Bühne

Pfadfinder durchs Szenedickicht

Seit fünf Jahren führt Theaterscoutings Berlin Zuschauer hinter die Kulissen der Freien Tanz- und Theaterszene Berlins – und entwickelt dabei neue Formate

Regisseurin Chang Nai Wen beim Theaterscountings-Zuschauergespräch – Foto: Performing Arts Programm Berlin

Text: Friedhelm Teicke

Nehmen wir Naoko Tanaka. Die japanische Künstlerin erzählt Geschichten aus Licht und Objekten. Auch ihre theatrale Installation „Still Lives“ in den Sophiensaelen lässt viel Raum für Assoziationen. Tanakas Imaginations-Landschaften schreien geradezu nach einem Gedankenaustausch. Doch der findet meist nur mit der Lieblingsbegleitung statt, dabei würde man vielleicht gern auch die Künstlerin befragen.

In der Regel kommt in der Freien Szene das Publikum hinterher nicht unbedingt zu einem Gespräch über das Erlebte mit den Protagonisten zusammen – Publikumsgespräche, wie im Stadttheater üblich, können die personell ungleich schlanker aufgestellten Freien Spielstätten meist nicht stemmen.

Seit rund fünf Jahren schafft das EU-geförderte Performing Arts Programm Berlin (PAP) mit seinem Modul Theaterscoutings Berlin da Abhilfe. Es versteht sich als Pfadfinder durch den Szenedschungel und schlägt Brücken zwischen Berlins Freien Spielstätten, ihren Künstlern und dem Publikum.

Inzwischen gibt man sich mit dem traditionellen Vermittlungsformat Publikumsgespräch allein nicht zufrieden, sondern entwickelt neue Formate. So wurde das Publikum nach der Aufführung von Tanakas inspirierendem Imaginationsraum zum Basteln eingeladen. In einer persönlichen Papierskulptur konnte es seine Erfahrung jenseits mitunter oft fehlender Worte reflektieren – und kam über „Das unbeschriebene Blatt“ ins Gespräch.

Im Format „Das unbeschriebene Blatt“ kommen Zuschauer über selbstgebastelte Papierskulpturen ins Gespräch (hier Sophiensaele) – Foto: Geheime Dramaturgische Gesellschaft

Ein anderes Modul nennt sich „Retrospektive Improvisation“, hier versetzen sich einige Zuschauer im Anschluss ans Stück in die Rolle der Protagonisten und beantworten improvisierend Publikumsfragen. „Das hat so gut funktioniert“, erzählt Nathalie Frank, die Leiterin des PAP-Moduls Theaterscoutings, „dass der Choreograf Nir de Volff das Format für sein Stück im Dock11 gern weiterhin anbieten möchte.“

Nur die Spitze des Eisbergs

Acht neue Konzepte für Vermittlungsformate hat Theaterscoutings Berlin inzwischen ausprobiert, die Erfahrungen werden in einem im Herbst erscheinenden „Handbuch“ vorgestellt. Die rege Teilnahme an diesen, aber natürlich auch an herkömmlichen Vermittlungsformaten beweist, dass Theaterscoutings Berlin ein großes Bedürfnis bedient. Dazu gehören dann auch Workshops, Einführungen, Proben- und Backstagebesuche sowie inzwischen fünf verschiedene Spielstättentouren, bei denen in Zusammenarbeit mit StattReisen Berlin durch drei bis vier Freie Spielorte in einem Berliner Kiez geführt wird.

Im Austauschformat „Retrospektive Improvisation“ schlüpfen Zuschauer in die Rollen der zuvor erlebten Tänzer (hier im Dock 11) – Foto: Nathalie Frank

Franks Theaterscoutings-Kollegin Swetlana Gorich sagt: „Alles was wir im PAP machen, insbesondere bei Theaterscoutings, ist, Publikum für die Freie Szene zu begeistern, mit der Berlin zwar wirbt, aber die in den Medien in ihrer Breite leider immer noch eher stiefmütterlich behandelt wird. Sie ist zwar in den Köpfen vieler Menschen präsent, auch jenseits von Berlin, aber wird vorwiegend mit den großen Produktionshäusern wie HAU oder Sophiensaele gleichgesetzt. Und bei den Künstlern sind es immer Gruppen wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop – aber dass das nur die Spitze des Eisbergs ist, wird kaum vermittelt.“

Hier aber! So bringen die Theaterscouts interessierte Zuschauer regelmäßig mit über 30 freien Spielorten und ihren Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt und in einen Gedankenaustausch. Dazu erstellen sie ein monatliches Programm mit ausgewählten Tanz- und Theaterproduktionen, die jeweils von einem (in der Regel kostenlosen) Zusatzangebot begleitet werden.

„Wir haben momentan in Berlin die größte Freie Szene der Welt, in einer irrsinnigen Dynamik und mit einem wahnsinnigen Output und dazu sehr international“, stellt die Regisseurin und Autorin Susanne Chrudina fest, die selbst als Theaterscout arbeitet und im PAP die Proberaumplattform leitet.

Wie Chrudina sind auch alle anderen im PAP- und Theaterscoutingsteam nebenbei weiterhin selbst künstlerisch tätig. „Das ist uns sehr wichtig“, betont PAP-Leiterin Janina Benduski. „Unsere Vermittler kommen aus der Freien Szene und sollen weiterhin Teil von ihr sein.“ Das betrifft auch die Chefin selbst: Benduski arbeitet fürs Performance-Kollektiv She She Pop und entwickelt mit der Musiktheaterkompagnie Oper Dynamo West Kunstprojekte im urbanen Raum.

www.theaterscoutings-berlin.de/programm