Interview

Tim Renner will das sexy Berlin erhalten

Tim Renner will das sexy Berlin erhalten, aber auch kein Mittelalterdorf erschaffen. Der Kulturstaatssekretär erklärt, was er vom neuen Regierenden Bürgermeister erwartet, wie er E und U verschränken, an der City-Tax schrauben und der Kunstszene helfen will

Interview: Claudia Wahjudi & Thomas Winkler

Vermissen Sie Klaus Wowereit schon? Nein, aber ich bin beeindruckt  von seinem Endspurt. Seine Rede zu 25 Jahren Mauerfall im Konzerthaus war sensationell. Wie er es geschafft hat, die Brücke zu spannen von der Mauer der DDR zu den Südgrenzen der EU, das war nicht nur treffend, sondern auch sehr elegant.

Keine Enttäuschung? Er hat Sie schließlich in Ihr Amt geholt. Natürlich war der Rücktritt eine Enttäuschung für mich. Schließlich gab es für mich genau zwei Gründe, diesen Job anzutreten: Der eine ist, dass ich die Kultur neben der Wissenschaft für eine der zwei großen Chancen halte, die diese Stadt hat. Der zweite Grund war, dass ich Klaus Wowereit lange kannte und schätzte und mir vorgestellt hatte, diese Aufgabe zusammen zu stemmen.

Der neue Regierende Michael Müller gilt als Zahlenwerker. Wie kommen Sie damit zurecht? Ich komme zum Glück aus der Wirtschaft, und wenn Sie einen Konzern leiten, dann müssen Sie mit Zahlen gut umgehen können.

Im Gegenzug soll Herr Müller eher weniger an der Kultur interessiert sein. Könnte das für Sie zum Problem oder zur Chance werden? Ich kenne Herrn Müller schon seit 2004 aus der Zusammenarbeit in der Enquete-Kommission „Zukunft Berlin“. Schon damals haben wir die Idee gehabt, nicht mehr in E und U zu denken, in „ernster Kultur“ und „Unterhaltungskultur“, sondern in „Excellence“ und „Underground“. Eine Idee, die wir jetzt in der Kulturverwaltung zu reaktivieren versuchen. Damals habe ich ihn als jemanden erlebt, der sehr genau ­zuhört und geholfen hat, Ideen und Ansätze zu schärfen.

Was haben Sie sich vorgenommen für die zwei Jahre unter Ihrem neuen Chef? Eine ganze Menge. Aber das ist ja kein ­Alleingang von mir, sondern ein gemeinsames Projekt der Kulturverwaltung. Zusammen haben wir vier Kernpunkte gefunden, auf die wir Marken setzen wollen. Erstens: Wie vermeiden wir, dass aus Berlin wird, was aus den Konkurrenten Paris, London, New York geworden ist, eine Stadt, in der Kultur, vor allem die Freie Szene, nur am Rand stattfindet? Zweitens geht es um Förderstrukturen: Wie bekommen wir es hin, dass sich Projekte aus dem Underground in die Exzellenz entwickeln können? Drittens: Transparenz. Wie machen wir die Kulturinstitutionen fit für die Digitalisierung? Und schließlich: Wie können wir das, was wir als die besonderen Qualitäten Berlins ansehen, nämlich Freiheit und Diversität, im Kulturbetrieb stärken? Das alles werden wir in den kommenden zwei Jahren nicht komplett schaffen, aber wir können die Weichen stellen.

Und zwar mit welchen Werkzeugen? Ein sehr mächtiger Hebel ist der Haushalt 2016/17. Der kommt mir fast ein wenig früh, weil wir dann, wenn ich gerade mal ein dreiviertel Jahr im Amt bin, schon in den Infight mit den anderen Ressorts ums Geld gehen müssen – und das mit dem neuen Finanzsenator, dessen Position wir noch nicht einschätzen können. Daneben gibt es viele kleine Stellschrauben: Jury- und Stellenbesetzungen, Fördergelder.

