»Ein lustvolles, maßloses Unterfangen«

Tom Tykwer im Interview

Der Berliner Autor, Regisseur, Produzent, Komponist und Berlinale-Jurypräsident Tom Tykwer über Erlebnisse mit dem Publikum, über zehn Filme an einem Berlinale-Tag und über seine Serienerfahrung mit „Babylon Berlin“

Glückwunsch, Herr Tykwer, im doppelten Sinn: zur Berlinale-Jury-Präsidentschaft und zu 25 Jahre „Die tödliche Maria“, ihrem ersten Langfilm!

25 Jahre? Diese Zahl ist erschütternd! Ich kann mich gut an die Premiere des Films 1993 bei den Hofer Filmtagen erinnern. Ich hatte natürlich mindestens damit gerechnet, eine Reaktion zu bekommen, dass ab jetzt Filmgeschichte neu geschrieben werden muss (lacht). Stattdessen: dümpelnder Applaus, begleitet von dem Rascheln der Leute, die in ihrem Programm nach dem nächsten Film forschten – noch während des Abspanns. Danach stand ich so herum, und Werner Herzog kam auf mich zu und sagte: „Das fühlt sich jetzt nicht so bedeutsam an, aber es ist sehr bedeutsam! Bleib dir unbedingt treu und lass dich nicht beirren!“ Dafür bin ich ihm ewig dankbar.

Aber es ist doch auch gut, in der Realität verortet zu werden.

Ich bin sehr ausgeprägt in dieser Realität sozialisiert worden, weil ich seit meinem 15. Lebensjahr im Kino als Vorführer gearbeitet habe: im Wuppertaler Cinema, einem der damals besten Programmkinos Nordrhein-Westfalens. Und bei dieser langen Arbeit im Kino, auch später als Programmmacher im Moviemento hier in Berlin, war das Feedback des Publikums stets präsent. Die mitunter kaltschnäuzige Geste des Zuschauers kennt ja jeder von sich selber. Die Härte dieser Perspektive hat mir dann als Filmemacher irre geholfen. Der Witz war, dass ab 1994 dann „Die tödliche Maria“ auch im Moviemento lief und die Leute nicht ahnten, dass der Mann hinter der Kasse gleichzeitig der Regisseur war. Und da durfte ich mir dann Sachen anhören wie „Was habt ihr denn da für einen Scheiß im Programm!“

Wie lernt man denn Filmemachen? Sie haben ja keine Ausbildung …

Ich habe durch das Wuppertaler Kino sozusagen eine Ladung Filmschule bekommen, mit bis zu 80 gesehenen Filmen im Monat. Mit 16 bin ich öfters nach einer Nacht mit drei Filmen morgens vom Kino in die Schwebebahn gestiegen und zur Schule gefahren.

Sozusagen „Learning by Seeing“?

Ja. Mit 20 haben mich dann aber sämtliche Filmhochschulen abgelehnt. In Berlin habe ich dann stattdessen Philosophie an der FU studiert und mir dadurch zum Glück noch andere Denkräume erobert, mich sozusagen von der Fachidiotie etwas emanzipiert. Ich hätte danach allerdings auch Kinomacher bleiben können, hatte aber so eine große Lust, Filme zu drehen. Dann habe ich Frank Griebe kennengelernt, er war auch Filmvorführer, im Alhambra. Und er steckte gerade in der Ausbildung zum Kameramann. Mit ihm zusammen, habe ich mir gedacht, kriege ich das irgendwie hin. Und so entstand 1990 unser erster Kurzfilm „Because“. Der war nicht perfekt, hatte aber schon etwas, dem wir bis heute treu geblieben sind: eine Spur von Wahrhaftigkeit zwischen den Menschen, also den Figuren, in einem ästhetisch irgendwie herausfordernden Gewand.

Nach „Die tödliche Maria“ ging es mit „Winterschläfer“, „Lola rennt“ und der ersten internationalen Produktion „Heaven“ rasant nach oben. Reiben Sie sich manchmal rückblickend die Augen?

