„Die Quote ist ein Irrtum“

Interview mit Tobias Wellemeyer

Der 1961 in Dresden geborene Regisseur ist seit 2009 Intendant des Potsdamer Hans Otto Theaters. Zuvor leitete er das Theater Magdeburg. Statt „ironisch-intellektuelle Dekonstruktion“ setzt er auf Empathie und Mitleidensvermögen. Mit der Inszenierung des Tellkamp-Romans „Der Turm“ gelang ihm ein Repertoirehit. Wellemeyer sprach mit uns über die Verlängerung seiner Intendanz am Hans Otto Theater, illustre Potsdamer und seine Inszenierung von John von Düffels Fußballstück „Alle sechzehn Jahre im Sommer“
Interview: Friedhelm Teicke und Frank Waiss

Herr Wellemeyer, fühlen Sie sich ein bisschen wie Altkanzler Kohl? Eher nicht, wieso?

Ihre Intendanz in Potsdam war lange sehr umstritten. Nun haben Sie anscheinend alle Kritik ausgesessen: Sie bleiben Intendant des Hans Otto Theaters (HOT) bis ­voraussichtlich 2018.  Also erstmal haben wir jetzt vier Jahre erfolgreich hinter uns gebracht, nachdem wir mit einem ziemlichen Bruch gegenüber dem Programm, das es hier vorher gegeben hat, gestartet sind. Es gab auch einen Schnitt, was die Etablierung eines neuen Ensembles anbetrifft. So mussten wir uns erstmal gegenüber dem brandenburgischen Publikum aufstellen, was eine Zeit gedauert, aber auch eine Menge Erfahrungen gebracht hat.

Immerhin wurden Ihrer Leitung harte Vorwürfe gemacht – Identitätsverlust, fehlende Nähe zum Publikum, künstlerische Abgehobenheit … Ja, da gibt es so ein paar Journalisten, die das schreiben, aber ich erlebe das aus der alltäglichen Erfahrung heraus ganz anders. Die Etablierung unserer Truppe hier in Potsdam ist aber sicher noch nicht abgeschlossen. Das hat etwas damit zu tun, dass diese Stadt ein herausfordernder Ort ist, so direkt an der Grenze zur Metropole Berlin. Und auch Potsdam selbst entwickelt sich rasant.

Ist Ihre Verlängerung nach all den Querelen jetzt ein Triumph für Sie? Ach was. Ein Triumph ist das, wenn überhaupt, fürs Ensemble. Um dieses Ensemble kommt man so ohne weiteres nicht drum herum. Ich bin stolz auf diese Mannschaft. Wir arbeiten mit unseren Schauspielern auf Augenhöhe mit den Ensembles der großen Berliner Theater. Und natürlich bin ich froh, jetzt für dieses Ensemble bis 2018 ein größeres Zeitfenster zu haben.

Orientieren Sie sich in Spielplanfragen und Regisseursauswahl an Berliner Theatern? Ich versuche im Wesentlichen für Potsdam und Brandenburg Programm zu machen. Mehr als ein Drittel unserer Vorstellungen gehen in Richtung Kinder- und Jugendthea­ter, da ist eine lokale und soziale Orientierung auf die Region und ihre Bedürfnisse unverzichtbar. Und wir sind mit rund 50 Gastspielen unterwegs in Frankfurt/Oder und der Stadt Brandenburg.

Kommen auch viele Berliner ins HOT? Ein Drittel unseres Publikums kommt aus Berlin. Andersherum ist es so, dass sich die Potsdamer fragen, ob sie abends zu uns ins Theater kommen oder vielleicht nach Berlin in die Schaubühne oder, eine halbe Stunde weiter, ins Deutsche Theater fah­ren. Dieser Konkurrenz müssen wir uns mit unserem Programm durchaus stellen. Und das ist auch eine gute Herausforderung. Aber die Verankerung in der Region dürfen wir dabei natürlich nicht aus den Augen verlieren.

Eine Gratwanderung – auch zwischen dem Wunsch nach Unterhaltung und dem nach hehrer Kunst? So ist es. Und da gibt es sicher kulturpolitische Perspektiven auf uns, die – vielleicht auch aus Naivität – fordern, mehr Quote zu machen oder unterhaltsamer zu sein. Ich denke, das ist ein großer Irrtum und prinzipiell ein falscher Weg für Theater. Wenn Leute sich entscheiden, für 50 Euro ins Theater zu gehen, entscheiden sie sich nicht für Quote. Sie entscheiden sich für Dimensionen. Sicher müssen wir auch lernen, Fenster aufzumachen in das Lichte und Leichte und mitreißend Heitere. Aber es geht eben gleichzeitig auch um Vertiefungen, Dekonstruktion, ums Intellektuelle.

