FREIE SZENE

Theater im Krisenmodus

Der Corona-Shutdown trifft die Freie Szene besonders hart. Welche Über­lebenshilfen erwartet und welche Überlebensstrategien erprobt sie?

Die meisten Festangestellten in den Theatern machen Home Office -- alle Freien Mitarbeiter*innen trifft es noch härter.
Die meisten Festangestellten in den Theatern machen Home Office — alle Freien Mitarbeiter*innen trifft es noch härter. Foto: imago/Ritter

Im HAU fallen bis Ostermontag 55 Veranstaltungen aus, in den Sophiensaelen 30, teilen uns die Intendantinnen der Produktionshäuser, Annemie Vanackere und Franziska Werner, mit. Im Theaterdiscounter, einem Haus mit weniger dichtem Spielplan, ist die Situation entspannter. Chef Georg Scharegg konnte kurz vor der Corona-Schließung sogar noch seine eigene Premiere herausbringen.

Aktuell freut er sich darüber, dass einige Zuschauer, die bereits Karten für nun ausfallende Vorstellungen erworben hatten, das Geld spenden. „Wir nutzen jetzt die Zeit, um Dinge, die sonst oft liegen bleiben, zu machen“, sagt er. „Die Technik wird gewartet, mehr Zeit kann in die Vorbereitung neuer Projekte gesteckt werden.“ Allerdings ist das Team vom Coronavirus auch privat gefordert. „Wir teilen uns jetzt auch das Home Schooling unserer Kinder“, meint Scharegg.

Ähnlich sieht die Situation an den anderen Häusern aus. Wer Kinder hat, kümmert sich um diese. Techniker*innen warten das Equipment. Die anderen Festangestellten machen meist Home Office. Härter als die Häuser, die ­regelmäßige Förderungen durch den Senat erhalten, trifft es die freien Theatermacherinnen. Diejenigen, die am HAU engagiert sind und bis 19. April Vorstellungen geben sollten, haben dabei noch Glück. Die Ausfallhonorare übernimmt komplett das Land Berlin, weil es die Schließung angeordnet hatte. „Es herrscht jedoch noch Unsicherheit, wie mit Ausfällen nach dem 19. April umzugehen ist“, sagt HAU-Chefin Vanackere. Sie geht von einer Verlängerung der Schließzeit aus, befürchtet sogar, dass bis zur Sommerpause kein Theater gespielt werden kann.

Andere Häuser wie Sophiensaele, Ballhaus Ost und Theaterdiscounter haben nicht einmal diese Absicherung bis zum 19. April. Daniel Schrader vom Ballhaus Ost und Franziska Werner von den Sophiensae­len fühlen sich vom Kultursenat allein gelassen. „Für Privattheater gab es zunächst nur die Empfehlung, zu schließen. Die Entscheidung wurde auf uns abgewälzt“, sagt Schrader. Und Werner moniert: „Wir werden in der Unsicherheit gelassen, wie wir mit den laufenden Gagen an unsere Künstler förderrechtlich verfahren können. Wir wünschen uns da eine ähnliche Regelung wie bei den staatlichen Häusern.“

Janina Benduski, Vorsitzende des Bundesverbands Freie Darstellende Künste, warnt: „Für die freien Künstlerinnen, aber auch die Freischaffenden, die den ganzen Betrieb am Laufen halten wie das technische Personal, Fotografinnen, Produktionsleiterinnen oder Einlasspersonal, ist die Situation besonders kritisch. Den nicht-geförderten unter ihnen fallen die Einnahmen für mehrere Wochen komplett weg. Wer Förderungen erhalten hat, aber momentan seine Projekte nicht zeigen kann, läuft Gefahr, das Geld zu verlieren. Denn meist ist es an Aufführungen gebunden. Und viele Förderer gestatten es nicht, die Mittel ins Folgejahr zu übernehmen.“

Das HAU versucht die Zwangspause mit einem virtuellen Spielplan zu überbrücken – Foto: Marcus Lieberenz

Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert verspricht zumindest auf Berliner Ebene eine schnelle Lösung dieser Probleme. „Wir arbeiten mit Hochdruck an einem Fonds“, teilt er Zitty mit. Bundesweit werden mittlerweile ein Notfallfonds für freie Künstlerinnen sowie ein sechsmonatiges bedingungsloses Grundeinkommen zur Überbrückung gefordert. Der Senat stellt „unbürokratische Unterstützungsprogramme analog der bayrischen Regelung für Freiberufler“ in Aussicht.

Inmitten der Ausnahmesituation werden die Künstler*innen aber auch kreativ. Das HAU stellt einen Onlinespielkalender mit einigen Formaten des ausgefallenen Festivals „Spy on Me#2“ auf. Das BKA und die Improtheatergruppe Improvisionäre streamen live. Die technologisch ambitionierte Berliner Gruppe Cyberräuber plant eine virtuelle Version ihres für Karlsruhe geplanten „Cyberballetts“.