QUEERFESTIVAL

Schluss mit Opfer!

In „The Present Is Not Enough – Performing Queer Histories and Futures“ ­feiert und befragt das HAU anlässlich des 50. Jubiläums der Stonewall-Aufstände queere Geschichtsschreibung und Zukunftvisionen

Travis Alabanza in der Performance „Burgerz“, 27. bis 30.6., HAU 3 – Foto: Elise Rose

Text: Stefan Hochgesand

Ein Burger ist ein Burger ist ein Burger ist eine Bombe. So hat es Travis Alabanza erlebt, in London. Eine trans-feindliche Attacke. Ein Mann warf einen Hamburger auf Alabanza, was ihnsie so sehr schockierte und durcheinanderbrachte, dass sie*er zu Boden fiel. Viele Menschen standen drum herum, niemand kam zu Hilfe.

Später hat sich Travis Alabanza die Deutung über dieses Trauma-Erlebnis zurückerobert, mit einem Kunstwerk. Freilich ein Ventil, das nicht jedem zur Verfügung steht: Alabanza, gerade mal 22 Jahre, war schon Resident Artist der superrenommierten Tate in London. Die Performance, die daraus entstand, ist sehr plastisch, mit glitschiger Mayonnaise. Aber der Diskurs darüber ist natürlich überhaupt nicht witzig. „Sie handelt vom Hass, der sich auf Straßen breitmacht“, sagt der junge HAU-Kurator Ricardo Carmona, der Alabanza für das Festival „The Present Is Not Enough“ nach Berlin geladen hat. Und: „Die meisten gucken weg.“

50 Jahre ist das nun her, dass in der Christopher Street vor der New Yorker Bar Stonewall Inn in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni die von der Polizei regelmäßig schikanierten Queers aufbegehrten. Schluss mit Opfer! Übrigens war das seinerseits 50 Jahre nachdem Magnus Hirschfeld in Berlin 1919 sein Institut gegründet hatte, was viele als Beginn des Queer Rights Movement ansehen. Doch was ist seitdem geschehen? Ja, die Ehe für Alle gibt es in den USA und auch in Deutschland. Doch die theoretische Gleichheit vor dem Gesetz garantiert keineswegs gleichen Umgang, gleiche Chancen im Alltag. Und selbst wenn queere Geschichte in den Fokus rückt, geschieht dies meist aus weißer, westlicher Sicht.

Das elftägige, wunderbar divers programmierte Festival nun will sich, ganz in HAU-Manier, in einem queeren Konglomerat aus Vorträgen, Videoinstallationen, Performances und Ausstellungen dem Thema (samt seiner Vergangenheiten und möglichen Zukünfte) multiperspektivisch nähern. Zu sehen sind neben vielem anderen die Videoporträts queerer Geflüchteter, „The Crossing“, erstellt von Carlos Motta. Die Geflüchteten berichten, wie sie meistens wegen ihrer Gender-Identität oder sexuellen Orientierung ihre Heimatländer verlassen mussten. In den Niederlanden meinen sie sicher zu sein, aber erleben dann doch wieder Homohass.

Die Tänzerin, Choreographin und Aktivistin Mamela Nyamza in „Black Privilege“, 25.+26.6., HAU 2 – Foto: Yazeed

Der französisch-marokkanische Mehdi-­Georges Lahlou wiederum reist in seiner Festival-Tanzperformance zurück ins islamische Mittelalter. Er hat sich den Text „Der Ring der Taube“ des Philosophen Ibn Hazm (994–1064) vorgenommen, der im Gebiet des heutigen Spaniens lebte, das allerdings damals islamisch war. „Der Text klingt wie ein platonischer Liebestext“, sagt Kurator Ricardo Carmona. Doch wenn man die richtigen Codes kenne, wirke er in hohem Maße homoerotisch. Queerness ist natürlich überhaupt nichts Neues. Und auch keine Erfindung des Westens, wie allzu oft behauptet wird. 

20.–30.6., HAU 1-3, Stresemannstr. 24, Kreuzberg, Eintritt je nach Veranstaltung 8–27, erm. 5–10 € oder frei, www.hebbel-am-ufer.de