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Tim Renner – der neue Kulturstaatssekretär

Tim Renner heisst der neue Kulturstaatssekretär. Eine Personalentscheidung,
die einen Paradigmenwechsel in der Berliner Kulturpolitik einleiten könnte

Super Idee. Muss man einfach mal sagen. Da hatte der Regierende Bürgermeister, der zuletzt eher amtsmüde und nur mehr selten spritzig wirkte, einen Geistesblitz: Tim Renner wird neuer Kulturstaatssekretär – und ist damit de facto Berliner Kultursenator, ein Job, den Klaus Wowereit neben seinem Bürgermeisteramt zwar offiziell bekleidet, aber bislang eher beiläufig ausfüllte. Man kann das ruhig als Befreiungsschlag interpretieren. Denn niemand ist so prädestiniert wie Renner, nicht nur den wegen Steuerhinterziehung zurückgetretenen Andrè Schmitz zu ersetzen, sondern auch noch, indem er schon qua Person frischen Wind für die Kulturpolitik verspricht, von der Lethargie der Landesregierung abzulenken. Und nicht nur das: Die Entscheidung für den ehemaligen Punk, Popjournalisten, Musikmanager und begnadeten Netzwerker Renner könnte zu einem Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik führen. Bei seiner Vorstellung im Roten Rathaus stellte Renner klar: „Ich trenne nicht zwischen E- und U-Kultur.“

Mit dem 49-jährigen Renner holt sich der Senat zwar ein SPD-Mitglied ins Haus, aber beileibe keinen durch die Parteimühle deformierten Berufspolitiker. Andererseits aber hat Renner in seinen Jahren als Deutschland-Chef des Musikweltmarktführers Universal und in diversen anderenFunktionen im Popgeschäft ausreichend Erfahrung in den Hinterzimmern der Politik gesammelt, um dort nun in offizieller Funktion zu reüssieren. Der blutjunge Popschreiber Renner begann einst als Praktikant bei einer Plattenfirma, weil er einen Enthüllungsbericht über die Machenschaften in der bösen Musikindustrie schreiben wollte. Ein Wallraff wurde nicht aus ihm, aber doch ein Grenzgänger zwischen den verschiedenen Sphären der Kreativwirtschaft. Als Entdecker von Rammstein hat Renner bewiesen, dass er versteht, wie der Mainstream und das große Geschäft funktioniert. Seit seinem nicht ganz freiwilligen Abschied von Universal hat er aber mit seiner eigenen Firma Motor Music, als Buchautor oder Mitorganisator von Kongressen wie All2gether Now gezeigt, dass er grundsätzlich ein Vertreter unabhängiger und selbstbestimmter Strukturen  ist, die seiner Meinung nach geeigneter sind, die immer noch virulente Krise der Branche zu überwinden. Das hat ihm den Ruf eines Visionärs eingetragen. Dieser Ruf sagt zwar mehr über den grassierende Fantasiemangel in der Popindustrie als über Renner, aber der ist zumindest jemand, der nicht vor neuen Ideen davon läuft. „Die Kreativen“, hat er zum Einstand als Staatssekretär gesagt, „sind der Grund, warum Berlin attraktiv ist.“

Mit dieser Einstellung ist er der richtige Mann für den Job. Nämlich, die kleinteilige, chaotischen, aber eben auch zukunftsträchtige Nischenkulturen und Mikroszenen endlich nicht mehr nur als Image-, sondern auch als Wirtschaftsfaktor anzuerkennen. Und ihnen eine Stimme zu geben im Verteilungskampf gegen die Hochkultur und ihre festgeschriebenen Subventionen. Oder anders gesagt: Bei Renner kann man sich zumindets vorstellen, dass er beispielsweise die Frage, ob man eine von drei Opern drangeben könnte, um mehr freie Gruppen zu fördern, nicht wie sein Vorgänger zum Tabu erklärt, bevor sie gestellt wird. Ein solcher Kulturwandel ist natürlich nicht einfach zu bewerkstelligen, nicht nur weil Renner Untergebener eines Regierenden Kultursenators ist, der Weiterwursteln allzu oft mit Politik verwechselte. Ob Renner das wird ändern können, wird man sehen. Vielleicht gibt er sein Amt auch nach sechs Monaten wieder frustriert auf. Dann aber dürften das zumindest sechs spannende Monate werden.