Der Gipfel

Theatertreffen 2015

Alle Jahre wieder: Theatertreffen im Mai. An der Festivalauswahl kann man sechs aktuelle Trends und Themen der deutschsprachigen Theaterlandschaft ablesen

Text: Georg Kasch

Das Berliner Theatertreffen gilt als Leis­tungsschau der Branche. Die Auswahl, die sich hinter dem dehnbaren Adjektiv „bemerkenswert“ verschanzt, wird gern als Bestenliste missverstanden, obwohl sich die Entscheidungen der siebenköpfigen Kritiker­jury zuverlässig als rätselhaft erweisen. Dennoch: Auch dieses Jahr lassen sich wieder Trends und Themen der aktuellen deutschsprachigen Bühnenlandschaft herauslesen.

1. Merkmal: Das Thema

Klares, wichtiges, erschreckend aktuelles Thema in diesem Jahr: Krieg, Flucht, Vertreibung. Ein besonderes Zeichen ist die Eröffnung, Nicolas Stemanns Jelinek-Uraufführung „Die Schutzbefohlenen“ vom Thalia Theater Hamburg – mit einem Chor echter Flüchtlinge. Hier haut uns die Nobelpreisträgerin in bitterbösen Wortkaskaden um die Ohren, was uns gerade täglich umtreibt: die Mittelmeertoten und den Zynismus Europas. Aber auch danach lässt uns das Thema nicht los: Frank Castorf verlegt Brechts „Baal“ in die Indochina-Kriege, Yael Ronen bricht mit Schauspielern, die als Kind vor dem Krieg in Jugoslawien geflohen sind, in die Vergangenheit auf. In Ewald ­Palmetshofers „die unverheiratete“ wirkt der Zweite Weltkrieg bis heute nach. Und auch Wolfram Lotz spielt grimmig mit dem Thema Krieg, wenn er zwei deutsche Soldaten in „Die lächerliche Finsternis“ schickt, in diesem Fall einen fiktiven Hindukusch, wo sie der Welt abhandenkommen.

2. Merkmal: Heimspiele

Frank Castorf – wer sonst? Es ist die 14. Einladung des Volksbühne-Chefs zum Theatertreffen, er zieht so mit Christoph Mar­thaler gleich und ist dicht dran an den Spitzenreitern Stein, Peymann und Zadek. Klar, dass man seinen Münchner „Baal“ nicht umgehen konnte nach der Auseinandersetzung mit den Brecht-Erben vor Gericht, weil der Regisseur den Text des Autors gesampelt hat – mit viel schwer Verdaulichem aus der rechtsnationalen Ecke. Deshalb ist „Baal“ auch nur ein (letztes) Mal zu sehen, bevor die Inszenierung eingemottet werden muss.
Weitere Heimspiele: Ivan Panteleevs „Warten auf Godot“-Inszenierung vom Deutschen Theater ist als nachgeschickte Got­scheff-Verneigung dabei. Vor allem aber: Yael Ronen ist mit „Common Ground“ eingeladen, endlich wird damit das Maxim Gorki Theater unter Shermin Langhoff und Jens Hillje gewürdigt, das amtierende „Thea­ter des Jahres“. Das Gorki hat auch gleich ein zweites Heimspiel: Daniel ­Cremers am Studio R entwickeltes „Talking Straight Festival“ ist zum Stückemarkt des Theatertreffens eingeladen, das in diesem Jahr wieder als europaweiter Wettbewerb funktioniert und jetzt drei Stücke und zwei Projekte versammelt (siehe auch Seite 69).

3. Merkmal: Generationswechsel

Um die unmittelbar von Castorf beeinflusste Generation ist es in diesem Theatertreffen-Jahrgang erstaunlich ruhig geworden. Jetzt regieren die Enkel, die mit neuer Lust am Zertrümmern und Neuzusammensetzen von Stücken, an Video und Effekten versuchen, sich Castorfs Erbe frisch anzueignen. Drei der Eingeladenen sind unter 35, zwei weitere unter 40. Ob sich da Gemeinsamkeiten einer Enkelgeneration abzeichnen oder ästhetisch jeder für sich wurschtelt, wird das Festival zeigen.

4. Merkmal: Neue Dramatik

Fünf Uraufführungen – so viele neue Werke beim Theatertreffen sind selten. Dabei zeigt sich die ganze Bandbreite heutiger Bühnentexte: Genuine Dramatik wie Ewald Palmets­hofer, Textflächen wie Elfriede Jelinek, Hörspiele wie Wolfram Lotz, Roman­adaptionen wie Judith Schalansky, Stückentwicklungen wie Yael Ronen. Vor diesem Hintergrund dürfte die durch Castorfs „Baal“ angestoßene Debatte spannend werden, was ein ­Regisseur mit Texten dürfen soll und wo genau sich der Autor im Kraftfeld einer Inszenierung positioniert.

