Literatur

The Graphic Canon – Weltliteratur als Graphic Novel

Die gesamte Weltliteratur in drei Bände ­packen zu wollen, das ist ein hehrer Vorsatz. Noch dazu, wenn die Schöpfungsmythen, Romane, Märchen, Heldensagen oder Bibelstorys in gezeichneter Form ­gesammelt werden sollen. Der Herausgeber des dicken Konvoluts, US-Schriftsteller Russ Kick, bezeichnet sich selbst gerne als „Avantgarde-Old-School“ und liebt die moderne Popkultur ebenso wie die Klassik. Im ersten Band des „Graphic Canon“ sammelt er mehr als 50 literarische Weltgeschichte(n), vom babylonischen Gilgamesch-Epos, um 1.000 v. Chr. in Tontafeln geritzt, das von Kevin & Kent Dixon im flotten Undergroundstil gezeichnet wurde, bis zum mehrfach verfilmten französischen Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos De Laclos, der von der Zeichnerin Molly Crabapple gewohnt burlesk umgesetzt wurde.

Dazu kommen gelungene Storys der Godfathers der Graphic Novel: Der verstorbene Will Eisner hatte sich schon vor Jahren Cervantes‘ „Don Quichote“ angenommen, der bekennende Sexist Robert Crumb hebt die allgegenwärtige Geilheit in James Boswells „Londoner Tagebuch“ aus dem späten 19. Jahrhundert hervor. Der Galiani Verlag überarbeitete die amerikanische Vorlage und ließ einige der literarischen Textvorlagen neu übersetzen.

Der Kanon wurde um genuin deutsche Geschichten wie das „Nibelungenlied“ ergänzt, das die Berlinerin Kat Menschik in plakativem Jugendstil illustriert. Die so entstandenen Bilder könnten eine „Siegfried“-Inszenierung in Bayreuth durchaus schmücken, aber eine echte Graphic Novel über den deutschesten aller Helden wäre vermutlich besser gewesen, sehr schade. Um noch ein wenig mehr zu meckern: Leider sind nicht alle Geschichten künstlerisch wirklich gut umgesetzt, manches wirkt naiv hingerotzt, ohne den eigentlichen Sinn der Story verstanden zu haben. Das Beste der Weltliteratur hätte bessere Zeichner verdient.

Die angekündigten Nachfolgebände zwei und drei, die sich mit modernerer Literatur beschäftigen werden, lassen aber auf Verbesserung hoffen.

Galiani, Berlin 2013, 505 Seiten, 49,99 Euro
Buchvorstellung: 23.1. um 19.30 Uhr in der Tanzsuite im Haus Berlin, Strausberger Platz, Mitte