Der Gipfel

Theatertreffen 2017

Es ist wieder Theatertreffen im Mai. Welche aktuellen Trends und Themen der deutschsprachigen Theaterlandschaft lassen sich an der Auswahl ablesen? – Und: Kurzreviews aller eingeladenen Produktionen

Text: Friedhelm Teicke

Zerstörungswut im Paradies: Ersan Mondtags Berner Inszenierung „Die Vernichtung“ – Foto: Birgit Hupfeld

Das Berliner Theatertreffen, das zugleich Branchentreffen, Talente-Campus und Exportmesse ist, gilt ungebrochen als Leis­tungsschau der Branche. Die Auswahl der siebenköpfigen Kritikerjury fußt stets auf dem vagen Adjektiv „bemerkenswert“, will ausdrücklich keine Bestenliste sein – und wird doch immer wieder genau so verstanden. Irgendwer muss im unübersichtlichen Theaterbetrieb halt sagen, was wirklich wichtig ist. Immerhin, Trends und rote ­Fäden des aktuellen deutschsprachigen Theaters lassen sich zumeist an der Auswahl ablesen.

Das Thema

Nachdem in den vergangenen beiden Jahren ­die bestimmenden Themen Krieg und Flucht waren, ist die durch Trump und popu­listische Bewegungen in Europa fröhlich ausgerufene Macht der Gefühle und Affekte, der alternativen Fakten und aggressiven Hassbotschaften, ein Faden der sowohl Claudia Beyers herrlich unpathetischen Leipziger Rückblick auf die Wendezeit „89/90“ als auch Ersan Mondtags „Die Vernichtung“ subtil durchzieht. Beyer spürt in ihrer anarchisch-ironischen Inszenierung  über die letzten Tage der DDR wie nebenbei auch nach, wie aus dem Aufbruch von „Wir sind das Volk“ das aggressivere „Wir sind ein Volk“ und darauf ein neuerstarkter rechter Nationalismus werden konnte. Und Mondtags bildersatte Endzeitfantasie zeigt, wie aus gelangweilten Hedonismus und Empathielosigkeit extremistische und destruktive Ansichten keimen. Der Nährboden für Trump & Co.

Internationale Vernetzung

Nicht nur unsere Wirtschaftswelt ist globalisiert, sondern auch die Kulturwelt, was sich  in den beiden Produktionen des Festivals ablesen lässt, die nicht von Stadtthea­tern sondern aus der Freien ­Szene stammen. Milo Raus „Five Easy Pieces“ hat zehn (!) internationale Kooperationspartner (darunter die ­Sophiensaele),  bei „Real Magic“ vom Theaterkollektiv Forced Entertainment sind es neun (darunter das ­HAU).

Die deutschen und europäischen Produktionshäuser sind stark miteinander vernetzt, auch weil sie mit immer weniger Geld auskommen müssen, so werden die Produktionen auf viele Schultern verteilt. Entsprechend entstehen immer mehr Inszenierungen, die sich für den internationalen Austausch eignen. Ein Treffen der „deutschsprachigen“ Bühnen ist das Theatertreffen deshalb also nur noch insoweit, als die Inszenierungen ihre Premiere in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gehabt haben müssen. „Five Easy Pieces“ ist auf flämisch (mit deutscher und englischer Übertitelung), „Real Magic“ ist auf Englisch. Ein Trend, der zum Standard wird.

Bilderwelten statt Erzähltheater

In manchen Inszenierungen wird auch gar nicht oder kaum noch gesprochen, es gibt gar kein narratives Storytelling. Etwa in Kay Voges „Die Borderline Prozession“, einem aufwändigen, sehr atmosphärischen Thea­terparcours zwischen Rauminstalla­tion, Performance und Medienkunst. Oder in Thom Luz’ „Traurige Zauberer“ vom Staatstheater Mainz, einer „stummer Komödie mit ­Musik“, die melancholisch gestimmt die versunkende Welt des Tingeltangels feiert, eine auch musikalisch satte Huldigung der Illusionsmaschine Theater.

Repetition als Konzept

Der in unseren tendenziell unkonzentrierten Zeiten eher vernachlässigten Kulturtechnik der Repetition wird gleich in zwei Stücken ausgiebig gefrönt. Forced Entertainment  wiederholt im vergnüglichen „Real Magic“ frei nach Samuel Becketts „Wieder scheitern, besser scheitern“ die selbe Szene immer wieder, allerdings in Variationen. Altmeister  Johan Simons treibt die Redundanz  in seiner Storm-Adaption „Der Schimmelreiter“ ins Mantrahafte. Dem Rezensent des Fachportals „nachtkritik.de“ war’s etwas zuviel: „Es gibt Schlimmeres, als Barbara Nüsse beim unheilvollen Sterben zuzusehen. Muss die arme Frau aber deshalb gleich sieben (!) Mal das Zeitliche segnen?“

6.–21.5., Haus der Berliner Festspiele, Rathenau-Hallen, HAU 2, Sophiensaele, Volksbühne. Karten-Tel: 25 48 91 00 (Mo-Fr 10–18 Uhr), ticketinfo@berlinerfestspiele.de Falls ausverkauft: Die Vorstellungen werden stets live ins Foyer übertragen
www.berlinerfestspiele.de

