OPERNPREMIERE

Weg mit der „Nietzsche-Brille“

Tobias Kratzer ist ein Shooting Star der Opernregie. Jetzt inszeniert er mit Jean-Philippe Rameaus „Zoroastre“ erstmals an der Komischen Oper

Tobias Kratzer (Mi.) auf der Probe zu „Zoroastre“ – Foto: Matthias Baus

Text: Ronald Klein

Das Stück, mit dem der gefeierte Jungregisseur Tobias Kratzer sein ­Debüt an der Komi­schen Oper gibt, hat es in sich. Bei seiner Urauführung 1749 war „Zoroastre“ zu viel für die Ohren der Zeitgenossen des Komponisten Jean-Philippe Rameau. Heftig waren zuvor bereits die Reaktionen auf Rameaus erste Oper „Hippolyt et Aricie“ ausgefallen, die dieser 1733 im ­Alter von 50 Jahren komponierte und in der er eine neue Klang­sprache entwickelte. Selbst dem berühmten französischen Aufklärer Denis Diderot, obgleich ein Anhänger des Sensualismus, der die Bedeutung individueller Sinneseindrücke für geistige Prozesse feiert, schlackerten die Ohren. Es sei grässlicher Lärm, empörte sich der Philosoph. Dem Freigeist, dessen Roman „Die Nonne“ bei der Veröffentlichung selbst ­einen Sturm der Entrüstung provozierte, war das Werk zu modern.

Rameaus 1749 in Paris uraufgeführten Oper „Zoroastre“, mit der Tobias Kratzer nun also an der Komischen Oper debütiert, war für Barocke Ohren noch unerhörter. Aus heutiger Perspektive sei das damalige Missfallen nicht mehr nachvollziehbar, sagt der 37-Jährige, der 2019 den „Tannhäuser“ in Bayreuth inszenieren wird. „Wir nehmen die Komposition als sehr filigran wahr“, erklärt er. „Die Kritik bezieht sich auf den schnellen Wechseln von Chören und choreografischen Elementen. Es gibt kaum Arien, sondern viel rezitativischer Stil. Dadurch entsteht ein collagenhafter Eindruck, der die vom strengen Klassizismus geprägten Zeitgenossen verstörte.“

Kratzer hat Philosophie und Kunstgeschichte studiert, was ihn wohl dazu befähigte, im Herbst vergangenes Jahres Rossinis Oper „Die Italienerin in Algier“ am DNT Weimar existenzphilosophisch zu lesen und mit „Planet der Affen“ zu kreuzen. Die ebenso kluge wie komische Aufführung wurde von Publikum und Kritik gefeiert. Diese unkonventielle Verquirlung von E- und U-Kultur hat Intendant Barrie Kosky sicher darin bestärkt, Tobias Kratzer an sein Haus zu holen und mit der Regie von „Zoroastre“ zu betrauen.

Der Titelheld ist im deutschsprachigen Raum als Zarathustra bekannt, der etwa 1000 vor unserer Zeitrechnung eine der ersten monotheistischen Religionen, den Zoroastrismus, ins Leben rief. Friedrich Nietzsche setzte ihm 1885 mit seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ ein Denkmal. Doch von der „Nietzsche-Brille“ müsse man sich freimachen, betont Kratzer, um sich auf die Barockoper mit dem Libretto von Louis de Cahusac einzulassen.

Inhaltlich geht es – im Zeitgeist der Frühaufklärung – um das Wahre und Gute. Die Oper macht deutlich, dass sich Herrschaft nur durch moralisches Handeln legitimieren lässt. „Neben der ,Zauberflöte‘ handelt es sich um eine der großen Freimaurer-Opern“, erklärt Kratzer. „Es ist weniger ein dramatisches als ein essayistisches Stück.“ Unter musikalischer Leitung Christian Curnyns, eines ausgewiesenen Barockspezialisten, bricht Kratzer den Dualismus von Gut und Böse auf und hinterfragt, wie aussichtsreich die Kontrolle über ein Land in Zeiten von Globalisierung und Ressourcenknappheit ist.

18.6., 19 Uhr, 24. + 28.6., 19.30 Uhr, Komische Oper, Behrenstr. 55–57, Mitte, Eintritt 12–92 €

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