JUBILÄUM

Die Anarchie der Fantasie

Seit 20 Jahren ist dem Ton und Kirschen Wandertheater aus Werder die Welt das Zuhause. Jetzt kommt ihr poetisch-wildes Bildertheater „Perpetuum Mobile“ nach Stationen in Bogotá und Avignon nach Berlin

Zehntausende Zuschauer verfolgten in Bogotá das Straßentheater von Ton und Kirschen aus Brandenburg – Foto: John Kilby

Text: Friedhelm Teicke

Die haben eine ganz schöne Kraft, diese Träume. Selbst absurdeste Konstruktionen erscheinen in ihnen logisch; beim Erwachen blickt man verwundert auf die Anarchie der Bildverknotungen – falls man sich überhaupt an den Traum erinnert. Mitunter aber sind die geträumten Bilder so stark, dass die Illusion im Kopf bleibt wie eine reale Erinnerung. Und manchmal wiederum kommen einem real erlebte Bilder so vor wie ein Traum.

Das kann dem Zuschauer beim anarchisch wuchernden Bildertheater von Margarete Biereye und David Johnston so gehen, etwa bei „Perpetuum Mobile“, einem fantastischen Genre-Mix aus Sprechtheater, Schatten und Puppenspiel, komischer Oper und Jahrmarktsklamauk, das jetzt in die Open-Air-Bühne der ufaFabrik kommt. Die Augen reiben mussten sich aber auch Biereye und Johnston, als sich im April bei ihren Auftritten in Bogotá rund 20.000 Zuschauer um ihre Straßentheaterbühne aus Stangen, Leinwänden und merkwürdigen Objekten versammelten.

Dabei sind die Deutsche und der Brite alte Theaterhasen, beide waren gut zwei Jahrzehnte mit dem englischen Footsbarn Travelling Theatre rund um die Welt gereist, bevor sie 1992 im brandenburgischen Glindow bei Werder ihr international besetztes Wandertheater Ton und Kirschen gründeten. Aber der vielköpfige Anblick im Simón Bolívar Metropolitan Parque hat auch sie verblüfft.

Das grüne Areal im Herzen der kolumbianischen Hauptstadt ist einer der größten innerstädtischen Parks der Welt, doppelt so groß wie der Tiergarten und immer noch rund 60 Hektar größer als der New Yorker Central Park. Er hat einen See mit Ruderboot-Verleih, viele Fußball- und unzählige Erlebnisspielplätze für Kinder jeden Alters. Dazu gibt es einen großen Platz für Konzerte und Events, auf dem einmal im Jahr „Rock al Parque“ stattfindet, das größte Rockfestival Lateinamerikas. Und alle zwei Jahre wird während des „Festival Iberoamericano de Teatro de Bogotá“ (FITB) der Park zum Treffpunkt von Straßentheatern aus aller Welt.

Als in diesem Frühjahr das Ton und Kirschen Wandertheater beim FITB, dem größten Theaterfestival der Welt, eingeladen war, führten sie zunächst ihr Lorca-Stück „La Luna, Luna” Indoor im 700-Plätze-Teatro Libre de Chapinero auf. Die Ränge und günstigeren Sitze waren voll, nur auf den teuren Parkettplätzen klaften Lücken. Das ist nicht im Sinne der Künstler, denn über fast leere Reihen hinweg zu spielen, kostet die Schauspieler viel Energie. Die strengen Saalwächter achteten jedoch die gesamte Vorstellung streng darüber, dass kein Zuschauer nach vorn aufrückt oder gar fotografiert.

Das war natürlich völlig anders, als Ton und Kirschen auf ihrem angestammten Terrain spielte – der Straße.

So zeigte Ton und Kirschen ihr Stück „Perpetuum Mobile“ mehrmals auf dem zentralen Plaza de Bolívar in der Altstadt La Candelaria sowie zweimal in Simón Bolívar Metropolitan Parque umringt von zigtausenden Zuschauern. Gewissermaßen ist Bogotá aber auch ein Heimspiel für die Gruppe aus dem Havelland – zu seinem internationalen Ensemble gehört nämlich auch ein Schauspieler aus Kolumbien. Vielsprachigkeit zählt zum Selbstverständnis dieses Wandertheaters, das oft im Ausland tourt. In Frankreich und Marokko spielt man auf Französisch, in Indien auf Englisch und in Kolumbien natürlich auf Spanisch.

Die „lokale Theaterkommune, deren Heimat die Welt ist“ (Selbstbeschreibung) mischte in Bogotá in ihr absurdes Traumtheater „Perpetuum Mobile“ aber auch andere Sprachen, ein paar Szenen sind in englisch, eine beließen sie auch in Kolumbien auf deutsch. „Das hat mit der Sprachfarbe zu tun“, sagt David Johnston, „manche Figur wirkt im harten deutschen Idiom treffender.“

Klang und Musik sind sowieso wichtige Elemente dieses Straßentheaters, das merkwürdige Objekte, Puppen und Requisiten miteinander in Bewegung bringt. Und während die Mittel stets sichtbar bleiben, mit denen die Illusionen aus Planken, Stricken und Tüchern entstehen, entfalten die Bilder und beziehungslos erscheinenden Szenen einen universell verständlichen Kosmos.

Denn die Sehnsucht nach Erkenntnis, die Suche nach dem Glück und der Poesie hinter dem Profanen interessiert in Berlin genauso wie in Bogotá, der einst gefährlichsten Stadt der Welt.

„Perpetuum Mobile“ ist ein erfrischend unzynisches Theater, das mit Witz und Poesie eine fantastische Gegenwelt kreiert, die dem staunenden Zuschauer zuruft: Hey, sieh doch, alles ist möglich! Ein paar Fassringe können Arien singen, ein paar Stangen ein Schiff sein. Und wenn das Paradies verschlossen ist, dann sucht man eben die Hintertür. Die haben eine ganz schöne Kraft, diese Träume.

„perpetuum mobile“, 22.–25.8.2012, 20 Uhr, 26.8., 19 Uhr, ufaFabrik – Open Air Bühne. Regie: David Johnston und margarete biereye; mit David Garlick, Nelson Leon, Daisy Watkiss u.a. Eintritt 19, erm. 15 Euro

www.tonundkirschen.de