Von innen fühlt sich das nur selten so irre an, es hatte ja auch eine gewisse Logik. Ich habe nach „Lola rennt“, der in den USA ein Renner war, erst mal den Druck rausgenommen und eben keinen x-beliebigen Actionfilm dort gedreht, sondern mit „Der Krieger und die Kaiserin“ ein langsames Drama in Wuppertal. Diese Entschleunigung meiner Arbeitskarriere hat sich ganz natürlich angefühlt.

Da fällt einem der Satz von Rainer Werner Fassbinder ein: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“

Er war aber so ein extremer Charakter, dass man sich kaum mit ihm in Relation setzen kann. Und man muss auch sagen: Neben einigen wunderbaren Filmen gibt es in seinem Oeuvre auch Verzichtbares. Mir ist es wichtig, nicht ununterbrochen zu drehen, sondern den Wert des Erkämpften auch zu spüren. Nach „Heaven“ habe ich nach etwas ganz Anderem gesucht – so kam es zu „Das Parfum“: erstmals die Adaption eines geradezu berüchtigten Romans, sozusagen Tretminenland. Ich wollte sehen, ob ich als Filmemacher an einem Punkt bin, so viele fixe Parameter für mich vereinnahmen und neu definieren zu können, gemeinsam mit meinem festen Team.

Wann waren Sie denn zum ersten Mal auf der Berlinale?

1981, das war das Jahr, als „Wie ein wilder Stier“ Eröffnungsfilm war, ich war 16. Ich hatte über das Wuppertaler Kino eine Dauerkarte bekommen, und dann lief der Scorsese-Film, und er war persönlich da, es war alles so aufregend. Für ein Hotel war ich zu jung, deshalb habe ich die meisten Nächte in einem Café in der Bleibtreustraße zugebracht. Da konnte man zwischen 3 und 8 Uhr bei zwei Tassen Kakao herumdösen, um gegen 9 Uhr dann in die erste Vorstellung gehen, im Gloria am Ku’damm. Zu der Zeit habe ich tatsächlich manchmal zehn Filme an einem Tag geschafft.

Wie ist Ihre Erwartungshaltung zur jetzigen Jury-Präsidentschaft?

Was ich an der Berlinale so liebe: Es ist ein Fest, es feiert das Kino. Ein lustvolles und auch maßloses Unterfangen. Diese unbändige Lust am Kino würde ich gerne in die Juryarbeit hineintragen und dann mit der Relevanz kombinieren, die wir dem Medium zuschreiben – so wie das Festival es ja auch versucht. Die Idee, Filme in einen Wettbewerb zu schicken, ist ja ein wenig seltsam, weil es sein kann, dass dann einige Meisterwerke nebeneinander stehen, die in ganz verschiedenen Kategorien Filmkunst repräsentieren, und man trotzdem den einen auswählen muss. Man darf aber nicht vergessen, dass solche Festivals ganz vielen Filmen eine Plattform für eine Weltkarriere geboten haben. Ob Fatih Akins genialer Film „Gegen die Wand“ auch um die ganze Welt gezogen wäre, wenn er die Berlinale nicht gewonnen hätte, das weiß man nicht.

Nun ist die erste Staffel Ihrer Serie „Babylon Berlin“ gelaufen. Wie fühlt es sich an, fürs Fernsehen zu arbeiten?

Wer guckt denn eigentlich noch TV-Serien auf dem „Fernseher“ – das sehen doch alle auf dem Computer oder iPad oder sonstwo, oder? Selbst Filme sind mittlerweile eine mobile Einheit geworden, die wir am Körper tragen.

Aber was ist mit der großen Leinwand und dem Gemeinschaftsgefühl?

Das erleben wir ja trotzdem noch, aber die Haltung dazu hat sich geändert, eben weil auch die Menge der verfügbaren Bilder exponentiell gestiegen ist. Mich kann im Kino eine Fiktion nicht mehr auf dieselbe Weise überwältigen wie noch vor 20 Jahren. Weil ich einfach ununterbrochen Fiktion sehe, in jedem Youtube-Clip ist ein Narrativ versteckt. Die Wirkung eines Filmes ist nicht mehr die gleiche wie früher. Deshalb befindet sich das Kino in einer Phase der Spezialisierung, es wird klarer segmentiert, was ja auch gut ist. Man stellt sich stärker die Frage: Was will ich im Kino sehen? Einen Kinofilm muss kennzeichnen, dass er in einem Saal als Gemeinschaftserlebnis eine besondere Erfahrung bietet. Und dazu müssen auch die Kinos ihren Beitrag leisten.

