FESTIVAL

Schön, stolz und selbstbestimmt

Die interdisziplinäre Plattform „The Expo Festival“ zeigt Arbeiten von ­Berliner Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. Self-empowerment ist ein inhaltlicher Fokus.

Text: Friedhelm Teicke

Self-empowerment: Lena Chen in ihrer autobiografischen Performance ­„Poseur“ – Foto: Edward Isais

Im vergangenen Jahr hieß das Festival noch „Expat Expo“, doch der Zusatz Expat ist nun gestrichen. „Der Begriff wird eher mit anglo­amerikanischen Migranten verknüpft“, erklärt Kuratorin Olivia Hyunsin Kim. „Wir wollen deutlich machen, dass unser Festival nicht nur englischsprachige Wahlberliner präsentiert.“

Kim hat die diesjährige ­Ausgabe ­erstmals kuratiert, gemeinsam mit dem Festival­erfinder und künstlerischen Leiter des English Theatre Berlin, Daniel Brunet, und dem ebenfalls neu dazugekommenen ­Israeli Shlomo Lieberman. Kim und Lieberman waren selbst als Künstler auf früheren Ausgaben des seit sieben Jahren vom English Thea­tre Berlin veranstalteten Festivals vertreten. ­Olivia Hyunsin Kim ist Choreografin, Teil des femi­nistischen Performance-Kollektivs The Kill Joys. Das ist wohl ein Grund, dass dieses Jahr viele Tanzproduktionen unter den zwölf präsentierten Arbeiten sind.

Produktionen wie das Tanzstück „Harrende Räume und trotzende Menschen“, in dem die Choreografin Janne Gregor drei Tänzer*innen und den Beatboxer Mando mit Elementen aus Martial Arts, Krump und zeitgenössischem Tanz untersuchen lässt, inwieweit Kraftmeierei als Überlebensstrategie wirksam ist (29.4., 20 Uhr).

Self-empowerment ist ein inhaltlicher Fokus, den das Kuratorentrio setzt, auch unter Bezug auf die #metoo-Debatte und Phänomene wie Revenge Porn in Sozialen Medien. Dafür steht etwa die Performance „Poseur“ am 28. April, die den Performance­reigen am „ExpLoRE“ betitelten Eröffnungs­nachmittag einleitet. In der Regie der taiwanesisch-deutschen Theatermacherin Frederika Tsai spielt Lena Chen aus den USA die autobiografische Geschichte eines Verbrechens und einer Identitätskrise, die für die Bloggerin an der Harvard-Uni beginnt und sie schließlich nach Berlin führt.

Chen ist eines der ersten und bekanntesten Opfer von Revenge Porn: Ihr Ex-Freund stellt 2007 intime Fotos von ihr ins Netz, was für Chen einen mehrjährigen Spießrutenlauf, gezielte Diffamierungskampagnen und etliche Panikattacken zur Folge hat. Sie zieht nach Berlin, legt sich eine neue Identität zu, nennt sich Elle Peril.

Doch dann entschließt sie sich zur Offen­sive. Sie beginnt als Aktmodell zu arbeiten, holt sich die Hoheit über ihren Körper ­zurück, selbstbestimmt, klare Regeln und in einem Kunstkontext. Sie schreibt, wird Spoken-Word-Artistin und Performerin. Chen holt sich ihre Identität zurück. Elle Peril ist nun eine mit ihrer Geschichte aufgeladene Kunstfigur, souverän. „Poseur“ erzählt von dieser Selbstermächtigung und hinterfragt sie gleichzeitig. Die multimediale sowie interdisziplinäre Vorgehensweise erzählt die Geschichte fort: Wie geht es weiter mit Elle Peril? Was macht das mit uns, wenn wir Peril/Chen betrachten?

Muntere Stereotypen-Parade: „Banana Pride“ mit Rafaella Marques, Teija Vaittinen, Kysy Fischer und Paola Pilnik (v.l.n.r.) – Foto: Mari Vass

Fünf weitere Kurzperformances folgen beim „ExpLoRE“-Reigen, darunter die brasilianische Klischée-Parodie „Banana Pride“ in der Regie von Kysy Fischer mit Rafaella Marques, Paola Pilnik und Teija Vaittinen.

Die abendlichen Aufführungen reichen von Dokumentartheater wie „Please, repeat after me“, in dem der Syrer Zlad Adwan seine Exil­erlebnisse mit Stereotypen beschreibt, Neuem Circus, Figurentheater sowie Körperthea­ter wie „Foreign Body_Trio“ von Howool Baek aus Südkorea, das das Expo Festival am 4. Mai beendet.

28.4.–4.5, English Theatre Berlin, Fidicinstr. 44, Kreuzberg, Eintritt 10 €, Festivalpass 50 €, ExpLoRE: 15, erm. 9 €, www.etberlin.de