CINEMASCOPE-TANZ

The West

Überbordend einfallsreich liest Constanza Macras dem Westen die Leviten und schenkt der ­Volksbühne nach „Der Palast“ ein weiteres Erfolgsstück

Furioser Ritt durch die popkulturelle Dominanz des Westens – Foto: Thomas Aurin

Ennio Morricones gruselig-markante Mundharmonika-Melo­die aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ macht gleich zu Beginn klar, dass mit dem titelgebenden Westen hier vor allem der Wilde Westen gemeint ist, Geburtsstunde der US-amerikanischen Identität der Eroberer und Goldgräber, des Faustrechts und Freiheitsversprechens. Vor der Weite einer Saguaro-Kakteenlandschaft auf dem Cinemascope-Bühnenhintergrund (Bühne: Alissa Kolbusch) verhandelt Constanza Macras mit ihrem so furiosen wie internationalen Ensemble Dorky Park kritisch-ironisch den Komplex kulturelle Globalisierung und westlicher (Pop-)Kulturimperialismus.

Eigentlich ist die Diagnose längst bekannt, und das Niedermetzeln der indigenen Ureinwohner Amerikas durch die euro­päischen Eroberer wird auch in einer putzig-brutalen Cowboy- und Indianer-Lego-Figuren-Szene thematisiert. Doch wie sehr und wie nachhaltig der Westen mit seiner Popkultur sogar die Identität des globalen Süden selbst geformt hat, zeigt Macras’ rasantes Szenen-Potpourri auch.

Es geht flott von den Zerrbildern der Telenovelas und Cowboy-Filmen (wo John Wayne in Fernanda Farahs Kindheitserinnerung durch seine flimmernde Dauerpräsenz im Wohnzimmer geradezu zu einem Fami­lienmitglied wurde), zu Südamerikas Militärdiktaturen von CIAs Gnaden und zum neokolonialen Latina-Stereotyp bei einem grandiosen Tanzbattle in der „Church of Twerk“ – subversives Popo­schütteln jenseits von Miley Cyrus.

Etwas zu didaktisch erfahren wir von der kolonialen Ausnutzung der Spiritualität der südafrikanischen Xhosas zur Spaltung des Volks. Doch das schmälert nicht die Klasse dieses klugen, munteren, dekolonialistischen Tanzfests. FRIEDHELM TEICKE

6.3., 27.3., 20 Uhr, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Choreografie: Constanza Macras; mit Candaş Bas, Adaya Berkovich, Alexandra Bódi, Emil Bordás, Fernanda Farah, Bastian Trost u.a., Eintritt 10–30, erm. 9 €
www.volksbuehne.berlin