Literaturverfilmung

Tigermilch

Zwei 14-jährige Antiheldinnen stolpern in der Filmadaption von Stefanie de Velascos Roman durch Berlin

Poesie und Pöbelei liegen eng beieinander, zumindest in der Welt von Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche). In der deutschen Sprache, sagt Jameelah, gebe es Wörter, die wie ein Zauber wirkten: „Wenn man die ausspricht, bleibt die Welt stehen.“ Noch während man nachdenkt über diese These, erprobt Jameelah ihre ­Behauptung ­inmitten des Berliner Straßen­trubels: „Jude!“, ruft sie laut, „Nazi!” ­„Scheide!“, ­ergänzt Nini, und Jameelah soll Recht ­behalten: Die Welt bleibt stehen. Alle gucken. Nini und Jameelah rennen. Es ist eine Szene, die viel erzählt über die 14-jährigen Protagonistinnen der Romanverfilmung „Tigermilch“: über die genaue Beo­bachtungsgabe dieser beiden Mädchen, die so gern schon erwachsen wären. Über ihre Schamlosigkeit, ihre Lust an der puren ­Provokation.

Vier Jahre ist es her, dass der ­Roman „Tigermilch“ die Berliner Autorin und ­ZITTY-„Stadtschreiberin“ Stefanie de Velasco bekannt machte. Ein Berlinbuch war das, ein Coming-of-Age-Buch, wie seit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ kaum eines veröffentlicht wurde. In ihrem Romandebüt blickt de Velasco nach Wilmersdorf, wo es eben nicht nur Grunewald-Villen, sondern auch soziale Probleme gibt.

Endlich Ferien

So auch in Ninis dysfunktionaler ­Familie: Der Vater ist weg, die Mutter ­depressiv, die kleine Schwester säuft heimlich. Ihre Versetzung in der Schule wird Nini nur knapp schaffen, aber das ist egal, schließlich stehen die Sommer­ferien an. Und Nini hat ­einen Plan: Das „Projekt ­Defloration“ steht an. Endlich Sex haben, davon träumen Nini und ihre beste Freundin Jameelah, die in Deutsch die besten ­Noten schreibt, obwohl sie keinen deutschen Pass besitzt. Jameelah und ihre Mutter stammen aus dem Irak – und wollen unter keinen Umständen zurück. Die Angst vor der Abschiebung ­begleitet sie jeden Tag.

Tigermilch
Tigermilch
Foto: Constantin Film Verleih GmbH

Nini und Jameelah klauen und kiffen, sie pöbeln und verarschen dreist die Freier auf dem Straßenstrich an der Kurfürsten­straße. Und sie trinken auf dem Schulklo wie auf ­Partys die titelgebende „Tigermilch“ – ein furchterregendes Gemisch aus Milch, ­Maracujasaft und Weinbrand.

Völlig ungeeignet sind diese verhaltens­auffälligen Großstadtmädels selbst­redend als Role Models. Und doch lässt die erfahrene Regisseurin Ute Wieland, bekannt durch Filme wie „FC ­Venus“, den moralischen ­Zeigefinger meist unten. Gut so: ­Diesen ­Girls vom Block, die von bürger­licher ­Moral so weit entfernt sind wie ihre Eltern vom deutschen Durchschnittseinkommen, beim Denken, Scheitern und Bereuen zuzusehen, begründet den Reiz von „Tigermilch“. Dem rauen und zärtlichen Ton Stefanie de Velascos (im Film in einem Cameo als Krankenschwester zu ­sehen!) wird allein die Fernseh-konforme ­Inszenierung kaum gerecht. Ähnlich bemüht wie eine Tante, die sich ungelenk dem Slang ihrer Nichten und Neffen bedient, wirkt diese Hochglanz-Milieu­studie in manchen Momenten.

Nichts für Voyeure

Zugute halten muss man Ute Wieland ­jedoch, dass es ihr glückt, die erwachende Sexualität frühreifer Mädchen ­darzustellen, ohne Voyeur-Sehnsüchte zu bedienen. Und das trotz der Besetzung mit Schauspielerinnen, die nicht wesentlich älter sind als ihre Filmfiguren. Wenn die dicke ­Schminke dann runter ist, stehen plötzlich Kinder vor dem Zuschauer. Kinder mit wilden Träumen und dummen Ideen, die sich – allen gesellschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz – auf den Weg ins Leben machen. Klar, dass ­dieses Leben manche befremden mag.

D 2017, 106 Min., R: Ute Wieland, D: Flora Li Thiemann, Emily Kusche, Narges Rashidi, David Ali Rashed, Luna Zimic Mijovic

Tigermilch

Die Buchkritik:

Stefanie De Velasco: Tigermilch

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