THEATER DER DINGE

Der Stand der Dinge

Beim Herbstfestival Theater der Dinge an der Schaubude und im Podewil geht es dieses Jahr verstärkt um Digitalität – mit gemorphten Körpern und sogar mit Shakespeare

Text: Tom Mustroph

Menschenkörper stehen beim Schauspiel oft im Fokus. Dabei gibt es ja noch all die Dinge, die uns umgeben und die unsere Welt nicht minder bestimmen – Foto: Vincent Glowinski & Teun Verbruggen (Belgien)
Menschenkörper stehen beim Schauspiel oft im Fokus. Dabei gibt es ja noch all die Dinge, die uns umgeben und die unsere Welt nicht minder bestimmen – Foto: Vincent Glowinski & Teun Verbruggen (Belgien)

Seit der Intendanz von Tim Sandweg öffnet sich die Schaubude, Berlins zentrale ­Spielstätte für Figurentheater, verstärkt den Neuen (auch Sozialen) Medien und klopft die heutigen ­digitalen Möglichkeiten fürs Genre des ­Objekt- und Figurenthea­ters ab.  Was bedeutet es etwa, wenn die Figuren und Puppen als Roboter und Cyborgs nicht nur spielerisch sondern tatsächlich belebt sind?  Das Herbstfestival „Thea­ter der Dinge“ zeigt nun Inszenierungen aus aller Welt, die sich an der Schnittstelle von Theater, Digitalität und Bildender Kunst bewegen.

Das „Internet of Things“ gibt es schon. Das Festival der Dinge, das traditionelle Figurentheaterfestival der Berliner Schaubude, sucht in seiner aktuellen Ausgabe unter dem Slogan „Digital ist besser“ den Anschluss einer alten Theaterkunst an den technischen Alltag. Die Dinge, die vom 28. Oktober bis zum 3. November bespielt, belebt und bewegt werden, sind unter anderem: gemorphte Schauspielerkörper, digitalisierte Puppen und zweckentfremdete Putzroboter, aber auch klassische Fotoalben und neuartige Pop-Up-Bücher.

Als vor einem Jahr Tim Sandweg die Leitung der Schaubude übernahm, stand das Stichwort Digitalität ganz oben auf seiner Agenda. Schon Vorgängerin Silvia Brendenal hatte versucht, Verbindungen zwischen dem Wischen und Wedeln auf Smartphones und den angestammten Techniken des Figurentheaters aufzuspüren – und eine Renaissance der Fingerarbeit prophezeit. Sandweg geht die Sache aber noch konsequenter an. Und er kann davon profitieren, dass auch immer mehr Digital Natives das alte Puppenspielgenre erobern.

Das hier sicher nicht ganz wörtlich zu nehmende Motto „Digital ist besser“ hat die Schaubude einem Tocotronic-Song entlehnt. Dabei geht es nicht um simple Digitalisierung, sondern die Erweiterung der analogen Welt durch digitale Schichten und die Verkörperlichung des Digitalen durch Figuren aus anfassbaren Materialien. Was das bedeutet, kann man beim sogenannten Festivalfrühstück am 29. Oktober (10.30 Uhr) sehen, wenn die Stipendiaten der Forschungsresidenz an der Schaubude ihre Versuche präsentieren, Puppen zu digitalisieren und über Tracking-Verfahren zu beleben.

"Birdie" von Agrupación Señor Serrano – Foto: Pasqual Gorriz
„Birdie“ von Agrupación Señor Serrano – Foto: Pasqual Gorriz

Im Spielprogramm selbst fällt die katalanische Truppe Agrupación Señor Serrano mit einem schrillen Mash-up aus Alfred Hitchcocks Thriller „Die Vögel“ und Kommentar zur Flüchtlingspolitik auf: ein Foto von Migranten, die die spanische Enklave Melilla stürmen, wird belebt und mit Hitchcock-Sequenzen überlagert („Birdie“, 2.11., 20 Uhr, Podewil).

Ebenfalls aus Katalonien kommt Xavier Bobés. Mit Hilfe von Fotoalben, Schulbüchern, Dosen und Kleinstobjekten erzählt Bobés jeweils fünf am Tisch sitzenden Zuschauern Geschichten aus dem Franco-Spanien. „Dabei verliert Bobés kaum Worte. Die Geschichten stecken ganz in den Objekten, die er auf bestimmte Art und Weise anordnet“, sagt Sandweg (29.10. – 2.11., mehrere Slots täglich).

Die Dinge, die Geschichten erzählen lassen – das ist auch das Motto von David Espinosa. In seinem Falle handelt es sich um Spielzeugfiguren aller Art; von Eisenbahnmodellbaufiguren bis hin zu Hulk, denen Espinosa Rollen aus Shakespeare-Dramen zuschreibt und die dann (mal ganz analog, mal auf der Projektionswand aufgeblasen) Liebe und Eifersucht, Machtrausch und Einsamkeit ausagieren („Much ado about nothing“, 29.10., 18 und 22 Uhr).

Schon ein Klassiker des digital erweiterten Puppenspiels stellt „Icebook“ dar. Hier wird ein Pop-Up-Buch mit Märchensequenzen im 3D-Format belebt (28.10., 18 – 23.45 Uhr). In „Der Theaterautomat“ von Angelina Kartsaki und Sebastian Schlemminger kann jeweils ein Zuschauer für zehn Minuten in eine eigenartige Welt eintauchen.

Bis zum 3. November zeigt das Festival in 23 Inszenierungen, Installationen, Performances und Ausstellungen den Stand der Dinge im zeitgenössischen Figuren- und Objekttheater vor allem für ein erwachsenes Publikum.

Fr 28.10. – Mi 2.11., Schaubude, Greifswalder Str. 81, Prenzlauer Berg + Podewil, Klosterst. 68, Mitte;
Eintritt 9,50 –12,50, erm. 6–8 €