Auch in Berlin?

Hier sehe ich eine tolle Entwicklung: Das Delphi Lux hat eröffnet, dazu die anderen neuen kleineren Kinos wie das Wolf, das Il Kino oder das renovierte Eiszeit. Da wurde viel investiert, diese Räume haben eine extrem gute Qualität. Und dann will man dort auch so etwas wie „The Square“ sehen. Das ist ein relevanter Kinofilm, den man an einem Ort anschauen will, an dem er adäquat behandelt – und verhandelt – wird.

Wie lautet denn nun Ihr Resümee nach einer Staffel „Babylon Berlin“?

Ich kann gar nicht resümieren, weil das ein nicht enden wollender Strom ist, in dem ich mich gerade mit den beiden Ko-Regisseuren Henk Handloegten und Achim von Borries befinde. Wir bereiten gerade die nächste Staffel vor.

Tom Tykwer
Tom Tykwer
Welcher deutsche Regisseur kann von sich ­behaupten, dass einer seiner Filme in eine ­Folge der „Simpsons“ Einzug gehalten hat? Tom ­Tykwer gelang dies mit seinem in den USA extrem erfolgreichen „Lola rennt“ (1998). Auch sonst hat der 1965 in Wuppertal ­geborene Wahlberliner viele Schwergewichte in seiner Filmografie, von „Winterschläfer“ (1997) über „Heaven“ (2002) mit Cate Blanchett und den lupenreinen Thriller „The International“ (2009) mit Clive Owen bis zum Publikumsrenner „Das Parfum“ (2006), dem aufwändigen „Cloud Atlas“ (2012) und zuletzt der Serie „Babylon Berlin“. Tom Tykwer, Berlinale-Jury­präsident 2018, jongliert gekonnt zwischen Arthouse und Mainstream.
Foto: imago/Horst Galuschka

Und wie lange geht das noch so weiter?

Eigentlich wollen wir noch zehn Jahre daran arbeiten, weil es noch so viel zu erzählen gibt. Dafür müssen wir aber eine Strategie entwickeln, um uns nicht völlig zu verausgaben. Man muss sich das vor Augen führen: Eine Staffel mit acht bis zehn Episoden, das entspricht vier Spielfilmen! Normalerweise sitze ich an einem Buch für einen Spielfilm ein bis zwei Jahre, hier haben wir nun quasi acht Monate für vier Spielfilme! Ich habe mich gefragt: „Machen wir was falsch, machen wir es anders als die Amerikaner, die das alles erfunden haben?“ Ich habe dann in den USA bei Serienmachern angerufen und gefragt: „Wie macht ihr das, ohne kurz vorm Tod zu stehen?“ – und die völlig frustrierende Antwort war: „Wir stehen alle kurz vorm Tod!“ Sie haben zu Grunde gerichtete Familien und Körper, sieben Tage die Woche 16 Stunden gearbeitet, und so entstand dann etwas wie „Breaking Bad“. Unser Rhythmus ist zum Glück jetzt schon deutlich langsamer. Ich habe eine Frau und eine Familie, die ich so oft wie möglich sehen möchte, dann muss die Arbeit eben warten.

Sie haben mit Ihrer Frau Marie Steinmann vor einigen Jahren das Projekt „One Fine Day Films“ ins Leben gerufen, bei dem mit Einheimischen in Kenia Filme gedreht werden.

Ja, das Projekt ist wirklich ganz toll und zudem spektakulär erfolgreich! Marie ist gerade in Nairobi und kümmert sich. Sie leitet dort auch die Künstlerinitiative „One Fine Day“: Über 1.000 Kinder in den Slums bekommen jede Woche Kunstunterricht – der Wahnsinn. „One Fine Day Films“, der Filmableger dieser Initiative, ist eine Sache, die mache ich sehr konzentriert und nachhaltig, und dafür mache ich viele andere Sachen nicht. Das Leben ist zu kurz, um irgendetwas zu tun, von dem man nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Am 18. Februar spricht Tom Tykwer bei den Berlinale Talents über seine Film- und Serienerfahrung,
um 11.30 Uhr im HAU1

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