Die Top Ten

Ferienhaus, später: sehr heutiger Tschechow (v.l.n.r.: Liliane Amuat, Franziska Hackl, Barbara Horvath) – Foto: Sandra Then

THEATER BASEL

Die drei Schwestern

Tschechows Klassiker wird gespielt – aber ohne ein Wort daraus. Also auch kein „Nach Moskau!“. In Simon Stones rasant-­witziger Inszenierung trifft sich eine (post-)studentische Clique mit ihren Päckchen Sinnkrise in fröhlicher Oberflächlichkeit zur Sommerparty. ­Tschechow auf Speed.
6.+7.5., 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Eintritt 14–55 €


Bilderrausch: Uwe Schmieder, Paulina Alpen in „Die Borderline Prozession“ – Foto: Marcel Schaar

SCHAUSPIEL DORTMUND

Die Borderline Prozession

„Ein Loop um das, was uns trennt“ hat Regisseur Kay Voges seine Theater-­Film-Kunst-Installation im Untertitel genannt, in die man sich hineinbegeben muss. Die atmosphärische Theaterinstallation führt zu bespielten Räumen, starken Stillleben der Gleichzeitigkeit. Ein Bilderrausch, ein ­famoses Totaltheater.
7–11.5., 20 Uhr, Rathenau-Hallen, Wilhelminenhofstr. 83-85, Oberschöneweide. Eintritt 35 €


Der Name ist hier Programm: Forced Entertainment mit „Real Magic“ (v.l.n.r.: Jerry Killick, Claire Marshall, Richard Lowdon) – Foto: Hugo Glendinning

PACT ZOLLVEREIN, ESSEN

Real Magic

Als „eine Game-Show mit Sprung in der Platte“ beschreibt „nachtkritik.de“ mit ­einem leicht schiefen Bild diesen von den britischen Performern Forced Entertainment genial angerührten Abend. Irgendwo zwischen TV-Show-Satire und ­Beckettscher Tragikomödie pendelt die trotz zig Wiederholungen nie langweilige Inszenierung.
9.+11.5., 20 Uhr, 10.5., 17 Uhr, HAU 2, Hallesches Ufer 24, Kreuzberg. Eintritt 12–20 €


Tolle Kinder-Schauspieler spielen Grauenvolles: „Five Easy Pieces“ – Foto: Phile Deprez

CAMPO GENT / SOPHIENSAELE

Five Easy Pieces

Verstörend gut: Milo Rau lässt Kinder das ­Leben des belgischen Kindermörders Marc ­Dutroux nachspielen

Es ist eines der grauenhaftesten Kapitel der jüngeren belgischen Geschichte: In den 90er-Jahren entführte Marc Dutroux mehrere Mädchen und junge Frauen, vergewaltigte sie, ermordete vier von ihnen. Die pannendurchsetzte Fahndung erschütterte das Vertrauen der Belgier in ihren Staat nachhaltig. Autor-Regisseur Milo Rau lässt in „Five Easy Pieces“ sieben fabelhafte Kinderschauspieler von CAMPO aus Gent die zentralen Szenen des Dutroux-Falls nachspielen. Entstanden ist dabei ein erstaunlich leichter Abend über ein unglaublich schweres Thema, auch über Geschichte, Theater, Repräsenta­tion, Machtfragen.

Bei aller Raffinesse seiner Ebenen und Bezüge verstört er nachhaltig. Inhaltlich sind die Szenen unerträglich, allerdings machen die Kindern auf der Bühne deutlich, mit welchem Spaß sie sich in ihre Verwandlungs-Aufgabe stürzen. Eine Castingsituation bringt sie uns als erstaunlich reflektierte Persönlichkeiten näher. Zusätzlich Distanz schafft, dass sie nicht die realen Vorlagen nachspielen, sondern Filmszenen, die mit Erwachsenen nach der Realität gedreht wurden. Viele Brüche also, die notwendig sind, damit man den Abend aushält. Oft ist einem übel. Aber die Kinder lächeln beim Applaus – und tragen so einen späten Sieg über Dutroux davon. GEORG KASCH

13.5., 20 Uhr, 14.5., 15 Uhr, Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Eintritt 15 €
20.5., 17 Uhr, 21.5., 14.30 Uhr. Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf,
Eintritt 15 €


Schicksal und Tod in epischer Breite: „Der Schimmelreiter“ – Foto: Krafft Angerer

THALIA THEATER HAMBURG

Der Schimmelreiter

Johan ­Simons inszeniert Theodor Storms ­Novelle um Tod und schicksalshafte Unvermeindlichkeit meditativ wie ein Man­tra. Das ist in seiner Konsequenz beeindruckend, aber – trotz wunderbarer Schauspieler wie Jens Harzer und Barbara Nüsse – über rund drei Stunden auch ein bisschen langweilig.
9. 5., 19 Uhr, 10.5., 19.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 14–55 €


The Show must go on: Antonia Labs und Ulrike Beerbaum in „Traurige Zauberer“ – Foto: Andreas Etter