Ein vermeintliches Werkzeug, die City-Tax, wurde für die Kultur zur großen Enttäuschung, weil sie nicht ihr zugutekam, sondern damit Haushaltslöcher gestopft wurden. Ich werde den Abgeordneten und dem neuen Finanzsenator ihre moralische Verpflichtung in Erinnerung bringen. Die Idee einer City-Tax war schließlich keine Erfindung von Ulrich Nußbaum, sondern kam aus der Freien Szene. Damals war ich ja noch kein Politiker, deshalb äußere ich mich jetzt mal als Tim Renner: Ich war tief enttäuscht, als ausgerechnet diejenigen, die die City-Tax auf den Tisch gebracht haben, letztendlich leer ausgegangen waren. Aber jetzt haben die Parlamentarier und der neue Finanzsenator die Chance, dieser Geschichte ein Happy End zu geben.

Kann der das? Das fragten sich alle, als Tim Renner, Popmanager ohne Polit-Erfahrung, im April ­Kulturstaatssekretär wurde. Der 50-Jährige begann als Journalist, arbeitete sich dann beim Weltkonzern Universal vom Praktikanten zum Deutschland-Chef hoch, leitete zuletzt die eigene Firma Motor Music und gilt als extrem gut vernetzt in der Musikbranche.

Sie sind angetreten mit dem Anspruch, E und U besser miteinander zu verschränken. Auf welche Widerstände stoßen Sie da? Zu meiner eigenen Überraschung muss ich feststellen: Die gibt es fast gar nicht, eher Neugier.

„Tagträume eines Musikmanagers“ hat Volksbühnen-Intendant Frank Castorf Ihre Ideen ­genannt. Castorf wäre nicht Castorf, wenn er nicht für gute Zitate sorgen würde. Aber Castorf ist ­jemand, der E und U schon lange quer denkt. Ihm kann niemand unterstellen, dass er in einem Elfenbeintürmchen sitzt.

Trotzdem: Zwischen E und U herrscht große Konkurrenz um die Fördermittel. Geht es da statt um Verschränkung nicht eher um die ­Moderation eines Verteilungskampfes? Nein, das ist eher ein Hinführen auf kulturelle Realitäten. Die institutionelle Kultur ist in Berlin so gut aufgestellt, weil hier fast alles richtig gemacht wurde. Die Freie Szene ist so gut aufgestellt, weil sie hier lange sensationelle Bedingungen vorgefunden hat. Das eine muss also aufrechterhalten werden. Zugleich müssen wir uns verstärkt den Problemen der Freien Szene stellen, weil sich deren Rahmenbedingungen stark ändern. Insofern ist es nicht nur eine moralische Verpflichtung der Stadt, sondern auch einfach wirtschaftlicher Egoismus: Wir müssen da eingreifen, damit wir nicht in eine Schieflage kommen.

Wie realistisch ist das? Man wird nicht „1992 forever“ ausrufen können, sonst wird Berlin zum Mittelalterdorf. Es gilt, den Tacheles-Effekt zu vermeiden. Es muss auch Neues entstehen können, aber in der Regel wird das nicht auf neuem Gelände geschehen können, es sei denn, es handelt sich um städtische Liegenschaften. Aber Kunst braucht Räume und Orte, eine erwachsene Stadt muss sich Kultur als Teil der Bebauungspläne leisten.

Werden die entscheidenden Fragen für die Kultur also eher im Wirtschafts- und Stadtentwicklung-Ressort geklärt? Ein Senat muss als Team funktionieren. Natürlich spielen diese Ressorts eine entscheidende Rolle für die Kultur. Aber da haben wir ja auch schon einen schönen ­Erfolg für die Kultur verbucht: Wir sitzen jetzt mit im Liegenschaftsfonds. Wir haben nun ein direktes Mitspracherecht, wenn es um die Verwendung städtischer Flächen und Immobilien geht.

