Dokumentartheater

Ansichten der Wahrheit

„The Factory“ in der Volksbühne bietet ­Einblicke in die ­Verstrickung ­westlicher Firmen in den Krieg in Syrien

Profit im Bürgerkrieg: Die Geschichte einer Betonfabrik in ­Syrien im Bühnenbild von ­Bissane al Charif – Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Text: Tom Mustroph

Zuweilen ist das Theater das bessere Nachrichtenmedium. Ohne die Recherchetätigkeit der Theatermacher Mohammad Al ­Attar und Omar Abusaada wäre jedenfalls die so schrille wie komplexe Geschichte um eine französische Zementfabrik in Syrien, die mitten im Bürgerkrieg noch munter weiter produziert und dessen aus Paris entsandte Manager mit Millionenzahlungen an Terrormilizen den Betrieb aufrecht erhielten, hierzulande gar nicht bekannt geworden.

In Syrien selbst, in Frankreich und den USA liefen Storys über die Verquickung des Lafarge-Konzerns mit dem Terrorgeschäft; die Konzernspitze muss sich derzeit auch in Paris einem Prozess wegen, so die Anklage, „Terrorfinanzierung“ stellen. Auch der selbsternannte Islamische Staat (IS) hatte mehrere Millionen Dollar erhalten. Hohe Regierungsmitarbeiter, darunter der frühere französische Außenminister, sind als Zeugen geladen.

Nicht dieser Prozess, sondern die Vorgeschichte, steht im Mittelpunkt von „The Factory“, ein Auftragswerk des internationalen Kulturfestivals Ruhr­triennale – das Dealen mit den Milizen also, die Gefahren, denen die Arbeiter ausgesetzt waren und die kühle, und in sich auch völlig logische Überlegung, dass Zement in einigen Jahren zum „Gold des Nachkriegs“ werden dürfte.

„Auch manche Arbeiter, die wir interviewten, sagten, dass es gut war, die Fabrik noch etwas länger am Laufen gehalten zu haben“, erzählt Mohammad Al Attar, „aber alle, die ich gesprochen habe, sind sich einig, dass sie spätestens dann, als der Krieg näherrückte, hätte geschlossen werden müssen.“ Das große Problem war, dass die Arbeiter alleingelassen wurden. „Es gab zwar die Zahlungen an die diversen Terrorgruppen. Dennoch wurden weiterhin Arbeiter entführt. Ein Arbeiter, der Protagonist in unserem Stück ist, musste sogar sein Lösegeld selbst bezahlen, um freizukommen. Andere wurden von der Firma bedroht, wenn sie nicht zur Arbeit kamen“, beschreibt der Theaterautor die Situation. „Bei der Eroberung der Fabrik durch den IS im September 2014 waren die Arbeiter komplett auf sich allein gestellt.“

Die Geschichte bereiten er und Regisseur Omar Abusaada in Form eines recht klassischen Dokumentartheaters über vier ­Figuren auf: ein Arbeiter, eine Journalistin und gleich zwei Unterhändler der Firma mit den Milizen. Alle haben ihre eigene Perspektive auf die unstrittigen Fakten, vier verschiedene Interpretationen der Tatsachen; die Wahrheitsfindung bleibt dem Zuschauer überlassen.

Die Journalistin und die beiden Unterhändler haben reale Vorbilder. „Der eine ist Sohn von Mustafa Tlas, dem langjährigen Verteidigungsminister von Hafiz al-Assad und auch Bashar al-Assad. Ihm gehören selbst zwei Prozent des Werks. Firas Tlass repräsentiert die alte Elite, die Söhne der Funktio­näre, die in die Wirtschaft gingen und reich wurden. Der zweite Geschäftsmann gehört einer jüngeren Generation an, studierte im Westen, besitzt auch einen kanadischen Pass“, erzählt Regisseur Abusaada.

An beiden Figuren lässt sich auch die Zukunft des Landes ablesen. Denn sie dürften die Elite repräsentieren, die den Wiederaufbau nach dem Krieg gestaltet. Gegenwärtig übrigens ist die Fabrik eine US-Militärbasis, auf der neue Kämpfer für den Krieg ausgebildet werden.

27. (Premiere) + 29.9., 6., 14. + 19.10., 19.30 Uhr, Volksbühne Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Regie / Text: Omar Abusaada, Mohammad Al Attar; mit Lina Murad, Ramzi Choukair, Saad Al Ghefari, Mustafa Kur, Saleh Katbeh. Eintritt 13 – 30, erm. 9 €