THEATERTREFFEN 2019

Solides Gipfeltreffen

Es ist wieder Theatertreffen im Mai. Welche ­aktuellen Trends und Themen der deutschsprachigen Theaterlandschaft lassen sich an der Auswahl ablesen?
Dazu: Kurzbeschreibungen aller eingeladenen Produktionen (hier klicken)

3sat-Preis aber keine TT-Aufführung: Die Drehscheiben-Bühne von Ersan Mondtags „Das Internat“ aus Dortmund kann in Berlin leider nicht aufgebaut werden – Foto: Birgit Hupfeld

Text: Friedhelm Teicke

Es ist ein Ritual. Wenn die ­siebenköpfige Jury des Theatertreffens die ihrer Meinung nach zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des letzten Jahres verkündet, setzt sofort das Gemäkel ein – über all das, was fehlt, womöglich übersehen oder verkannt wurde. Das ist natürlich auch dieses Jahr nicht anders. Die alljährliche Erregung gehört eben zum Ritus der Szene wie die ­Freude auf das Festival selbst, das längst mehr als eine Leistungsschau deutschsprachigen Theaterschaffens ist. Es ist zugleich Branchentreffen, Talente-Campus und Export­messe.

Mit seinen flankierenden Programmen Stückemarkt, den Nachwuchs-Workshops, Debatten, Preisverleihungen und Empfängen ist das Theatertreffen, das seit 1964 jährlich in (West-)Berlin stattfindet, nach wie vor das wichtigste Festival hierzulande. Die diesjährige Auswahl der Jury ist solide: drei Mal ­Osten, drei Mal Berlin, keine Provinz – gibt es wirklich nichts Spannendes in den vielen Stadttheatern jenseits der Metropolen?

Dreimal Freie Szene

War im vergangenen Jahr gar keine Aufführung aus der Freien Szene zum Theater­treffen eingeladen, so haben es in diesem Jahr dafür gleich drei Arbeiten von dort in die Zehner-Auswahl geschafft. Das Performancekollektiv She She Pop ist mit ­seiner HAU-Produktion „Oratorium“ dabei (die Gruppe erhält im Rahmen des Thea­ter­treffens auch den Theaterpreis Berlin 2019), der Schweizer Bühnennebelzauberer Thom Luz hat für „Girl from the Fog ­Machine ­Factory“, das er am Züricher Produk­tions­haus Gessnerallee herausgebracht hat, die begehrte Einladung erhalten, und von den Sophiensaelen kommt Thorsten Lensings starbesetzte David-Foster-Wallace-Bearbeitung „Unendlicher Spaß“. Die ­Inszenierung zählt übrigens auch zu den ­ausgewählten Theaterhighlights des Jahres 2018 der ­Zitty- Kritiker*innen.

Trend Mischmodelle

Auffällig, aber inzwischen häufig Praxis in der Freien ­Szene: Diese Inszenierungen entstanden durch die gemeinsame Anstrengung von bis zu elf Kooperations­partnern. Durch die Verteilung der Kosten auf viele Schultern werden viele Produktionen überhaupt erst möglich, die ein einziges Haus ­finanziell nicht stemmen könnte. Hier zeigt sich auch die zunehmende Vernetzung von freien Produktionshäuser und Stadttheatern. Lensings „Unendlicher Spaß“ etwa koproduzierten neben den Sophiensaelen auch das Schauspiel Stuttgart, das Schauspielhaus Zürich, die Ruhrfestspiele Recklinghausen, das Thea­ter im Pumpenhaus Münster, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, Hellerau Dresden und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg. Das bewirkt, dass die Produktionen von vorneherein stets tourfähig sein müssen.

Trend Monsterbühnen

Das ist bei Stadttheater-Inszenierungen nicht unbedingt einkalkuliert. So konnten in der Vergangenheit immer wieder eingeladene Produktionen beim Theatertreffen nicht gezeigt werden, weil die aufwändigen Bühnenbilder sich nicht nach Berlin verpflanzen ließen. Vor zwei Jahren betraf das Ulrich Rasches Münchner „Räuber“-­Inszenierung – das Bühnenbild aus riesigen ­Walzen war nicht transportfähig.

In diesem Jahr kann Ersan Mondtags „Das ­Internat“ vom Theater Dortmund nicht ­gezeigt werden. Das vielräumige und perspektivreiche Drehbühnenbild hätte allein eine Woche Aufbauzeit benötigt. Doch so viele Schließ­tage lässt die Logistik eines Festivals nicht zu. Bitter für Ersan Mondtag, der damit auch um die Fernsehaufzeichnung seiner Inszenierung gebracht wird. Immerhin wird er auf dem Festival mit dem 3sat-Preis für „Das Internat“ ausgezeichnet.

