Meinungsverschiedenheiten

Thema: Soziale Kontrolle

Love and Hate

Love:

Hallo! Ja, Sie da! Wir kennen uns vielleicht. Ich bin die Frau, die neulich an Ihr Autofenster geklopft hat, als Sie parkend bei laufendem Motor eine Whatsapp-Nachricht in Ihr Handy eintippten. Ob Sie der Welt nicht überflüssige Abgase ersparen könnten, indem Sie den Motor ausstellen, habe ich gefragt. Oder trafen wir uns an der Bushaltestelle, als Sie gerade Ihren Einweg-Kaffeebecher in Gebüsch kickten? Ich holte ihn wieder heraus, marschierte damit demonstrativ zum Abfalleimer und verkündete, dass ich diesen „schwierigen Job“ natürlich gerne für Sie übernommen habe.

Eva Apraku interessiert sich für Ihre Umgebung und die Menschen, die dort leben. Auch wenn’s andere manchmal nervt

Foto: F. Anthea Schaap

In Berlin sollen die Bußgelder für achtlos fallengelassene Zigarettenstummel, für in die Landschaft geworfene To-Go-Becher oder für illegal „entsorgten“ Sperrmüll deutlich erhöht werden. Was ich richtig finde. Denn viel zu oft leidet die Umwelt – und damit wir alle – unter einer Bequemlichkeit, die für mich nicht nachvollziehbar ist. Diese Leute verhalten sich so, weil sie es können.

Natürlich wünsche ich mir in dieser Hinsicht mehr Ahndung durch Gesetzeshüter. Aber einen Polizeistaat, der überall seine Augen hat, wünsche ich mir keinesfalls. Stattdessen mehr menschliches Interesse aneinander und an der Umgebung. Soziale Kontrolle nennt man das wohl. Ich aber verstehe darunter, dass einem die Nachbarschaft, der Kiez, das Land und auch der Planet nicht gleichgültig sind. Dass man mitunter daran erinnert, auf welche gemeinsamen Werte wir uns geeinigt haben.

Spießig? Egal! Uncool sein ist für mich ohnehin die wahre Coolness, weil es deutlich mehr Mut erfordert. Und sollten Sie einmal nachts während einer U-Bahn-Fahrt durch andere in Bedrängnis geraten – oder gar hilflos auf dem Bürgersteig liegen –, dann können Sie sicher sein, dass ich mich nicht vom Ort des Geschehens davonstehlen werde, sondern mindestens die Polizei beziehungsweise einen Krankenwagen rufe. Soziale Kontrolle heißt für mich auch, Sie nicht im Stich zu lassen.

Hate:

Es ist der Blick der vielen Aufpasser auf den Straßen der Stadt, der mich stört. Wachsam wie die Augenpaare von Undercover-Ermittlern. Ich fühle ich mich verdächtigt und ertappt. Fast verurteilt. Dabei habe ich mich regelkonform verhalten, bin mindestens so unschuldig wie die großen Verfolgten der Menschheitsgeschichte, Josef K., Iwan Dennissowitsch, Ai Weiwei.

Philipp Wurm fühlt sich
von den notorischen Aufpassern im öffentlichen Raum vorverurteilt

Foto: Lena Ganssmann

Klar, in Gefängnisse wie diese Anti-Helden werde ich nicht gesperrt, und ich bin genauso weit davon entfernt, ein totalitäres System erleiden zu müssen. Aber ein Gefühl bleibt: unter Beobachtung zu stehen.

Ein Empfinden, das in keinem Verhältnis zur Mission der Kontrollfreaks steht. Es geht ihnen oft um Bagatellen. Die Zigarette, die auf den Asphalt geschnippt wird; die Füße, die in U-Bahnen auf Sitzen ruhen; die Beat-Box, aus der Rap-Tracks quillen. Oder, der Dauerbrenner im Verkehr: radelnde Ausflügler auf dem Bürgersteig.

Natürlich verfolgen viele Geistesgegenwärtige auch gute Absichten. Sie wollen unter die Arme greifen, wenn eine alte Frau mit Gehwagen eine Treppe besteigen muss und der nächste Aufzug drei S-Bahn-Haltestellen entfernt ist. Oder Zivilcourage zeigen – wenn etwa Menschen aus der Black Community von Rassisten angepöbelt werden. Aber um in solchen Fällen zu helfen, braucht es keine Big-Brother-Attitüde.

Da sollten Eigenschaften wie Anstand, Empathie und Kooperationsbereitschaft greifen. Der spähende Blick ist dagegen das Verhalten von Sicherheitsbeauftragten – und bildet die Kehrseite der Medaille. Der öffentliche Raum wird gerastert.

Ein Visier, unter dem diejenigen, die aus den Normen der Mehrheitsgesellschaft fallen, optisch, habituell oder sonstwie, jeden Tag leiden. Dann versinke ich lieber im Flow der Musik aus meinen Kopfhörern. Und vertraue meiner Intuition.