“ so ­besonders machte. Da nutzt auch der simple, aber lustige Gimmick nicht, dass Jarmusch an einigen Stellen die beiden Polizisten aus der Erzählebene heraustreten lässt und man plötzlich erstaunt hört, wie Bill Murray seinem Schauspielkollegen ein „Improvisieren wir hier jetzt, oder was?“ an den Kopf wirft.

Martin Schwarz
Unser Autor mit Jim Jarmusch (Abb. ähnlich)
Foto: Petra Koschak

Dennoch passt dieser weitere Genrefilm letztlich recht gut ins Oeuvre des mittlerweile 66-jährigen Jim Jarmusch. Der war schon immer cool im besten Wortsinn, und hat erneut eine extrem coole Schauspielerriege um sich geschart. Und auf die passt er immer auch auf: „Als ich seinerzeit ein Casting für meinen Film ,Ghost Dog – Der Weg des Samurai‘ in L.A. durchführte, zeigte mir der Zuständige fürs Casting die Plätze, auf denen die vorsprechenden Schauspieler sitzen sollten, und die waren viel niedriger. ,Das erweckt den Eindruck, Sie hätten Auto­rität‘, sagte er. Ich erwiderte: ,Oh, das ist so L.A. von dir! So etwas mache ich nicht! Weißt du was? Ich setze mich auf den ­Boden, und die Schauspieler dürfen sitzen, wo immer sie wollen!‘“

USA 2019, 105 Min., R: Jim Jarmusch, D: Bill Murray, Adam Driver, Steve Buscemi, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Start: 13.6.

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