Trend Stücküberschreibungen

Die Überschreibung älterer Dramen scheint weiter im Trend zu liegen, wie die Auswahl zeigt. Klassikerinszenierungen schaffen es nur neugetextet aufs Theatertreffen wie mit Simon Stones „Hotel Strindberg“ aus Wien oder Peter Lichts Neufassung von Molières „Tartuffe“ für das Theater Basel, inszeniert von Claudia Bauer.

Im Diskurs-Programm des Theatertreffens TT-Kontext wird auf einer dreitägigen Konferenz die Gendergleichberechtigung im Theater untersucht. Die Studie „Frauen in Kultur und Medien“ der Kulturstaats­ministerin Monika Grütters hat 2016 da ein deutliches Manko aufgezeigt. Dass sich da inzwischen etwas tut, ist ein erfreulicher Trend.

3.–20.5., Haus der Berliner Festspiele, Schaper­str, 24, Wilmersdorf, sowie Sophiensaele, Volksbühne, HAU 2, Deutsches Theater ­Kammerspiele. Karten-Telefon: 030 25 48 91 00
www.berlinerfestspiele.de

Die Top Ten

Die eingeladenen Produktionen

Im Dauerdisput: Martin Wuttke, Caroline Peters – Foto: Sandra Then

BURGTHEATER WIEN
Hotel Strindberg
Simon Stones Panorama gleich mehrerer Werke des schwedischen Schriftstellers August Strindberg eröffnet das Theatertreffen. Zusammengehalten werden die ins heute „überschriebenen“ Ausschnitte und Motive durch den Ort: ein Hotel, das dreistöckig Räume für diverse Beziehungsdramen eröffnet. Grandios vom Ensemble um Caro­line Peters und Martin Wuttke gespielt, was das Publikum über vier Stunden in ein Wechselbad der Gefühle treibt. -icke


3.5., 18 Uhr, 5.5., 17 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 15–56 €


Virtous: Devid Striesow und Ursina Lardi – Foto: David Baltzer

SOPHIENSAELE BERLIN
Unendlicher Spaß
Aus David Foster Wallaces 1.500-Seiten-­Wälzer haben Regisseur Thorsten Lensing und Dirk Pilz eine Bühnenfassung erstellt, die das Episodenhafte des Romans gelungen in ein Nummernprogramm überführt. Natürlich ist das nicht unter viereinhalb Stunden zu schaffen, die aber sind ungemein kurzweilig – auch Dank des überaus spielfreudigen Ensembles um Ursina Lardi und Devid Striesow. -icke

4.5., 19 Uhr, 5.5., 18 Uhr, Sophiensaele, Eintritt 27-30 €; 18.5., 19 Uhr, 19.5., 18 Uhr, Volksbühne, 10-30 €


Feier der Flüchtigkeit: Musikalische Nebelbilder – Foto: Sandra Then

GESSNERALLEE ZÜRICH
Girl from the Fog Machine Factory
Für den ausgiebigen Einsatz der Nebelmaschine ist der Schweizer Thom Luz bekannt. Nun wird sie selbst gleich zum Thema der Geschichte: die Belegschaft einer Nebelmaschinenfabrik mit dürftiger Auftragslage sucht in der Erstellung flüchtiger Nebelskulpturen die Rettung. Ein poetischer Abend über das Glück der Verpuffung und die Vergänglichkeit des Schönen. -icke

6.5., 20 Uhr, 7.5., 17 + 21 Uhr, Haus der ­Berliner Festspiele, Eintritt 25–30 €


Zwei Frauen: Karin Lithmann, Corinna Harfouch – Foto: Arno Declair

DEUTSCHES THEATER BERLIN
Persona
Kühl und künstlich gerät Anna Bergmann die Adaption des Filmes ihres Namensvetters Ingmar Bergman. Corinna Harfouch spricht, Karin Lithmann schweigt und lächelt (bei der Premiere im Malmö Stadsteater in Schweden war’s andersrum), zwei herbschöne Frauen, die sich zunehmend in einen Psycho-Krieg verbeißen. Bergmann brutalisiert den Konflikt, findet schöne Theater-Spiegelbilder, thematisiert das Voyeuristische des Theaters.GK

9.+10.5., 20 Uhr, 18.+19.5., 19.30 Uhr, Deutsches Theater Kammerspiele, Eintritt 23–30 €