Was bedeutet das konkret für die zwölf Atelierhäuser, die ihre Standorte in der Mengerzeile zwischen Neukölln und Treptow aufgeben müssen? Es ist ein gutes Signal, dass die sich mit der Hilfe unseres Atelierbeauftragten Florian Schmidt zum Verbund AbBA zusammengeschlossen haben. Das ist wichtig, damit die betroffenen Ateliers und Künstler sich absprechen, aber auch, damit wir frühzeitig von Problemen hören. Hätten wir eher erfahren, dass die Besitzerin der Mengerzeile, die den Künstlern Arbeitsräume zu guten Mietbedingungen zur Verfügung gestellt hat, leider verstorben ist, dann hätten wir vielleicht moderierend eingreifen können. So konnten wir erst jetzt mit den neuen Besitzern ins Gespräch kommen. Immerhin gibt es nun eine Sicherheit für 2015. Grundsätzlich müssen wir allerdings unterscheiden zwischen privaten und städtischen Liegenschaften. Alle zwölf betroffenen Atelierhäuser sind in privaten Immobilien. Da können wir natürlich nicht direkt eingreifen. Aber wir werden Anstrengungen unternehmen, dass die Nutzer vielleicht in einer städtischen Immobilie unterkommen.

Die neue Liegenschaftspolitik scheint in der Club-Szene schon ganz gut zu funktionieren. Von dort hat man länger keine großen Klagen mehr gehört. Ja, aber das kann ich mir nicht auf die Fahnen schreiben. Das liegt vor allem am ­Musicboard …

… der Berliner Förderplattform für Pop­musik. Die wurde noch vor mir eingerichtet. Das Musicboard greift moderierend ein, wenn es Probleme zwischen Vermietern, Bezirk und Clubbetreibern gibt – und das klappt ziemlich gut. Das ist der Weg, den wir auch mit Ateliers, Proberäumen und Bühnen ­gehen müssen.

Ausgerechnet der ehemalige Popmusik-Manager Tim Renner ist als Kulturstaatssekretär aber nicht für die Popmusik zuständig. Es gab Überlegungen, mir das Musicboard zu unterstellen. Ich wollte das nicht. Ich lasse zwar meine Arbeit bei meiner Firma Motor Music ruhen, aber sobald das ­Musicboard irgendetwas zusammen mit Motor gemacht hätte, hätte das unter ­öffentlichem Verdacht gestanden. Das wollten wir nicht.

Ganz ehrlich: Sie werden der Musicboard-Chefin Katja Lucker schon sagen, wo es langgeht, oder? Ich habe keinen direkten Einfluss auf das Musicboard. Aber wenn Katja Lucker, die das im Übrigen sehr gut macht, mich um Rat fragen sollte, ist sie mir natürlich willkommen. Ansonsten halte ich mich da ­gezielt zurück, und ich habe sonst ja auch genug zu tun.

Das Musicboard hat kürzlich beschlossen, die Berlin Music Week zu beerdigen und stattdessen kleiner zu denken. Künftig soll es eine Art Symposium im Berghain ­namens „pop=kultur“ geben. Wie finden Sie das? Ich finde es ziemlich clever, einen Leuchtturm wie das Berghain einzubeziehen. Es ist auch völlig richtig, keinen Gemischtwarenladen mehr zu machen – das war die Schwäche der Berlin Music Week. Jetzt setzt man den Schwerpunkt auf elektronische Musik, eine traditionelle Stärke dieser Stadt. Das ist ein gutes Konzept.

Muss man auch um die Berlin Art Week fürchten? Die heißt jetzt „art=kultur“. (lacht)

Und im Ernst? Die Berlin Art Week findet im kommenden Jahr selbstverständlich statt. Die vergangene hat großen Zuspruch bei den Zuschauern gefunden, aber die Präsenz internationaler Galerien auf den Messen kann besser werden. Und ganz entscheidend: Wie bekommen wir internationale Sammler hierher? Wie bekommen wir ein besseres zeitliches Interplay mit der Berlin Biennale hin? Wie können die Kunststätten der Stadt besser miteinander kooperieren?

Ist das der Kunstentwicklungsplan, den Kunstaktivisten bei Ihrem Vorgänger André Schmitz eingefordert haben? Das klingt mir ein bisschen zu mächtig. Aber wir haben konkrete Vorstellungen von den nächsten logischen Entscheidungen. Dazu zählt, dass wir der Szene eine Chance geben müssen, sich auch jenseits des Verwertungsdrucks aufzustellen, der in der Stadt herrscht. Wir müssen schauen, wie wir die freien Projekträume in Zukunft besser fördern als jetzt. Wir müssen schauen, wie wir die Berlinische Galerie weiterentwickeln können, wo mit Thomas Köhler ein Top-Mann an der Spitze steht. Wenn das Museum am 28. Mai nach seiner Sanierung wieder aufmacht, kommt da ein Dynamisierungsschub rein. Wir müssen uns aber auch anschauen, wie sich die Kunst-Werke in der Stadtmitte stärken lassen und wie sich das mit den Galerien verschränken lässt.

