Meinungsverschiedenheiten

Thema: Billigflüge

Klima als Klassenfrage

Von allen Möglichkeiten, sich fortzubewegen, ist der Flug die schlimmste für das Klima. Unverschämt billig ist sie dennoch. Fehlende Kerosin- und Mehrwertsteuer sowie der mörderische Kampf der Billig­linien drücken die Preise. Die Euro, die die Einzelnen sparen, zahlt die Gesellschaft in Milliar­denhöhe drauf: mit Investitionen in Küstenschutz, Schadensbehebung nach Stürmen und Dürren. Und doch geht eine simple Verteuerung am Problem vorbei. Sie vergrößert nur die soziale Kluft. 

Claudia Wahjudi mutet dem Klima 2019 rund 800 Kilometer Billigflug zu
Foto: F. Anthea Schaap

Billigflüge haben das Reisen demokratisiert und bringen Gesellschaften zusammen. So spenden Menschen lieber für Erdbebenopfer in Regionen, in denen sie einmal Urlaub gemacht haben. Arbeitsmigrant*innen können ihre Familien daheim besuchen, junge Menschen starten zu einer Ausbildung im Ausland. Sie alle träfen höhere Preise sehr. Die wirklichen Viel­flieger aber würden sie sich leisten können: Vertreter*innen von Politik, Wirtschaft und Kultur, die oft nicht selbst für Tickets zahlen, Wohlhabende mit Zweithaus im Süden. Dem Klima wäre kaum geholfen. 

Aus dem schonenden Wasserstoffflugzeug wird derzeit noch nichts. Wir brauchen also innovative Maßnahmen.  Selbstredend viele bezahlbare, schnelle Bahnverbindungen. Aber auch: keine Steuervergünstigungen für Geschäftsflüge mehr, Videokonferenzen statt Meetings am Gate, neue Richtlinien für Reisekostenzuschüsse in der Kulturförderung. Zum Beispiel. Die „Flugscham“ muss Geschäftsleute, Staatsspitzen, Influencer, Festivalstars erröten lassen. Wenn sich Klima- wie Klassenfrage nicht gegenseitig blockieren sollen, müssen sie zusammen gelöst werden. Und zwar zügigst.

Keine Billigflüge für Niemand

11,7 Milliarden Euro. Das ist die Summe, mit der der deutsche Staat den Flugverkehr direkt und indirekt subventioniert: durch die fehlende Kerosinsteuer, durch die Mehrwertsteuerbefreiuung im Duty-Free-Bereich und durch Subventionen für die Infrastruktur um Flughäfen. Die Zahlen sind von 2012.  Die Fluggastzahlen sind seitdem kontinuierlich gestiegen. 

Xenia ­Balzereit fährt ­lieber gar nicht nach Wien, als zu fliegen
Foto: F. Anthea Schaap

Jeder weiß: Das Flugzeug ist das schädlichste Fortbewegungsmittel für die Umwelt. Ja, Billigflieger haben das Reisen demokratisiert. Seit der Jahrtausendwende können immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen für einen Städtetrip nach Lissabon oder an den Strand nach Sizilien fliegen. Eigentlich ein wichtiger Schritt hin zur Chancengleichheit für Bürger*innen. Aber in die falsche Richtung: Das Ziel sollte sein, dass niemand mehr mit Flugzeugen fliegt, solange sie so umweltschädlich sind, und nicht alle. Denn wenn wir so weitermachen, gibt’s vielleicht bald keinen Strand mehr auf Sizilien. Gerade gehen jeden Freitag Tausende von Schüler*innen für ihre und unsere Zukunft auf die Straße. Sie haben verstanden, dass uns keine Zeit mehr bleibt, wenn wir unsere Zivilisation in dieser Form behalten wollen. Dass wir unseren Lebensstil radikal ändern müssen. 

Dazu gehört auch Verzicht. Verzicht auf die zweite Flugreise im Jahr oder das Wochenende in Wien, wenn es mit dem Zug zu lange dauert. Manchmal frage ich mich, ob alle vergessen haben, wie es früher war, als wir mit dem Zug oder Auto nach Köln gefahren sind. Oder eben gar nicht. Was noch dazu gehört: Maßnahmen der Politik. Fliegen muss besteuert und Zugfahren billiger werden. Dann können auch alle reisen.