Meinungsverschiedenheiten

Thema: Bazillen killen

Love and Hate


Daredevil mit Plauze 

Eines mal vorweg: Ich bin kein Hygiene-­Fanatiker! Meine Kinder durften auf dem Spielplatz Sand futtern (kommt ja alles wieder raus), ich selber neige dazu, an den Tagen, an denen ich Home Office betreibe, nicht zu duschen. Und ich rasiere mich nur einmal in der Woche.

Auf der anderen Seite bin ich leider so eine Art Daredevil, nur halt mit Plauze: Die Augen bringen’s im Alter nicht mehr wirklich, dafür ist eine Fahrt mit U- oder S-Bahn für mich eine olfaktorische Zumutung, die mich zum Hygiene-Vigilanten macht: Ich möchte Care-Pakete mit Seife und Deo verteilen, und nach der Fahrt habe ich oft das dringende Bedürfnis, in Sagrotan zu baden. Oder wenigstens eine Zigarette zu rauchen.

Foto: Gerd Metzner

Lutz Göllner wird in diesem Leben kein Fan des ÖPNV mehr und findet Hygiene eigentlich voll okay

So wie der Typ im Pfeffer-und-Salz-Mantel, der letzte Woche neben der Waggontür stand und aussah wie ein ­Komparse aus „Stalker“: Der verströmte einen Duft, als hätte er gerade den Aschenbecher ­einer Eckkneipe auf Ex ausgeleckt. Ich gehe ­etwas weiter in den Waggon hinein und treffe auf zwei Herren, die gerade das Frühstück der Champions zu sich genommen haben: Zwiebelmett, ein schönes, altes, abgestandenes Bier und zum Runterspülen einen Korn. 

Der Kollege in der Lederjacke riecht ganz leicht nach Urin, und als ich mich hinsetze, sitzt mir ein junger Mann gegenüber, der offensichtlich gerade einen schleichenden Furz gelassen hat. Oder einen Falschen Freund … ach, lassen wir das. Die Dame ­neben ihm hat schweren Husten, hält jedoch nichts davon das Spuckesprühen eventuell mit einer Hand einzudämmen.

Ich möchte bitte sofort eine Grippe- Impfung. Ach was: zwei! In jedem Arm.

Sauber bleiben mit Verstand

Neulich vor einem Supermarkt. Neben dem Unterstand für die Einkaufswagen steht ein Metalleimer, aus dem weiße Feuchttücher wachsen. Es ist ein Spender für Desinfektionstücher, mit denen die Haltegriffe der ­Wagen gereinigt werden können. Dort, so haben Wissenschaftler herausgefunden, würden jede Menge Bakterien und Viren lauern, um den nächstbesten Nutzer mit Grippe oder Fäkalkeimen zu verseuchen.

Doch auch die Supermärkte selbst ­seien schlimmste Keimschleudern, allen voran die Obst- und Gemüseabteilungen. Immerhin kommt die Kundschaft mitunter auf die eklige Idee, ausliegende Äpfel oder Tomaten mit ihren bloßen Händen zu berühren. Wie gut, dass der Lebensmittelhandel dem weitgehend einen Riegel vorgeschoben hat: Ohne Plastikhülle ist im Supermarkt kaum noch eine Frucht zu haben.

Foto: F. Anthea Schaap

Eva Apraku glaubt, dass Hygiene-Hysterie überflüssig ist und mehr schadet als nützt

Ende der Ironie. Natürlich ist es wahnhaft, sich permanent von einer Armada an Bakterien und Viren attackiert zu sehen. Und sich, wie in hippen Berliner Familien­kiezen zunehmend zu beobachten, alle ­Augenblicke die Hände zu desinfizieren. Abgetötet werden mit der Desinfektionswut auch die guten Bakterien, die schützende Hautflora. Und die Möglichkeit unserer Körper, gegen Alltagskeime Immunität zu entwickeln. Einfaches Händewaschen reicht im Normalfall zum Schutz vor Erregern. So wie auch das Waschen von Obst und Gemüse die meisten Keime verschwinden lässt. Alles andere – Plastikverpackungen, Desinfektionmittel – sorgen nur für Vermüllung.

Der schlimmste Keim mit all seinen giftigen Absonderungen ist ohnehin der Mensch. Jedenfall, wenn man es aus der Perspektive des Planeten Erde sieht.