Aber Künstlerhonorare zählen nicht dazu? Doch, auch. Einen ersten Schritt haben wir bereits im letzten Jahr mit den 240.000 Euro erreicht, die die Kommunalen Galerien beantragen können, damit wenigstens dort Ausstellungshonorare gezahlt werden können.

Wie weit sind Sie mit den aktuellen Intendantenbesetzungen? Wir haben natürlich auch hier eine kleine Disruption durch den Wechsel des zuständigen Senators. Eine Neubesetzung wollte der scheidende Regierende Bürgermeister noch auf die Schiene setzen: Oliver Reese, der bisher das Schauspiel in Frankfurt am Main leitet, wird ab August 2017 neuer Intendant des Berliner Ensembles. Die ­Besetzungen an Staatsoper und Volksbühne wollte der Regierende seinem Nachfolger überlassen, deshalb sind wir da auf die Bremse getreten.

Und es geht jedes Mal um Neubesetzungen? Nun, es geht jedes Mal darum, ob Verträge verlängert oder Posten neu besetzt werden.

Gut, Sie wollen es uns nicht sagen. Aber sagen Sie uns doch, wie sich die Bühnen, wie von Ihnen gefordert, für das Internet öffnen sollen. Wie geht das in einer Sparte, die sich über die Live-Aufführung definiert? Das funktioniert gerade deshalb umso besser. Schauen Sie sich die Musikindustrie an. Die digitale Verbreitung hat die Verbreitung über CD zusammenbrechen lassen. Und was wird stärker? Live. Oper und Theater leben von Live. Was kann ich also Besseres tun, als die Leute digital so anzufüttern, dass sie die Theater stürmen? Die Berliner Philharmoniker praktizieren das mit ihrer „Digital Concert Hall“ bereits sehr erfolgreich. Da läuft zwar jetzt die ­Anschubfinanzierung durch einen Wirtschaftsträger aus, aber wenn die Zugriffs- und Nutzerzahlen sich so weiterentwickeln, werden die das auch ohne Förderung schaffen.

Es gibt Urheberrechte … Yep, I come from where they make it. Rechte kann man aber erwerben. Das ist ein ziemlich dickes Brett, aber die technischen Voraussetzungen sind in allen Häusern vorhanden: Fast jede Aufführung wird ja gefilmt. Am Ende meiner Amtszeit ­würde ich gerne sagen können: Wir haben ein paar Tests gemacht, und der Nachfolger kann damit durchstarten.


Wie die Berliner Philharmoniker das Internet nutzen, das soll, so findet Tim Renner, Vorbild sein für andere Kulturinstitutionen der Stadt. Tatsächlich ist das Orchester mit seiner „Digital Concert Hall“, in der Konzerte gegen eine Abo-Gebühr gestreamt werden, auf der Höhe der Zeit. Solche Konzepte will Renner perspektivisch auch an den Theatern der Stadt umgesetzt sehen

Eine schöne Idee, aber müssten die Bühnen, wie von Ihnen schon angedroht, nicht eher die Eintrittspreise erhöhen? Die Preise müssen nicht unbedingt erhöht werden, aber man sollte sich die Preisgestaltung mal genauer anschauen. Es geht nicht um die sozial verträglichen Tickets im unteren Preissegment, erst recht nicht um die Tickets für Hartz-IV-Empfänger für drei Euro, diese Ermäßigungen stehen nicht zur Disposition, sondern es geht um den oberen Preisbereich.

Sie haben keine Hausmacht in der SPD, wie wollen Sie das alles schaffen bis zur Wahl 2016? Ich bin kein Aufgeber. Ich bin seit 30 Jahren in derselben Beziehung. Ich habe siebzehneinhalb Jahre für Polygram und Universal gearbeitet, ich war zehn Jahre selbstständig. Ich werfe die Flinte nicht schnell ins Korn. Wenn ich sage, zweieinhalb Jahre – dann stehe ich zu meinem Wort.