STAATSTHEATER MAINZ

Der traurige  Zauberer

Der schweizerische Regisseur Thom Luz beschreibt melancholisch eine versunkene Welt: den Tingeltangel. Zuerst nur als Echo seiner selbst, mit Applaus vom Band, der Zuschauerraum leer, das Publikum sitzt auf der Bühne, halten ein paar Gaukler die Illusion aufrecht – und singen. Bezaubernd schön. Wie der ganze Abend.
17.5., 19.30 Uhr, 18.5., 16+21 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 14–55 €


Maskenmenschen im Gesellschaftsumbruch (v.l.n.r.: Annett Sawallisch, Andreas Dyszewski, Anna Keil, Denis Petković, Tilo Krügel, (als Projektion:) Wenzel Banneyer) – Foto: Rolf Arnold

SCHAUSPIEL LEIPZIG

89/90

Claudia Bauer verzichtet in ihrer Inszenie­rung von Peter Richters Wenderoman „89/90“ fast vollständig auf DDR-Requisiten. Statt DDR viel DADA – und Musik. Richters autobiografisches Ich-Erleben verallgemeinert sich im Kollektiv von bizarren Maskenwesen und 24-köpfigen Leipziger Bürgerchor zum irren Spiel wegbrechender Koordinaten.
14. + 15.5., 19.30 Uhr, Haus der Berliner ­Festspiele, Eintritt 14–55 €


Wie aus einem Werk von Ernst-Ludwig Kirchner:  Szene aus „Die Vernichtung“ mit Deleila Piasko, Sebastian Schneider – Foto: Birgit Hupfeld

KONZERTTHEATER BERN

Die Vernichtung

Pure Schaulust bietet das Szenario eines überbodenden Paradiesgartens mit Teich und Schaukel, in dem sich vier nackte Menschen hedonistisch tummeln. Doch im Setting der Genesis herrscht bereits Endzeitstimmung. Zwischen Sex, Drugs & Technoparty planen gelangweilte junge Leute den Weltuntergang. Sozialprognose negativ. Eine bildmächtige Dystopie.
20.5., 20 Uhr, 21.5., 17 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 14–55 €


Die Volksbühne als Spaßbad: „Pfusch“ von Herbert Fritsch – Foto: Thomas Aurin

VOLKSBÜHNE BERLIN

Pfusch

Herbert Fritsch zitiert in seiner letzten Volksbühne-Inszenierung vergnüglich eigene Arbeiten

1993, als der Schauspieler Herbert Fritsch noch kein gefeierter Regisseur war, inszenierte er bei einer Beckett-Spektakelnacht in der Volksbühne „Die rausfallenden alten Weiber“ von Daniil Charms. Darin stürzte das gesamte Volksbühne-Ensemble in schrulligen Frauenklamotten nacheinander durch ein Bühnenbildfenster. An diesen Beginn seiner Regielaufbahn  erinnert Fritsch in seiner Abschieds­inszenierung an der Volksbühne, wenn er sein in Perücken und Rüschenkleidchen ausgestattetes Ensemble von einem sich drehenden Rohr stürzen lässt.

Es wird noch oft aufs Kunstvoll-komischste gestolpert und gefallen an diesem Abend – der Erzkomödiant Wolfram Koch etwa stürzt kraftmeiernd vom Sprungbrett in ein Bassin ab – und irgendwie handelt Fritschs Thea­ter ja immer vom Glück des Stolperns. Eine Ära endet an der Volksbühne, schade und „tschüss“, aber wir rappeln uns wieder auf, woanders öffnet sich eine neue Tür: An der Schaubühne wird es für Fritsch und sein Ensemble weitergehen. Zuvor war das Bassin lange ein Bodenloch in der Drehbühne, Zitat des Abgrunds aus Fritschs „Apokalypse“, dann wurde es als Trampolin-Spielfläche zur Erinnerung an „(S)panische Fliege“. Zwischendurch ist „Pfusch“ sehr lange auch schönster Konzert-Pfusch an zehn Klavieren, angeführt von Fritschs Stammmusiker Ingo Günther. Irgendwann schreibt jemand „Schön!“ aufs Bühnenbild­rohr. Wie treffend! FRIEDHELM TEICKE
18.5., 19.30 Uhr, 21.5., 17 + 21.30 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Eintritt 16–40 €


An Förderbändern festgezurrte Schauspieler in „Die Räuber“, vorne: Valery Tscheplanowa – Foto: Jakub Jelen

RESIDENZTHEATER MÜNCHEN

Die Räuber

Am Bühnenbild aus Förderbändern haben die Techniker ein Jahr lang gearbeitet. So aufwändig, dass Ulrich Rasches Schiller-Inszenierung nun „aufgrund des technisch sehr anspruchsvollen Bühnenbildes“ nicht in Berlin live aufgeführt werden kann. Stattdessen wird eine Preview der 3sat-Aufzeichnung als Screening gezeigt.
21.5., 19.30 Uhr (Preview der TV-Aufzeichnung), Haus der Berl. Festspiele, Eintritt 5 €

 

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