Sind Sie manchmal neidisch auf die Berliner Theater? Nein. In Berlin kann ein Theater viel stärker nur in eine ästhetische Richtung gehen, bei uns kommt es eher auf die Vielfalt und Vielfarbigkeit an. Das liegt mir mehr. Und das entspricht auch den Erwartungshaltungen, die in unserer Gesellschaft generell heterogener werden. Es gibt nicht mehr das Publikum, es gibt sehr viele spezielle Interessen.

Nervt es Sie, dass Sie immer wieder mit ihrem Vorläufer Uwe Eric Laufenberg verglichen werden, der viel gefälliger war in seinem Programm? Der Uwe hat ein sehr sinnliches und auch sehr erfolgreiches Theater hier gemacht und seine Spuren und Erwartungshaltungen hinterlassen. Er setzte auch stark auf aus den Medien bekannte Leute. Für mich war von Anfang an klar, auch in Absprache mit der Stadt, dass wir ein eigenes, ganz starkes Ensemble aufbauen wollen. Und das haben wir auch getan.

Mit „Der Turm“, einer von Ihnen inszenierten Adaption des Romans von Uwe Tellkamp, und auch mit „My Fair Lady“ hatten Sie einen riesigen Erfolg, der auch die Stimmung Ihrem Haus gegenüber verändert hat. Ja, aber das sind Ausnahmeproduktionen. Das kann bei Planungen keine Rolle spielen, weil es sich nicht planbar wiederholen lässt. Bei „My Fair Lady“ weiß man natürlich, es ist das erfolgreichste Musical schlechthin, aber beim „Turm“ war es überhaupt nicht antizipierbar, dass es so gut funktionieren würde.

Die Bühnenfassung von „Der Turm“ stammt von John von Düffel.  Jetzt inszenieren Sie Düffels „Alle sechzehn Jahre im Sommer“, ein Fußballstück. Hoffen Sie damit auch Fußballfans ins Theater zu locken? Das wäre zwar eine schöne Utopie, aber es ist ja nicht nur ein Fußballstück. Es spielt in einer Charlottenburger WG, in der zu unterschiedlichen Zeiten – 1974, 1990 und 2006 – bestimmte politische Geschehnisse stattfinden, während im Hintergrund der Fernseher läuft und die wichtigen WM-Spiele übertragen werden. Aber es ist eher ein Gesellschafts­panorama als ein Fußballstück.

John von Düffel ist Chefdramaturg am DT, aber langsam bekommt man den Eindruck, er nistet sich auch am HOT ein. Außer „Der Turm“ hat er für Sie Solschenizyns „Krebsstation“ dramatisiert, nun folgt ein Stück von ihm. Wie kam es zur Zusammenarbeit? Der erste engere Kontakt ist über unsere „Turm“-Inszenierung entstanden. Da hat man gemerkt, dass die Chemie stimmt. Dazu muss man wissen, dass John mit seiner Familie in Potsdam lebt und hier erst kürzlich ein Haus gekauft hat.

In Potsdam leben auch andere illustre Personen wie Günther Jauch und Wolfgang Joop, die viel Geld für die Restaurierung von Schlösser und Villen und eine Schlossfassade stiften. Fällt auch mal was fürs Theater ab?  Das wäre natürlich wünschenswert. Wir versuchen, finanzkräftige Kreise immer wieder für spezielle Projekte zu interessieren. Aber es ist schwierig und sicherlich kein Modell, das eine Kontinuität sicherstellt und die Strukturförderung ersetzt. Jauch und Co geben ihr Geld wohl lieber für den Wiederaufbau von preußischen Schlössern.

Das neue Hans Otto Theater liegt schön aber etwas abseits, was die Anreise für Berliner erschwert. Wäre es nicht viel besser gewesen, das Stadtschloss aufs Schiffbauergassengelände zu bauen und das HOT auf den Schlossplatz in Bahnhofnähe? Also wenn ich das jetzt fordern würde, würden die mich in Potsdam für komplett verrückt erklären.

„Alle sechzehn Jahre im Sommer“,  5.4. (Premiere), 13.+14.4., 19.30 Uhr, Hans Otto Theater, Schiffbauergasse, Potsdam
www.hansottotheater.de