She She Pop mit einem Chor der Delegierten – Foto: Benjamin Krieg

HAU BERLIN
Oratorium
Viel Energie steckt in dieser Lehrstück-­Parodie frei nach Brecht. Bist Du Erbe und kannst Dir eine Eigentumswohnung leisten? Oder gehörst Du zu denen, die früher oder später ausziehen müssen? Gestellt werden die Fragen aus dem Publikum, das sich bald in Gruppen aufteilt: die Mütter ohne Absicherung, Männer ohne festes Einkommen, die Erben. Erstaunlich ­versöhnlich das Ende: Wir müssen die ­Unterschiede aushalten. GK

10.5., 12.–14.5., 20 Uhr, HAU 1, Eintritt 15–37 €


Berauschend: Antikes Theater als Volksfest – Foto: Julian Baumann

MÜNCHNER KAMMERSPIELE
Dionysos Stadt
Zehn Stunden dauert dieser Antikenmara­thon von Christopher Rüping. Doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn Rüping mixt abwechslungsreich und heiter die Genres, springt von Satyrspiel zu Tragödie, macht die Orestie zur Sitcom und das Nach- zum Fußballspiel (sic!). Klar, dass auch die Trennung zwischen ­Bühne und Zuschauer obsolet ist. So lässt eine Raucherbank auf der Bühne auch Nikotinabhängige die Mammutauf­führung durchstehen. BS

11.5., 14 Uhr, 12.5., 13 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 15–56 €


Exzessiv: Moritz Kieneman, Torsten Ranft, Luise Aschenbrenner – Foto: Sebastian Hoppe

Staatsschauspiel Dresden
Erniedrigte und Beleidigte
Sebastian Hartmanns assoziative Dostojew­ski-Bearbeitung sprengt erstarrte Thea­ter­kon­ventionen und fordert den Zuschauer her­aus. So wird am Ende gleichermaßen gebuht und gejubelt – aber kalt lässt dieser knapp dreistündige Bilderexzess niemanden. Der Castorfgeschulte Hartmann kreuzt Dostojewski mit Wolfram Lotz’ Hamburger Poetikvorlesung zu einem Theater mit Wumms. FT

13. + 14.5., 19.30 Uhr, Volksbühne, Eintritt 15–56 €


Alles Schweine in PeterLichts Tartuffe-Version – Foto: Priska Ketterer / Theater Basel

THEATER BASEL
Tartuffe oder das Schwein der Weisen
Von Molières Orginaltext über einen heuchlerischen Tugendmann ist in Peter­Lichts heutiger Überschreibung ­keine Zeile geblieben, stattdessen wird im ­Jargon einer irgendwie studentischen Szene-­Jugend gesprochen und das überaus schnell. Ein Hauch Pollesch weht durch Lichts groteske Sprachkritik, von Claudia Bauer opulent und rasant inszeniert.  BS

14. + 15.5., 19.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 15–56 €


Fordernd: Johannes Nussbaum, Moritz Kienemann – Foto: Sebastian Hoppe

STAATSCHAUSPIEL DRESDEN
Das große Heft
Mit seiner Romanadaption von Ágota Kristófs Erzählung über die grausame Überlebensstrategie zweier Zwillingsbrüder ist Ulrich Rasche zum dritten Mal in Folge zum Theatertreffen eingeladen. Wieder fordert sein Drehbühnenbild aus zirkulierenden Scheiben die Protagonisten über vier Stunden schon körperlich heraus, er vervielfacht das Zwillingspaar zur Gruppe, fügt aus Musik, Licht, Bühne und Schauspiel einen enorm suggestiven Abend. -icke

19.5., 20 Uhr, 20.5., 19 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, Eintritt 15–56 €


Opulent: Philipp Joy Reinhardt (vorn), Ensemble – Foto: Birgit Hupfeld

SCHAUSPIEL DORTMUND
Das Internat
Dass Ersan Mondtags optisch ­markante, quälend langsame erzählte Höllenvision einer ihre Fehler ständig wiederholenden Menschheit aus technischen ­Gründen ­leider nicht in Berlin gezeigt werden kann, sorgte für Unmut, auch beim Regisseur. Der Ärger ist nachvollziehbar, zumal so auch die TV-Aufzeichnung durch 3sat nicht stattfinden kann. Immerhin ein Trost bleibt: Mondtag bekommt den 3sat-Preis für „Das Internat“. -icke

4.5., 11.30 Uhr, Verleihung 3sat-Preis an Ersan Mondtag und Theatertreffen-Ehrung