5. Merkmal: Die Frauen kommen

Jahrzehntelang war das Theatertreffen analog zum deutschsprachigen Theater eine Männerbastion, gelegentlich aufgelockert durch Einladungen von Choreografinnen wie Pina Bausch und Reinhild Hoffmann. Dann kam Andrea Breth, die es mit neun Einladungen immerhin unter die Top Ten der Regisseure schafft. In letzter Zeit wurde die 1970 geborene Karin Henkel zum Thea­tertreffen-Dauerbrenner, was zuweilen mit etwas gequälten Inszenierungen wie eine Quoten-Pflichteinladung wirkte. Auch in diesem Jahr ist Henkel wieder dabei, aber eben auch und endlich Yael Ronen (die mit ihrer Schaubühne-Produktion „Dritte Generation“ immerhin schon mal in der Diskussion war). Und – zum zweiten Mal nach „Fegefeuer in Ingolstadt“ 2014 – Susanne Kennedy.

6. Merkmal: Schwerpunkt Fassbinder

Auch neu: Es gibt einen Schwerpunkt. Der ist dem großen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder gewidmet, der in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden wäre und dessen Stücke und Drehbücher auf deutschsprachigen Bühnen in den letzten Jahren wieder rauf und runter inszeniert werden. Susanne Kennedys Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok?“ von den Münchner Kammerspielen ist nur der Anlass für die Berliner Festspiele, die das Theatertreffen ausrichten, mit den interdisziplinären Muskeln zu spielen. Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau gehört ebenso dazu wie eine Filmnacht, ein Fernsehzimmer und mehrere Berliner Inszenierungen, darunter auch Thomas Ostermeiers „Die Ehe der Maria Braun“, die 2008 von den Münchner Kammerspielen zum Theatertreffen kam und seit einiger Zeit in komplett neuer Besetzung an der Schaubühne läuft. So schließt sich der Kreislauf beim Berliner Klassentreffen der Theaterszene.

52. Theatertreffen, 1.-17.5., Haus der Berliner Festspiele, Deutsches Theater, Maxim Gorki Theater, Carl-von-­Ossietzky-Gymnasium, Schaubühne, Volksbühne.
Die 3sat-Theatertreffen-Aufzeichnungen sind im Sony Center auf Großbildleinwand zu sehen.
www.berlinerfestspiele.de

Stückemarkt und andere Zugaben

Stückemarkt

Nachdem ausgerechnet der Stückemarkt des Theatertreffens, das Forum, in dem frische Theatertexte präsentiert werden, vergangenes Jahr keine Dramen, sondern postdramatische Performances vorstellte, geht es in diesem Jahr wieder halbwegs herkömmlich weiter. Zurück zum Stück heißt aber nicht unbedingt zum gut geschriebenen Text, sondern zur Normalität heutiger Formen zeitgenössischer Autorschaft.

Das spiegelt sich bereits in der Zusammensetzung der Jury, in der mit Lutz Hübner nur ein literarischer Thea­terautor vertreten ist. Die anderen, neben Theatertreffen-Chefin Yvonne Büdenhölzer, sind Vertreter performativer und dokumentarischer Theaterformen: Tim ­Etchells (Forced Entertainment), Helgard Haug (Rimini Protokoll) und der politische Reenactment-Regisseur Milo Rau.

Präsentiert werden nun Stücke von Stefan Wipplinger (3.5.) und Alexan­dra Badea (5.5.) und mit Alexander Manuiloffs „The State“ (3.5.) ein Stück ohne Schauspieler und Regisseur, bei dem das Pub­likum selbst zum Akteur der Aufführung werden soll. Der belgische Regisseur und Performer Tom Struyf zeigt eine Stückentwicklung zum Thema Burnout (5.5.) und Daniel ­Cremers „Talking Straight Festival“ (4.5.) besteht eigentlich aus gleich drei Stücken, geschrieben in einer Fantasiesprache. Hier soll der Zuschauer eine Festivalsimulation erleben und sich in einer „Lost in translation“-Situation verlieren.

Thementag Flucht, Fassbinder, Eidinger und Yoga

Gleich zum Anfang zeigt sich das Festival politisch und veranstaltet am 2. Mai einen „Thementag zu Flucht, Einwanderungspolitik und Asylgesetzgebung“ mit Berenice Böhlo (Flüchtlingsrat), Marianna Salzmann (Maxim Gorki Theater, Leitung Studio Я, Autorin, Aktivistin Kampagne), Samee Ullah (Refugee Club Impulse), Ahmed Shah (Jugendtheaterbüro Berlin), Nicolas Stemann (Regisseur) und Barbara Burckhardt (Journalistin, TT-Jury).

Neben dem „Fassbinder-Fernsehzimmer“, wo während des Festivals Videos von Fassbinders Bühnenstücken gezeigt werden, und einem Fassbinder-Symposium gibt es am 8. Mai eine theatrale Aktion von Patrick Wengenroth als Hommage an Fassbinder: „Einer, der eine Liebe im Bauch hat, der muss nicht am Flipper spielen“.

DJ Lars Eidinger lädt zur Autistic Disco ins Haus der Berliner Festspiele bei der Theatertreffen-Party (8.5.), und im TT-Camp gibt es ganz entspannt Yoga für alle.  -icke