Berlin

Touristen lieben lernen

Die Zahl der Berlin-Besucher steigt und steigt. Die Stadt wird zur Fassade ihrer selbst.  Aber kann man dem Boom auch etwas Positives abgewinnen? Ein SelbstversuchBerliner hassen Touristen. Das ist ein Naturgesetz. Denn Touristen zerstören diese Stadt. Sie wissen sich nicht zu benehmen. Blockieren minutenlang den Fahrkartenautomaten. Bleiben am U-Bahn-Ausgang erst einmal stehen, um sich zu orientieren. Stehen auf der Rolltreppe links, sind viel zu betrunken, grölen und pissen in Hauseingänge. Sie verstopfen die Clubs und die Flughäfen. Sie lassen die Preise für Mietwohnungen und die Zahl der Billigcocktailbars explodieren.

ROLLKOFFER!
Foto: Imago

Sie lärmen mit ihren Rollkoffern frühmorgens durch die Straßen und treten in dieser Stadt auf, als würden sie versuchen, ein Gerät zu bedienen, dessen Anleitung sie beim Auspacken weggeworfen haben. Acht- und lieblos. Sie werden Berlin niemals kennenlernen. Auch nach den paar Tagen, die sie bleiben, werden sie nicht mehr gesehen haben als die eigens für sie inszenierte Oberfläche.
Die Stadt ist für sie nur noch eine Fassade ihrer selbst, ein Disneyland voll schnell zu konsumierender Berlin-Erfahrungen: Clubbesuch, Wegbier, Führung durch die historische Mitte. Sie nehmen der Stadt die Unschuld, machen sie zur Hure. Früher ging es um Spaß. Da hat man zum Spaß einander die Stadt erklärt, einander zum Spaß auf der Couch übernachten lassen, einfach nur aus Spaß Technopartys organisiert. Heute tut die Stadt nichts mehr, wenn es kein Geld dafür gibt. „Berlin lebt von seiner Authentizität”, sagt selbst der Chef der Berliner Tourismusförderung. Doch genau die geht gerade verloren.

Und es wird immer schlimmer. 6,2 Millionen Touristen haben im ersten Halbjahr 2017 Berlin besucht, ein neuer Rekord. Gleichzeitig sind Berlins Gäste sparsamer geworden, ihre Ausgaben sind nur leicht gestiegen, während das Tourismuswachstum über dem Bundesschnitt lag.

Was also bringt es der Stadt, dass sie sich so ausverkaufen lässt? Ich werde versuchen, einigen der Besucher wirklich zu begegnen, und zu sehen, ob sie die Stadt vielleicht doch irgendwie bereichern. Ich will alle Vorurteile über Bord werfen und mich in Touristen verlieben. Und am Ende von Hildegard aus Bad Tölz zu nach Hause eingeladen werden. Ich will wissen, welches Berlin sie erlebt und dabei entdecken, wie groß ihr Beitrag an der Zerstörung dieser Stadt nun wirklich ist.

Es hängt vermutlich davon ab, welchem Berlin-Bild die Besucher hinterherlaufen. Was sie versuchen, zu erleben. Wer die Stadt kennenlernen will, braucht Informationen. Was wissen die Besucher über Berlin, welchem Mythos folgen sie? Suchen sie die Spuren der Geschichte oder das Technowunderland von heute?

Wichtig ist auch, was sie daraufhin finden. Ob ihre Berlin-Erfahrung zufriedenstellend ist. Oder ob das schon gar nicht mehr geht, weil die Stadt nur noch ein Abklatsch ist. Eine ständige Neu-Inszenierung von Zeiten, als es hier noch spannender war, weil der Kapitalismus diese Stadt noch nicht gleichgeformt hatte zu einer internationalen Metropole, in der von den Cocktailbars, über die Nahrungs- und Getränkeketten wie Starbucks bis hin zu den Shoppingcentern mit Modeketten H&M alles ist wie anderswo, völlig austauschbar. Eine durch die Globalisierung völlig charakterbefreite Zone, wie ein Flughafen.

Wo also beginnen? Ich fahre dorthin, wo ich mich jeden Morgen durch Gruppen von Fremdsprachlern drängeln muss, um zur Arbeit zu kommen, zur Warschauer Brücke. Dem größten Umschlagsort für Party­touristen Berlins. Hier kommt alles vorbei, was in Kreuzberg oder Friedrichshain abends feiern oder tagsüber Cafés entdecken will. Regelmäßig sitzen hier Bettler mit mehreren Bechern vor sich, beschriftet mit: „for food, for beer, for weed“ – und es funktioniert. Je skurriler die Verwendung, desto voller der Becher. Über die Brücke fließt ein Strom von Touristen. Da werden doch ein paar dabei sein, die Lust haben, mir zu zeigen, wie sie wirklich sind. Auf dem Weg dorthin, am Fahrkartenautomaten, höre ich die Gruppe Jungs vor mir Englisch sprechen. Touristen! Na, dann geh ich mal auf die Jagd.

»Das Urbane, die Geschichte, die Besucher, das zieht uns an.«
Günther, 59, Tourist aus Nordrhein-Westfalen

Sie kommen aus England, sind seit einer Woche in der Stadt, aber scheinen keine Lust zu haben, mit mir zu sprechen. Was sie jetzt so vorhaben, ob wir nicht zusammen weiterziehen wollen? „Einen Freund treffen.“ Von den ersten abgewimmelt worden. In der Bahn zum Touri-Hotspot Warschauer Straße ärgere ich mich über diese Vollidioten. Wir sind für sie wie die Zootiere. Sie wollen uns beobachten und unseren Lebensraum mitgenießen, aber nichts dafür tun, uns nicht einmal kennenlernen. In der Bahn erkundigen sich ein paar ­Spanier nach dem Weg zum Alexanderplatz, sie nerven mich jetzt schon, ohne etwas getan zu haben. Die Chance zur Entwicklung einer Freundschaft, ja sogar Liebe scheint klein. Aber es muss doch möglich sein!

Ein nettes Gespräch, kein Wiedersehen: Der Autor und sechs Jungs aus Frankreich
Foto: Martin Schwarzbeck

An der Warschauer Straße, im Touristenghetto, angekommen, kaufe ich mir ein Wasser und zahle Touristenpreise. 2,50 Euro für 1,5 Liter. In dem Hotel, an dem ich vorbeikomme, wird das Frühstücksangebot auf einer Tafel an der Straße auf Englisch angepriesen. Ein älterer Herr im bunten Karohemd, der davor auf einer Bank sitzt, sieht mir arg nach Tourist aus. Doch es ist nur ein Anwohner, der vom Einkaufen nach Hause geht und sich ausruht. Er wohnt noch mit einem Mietvertrag aus der Vorwendezeit hier.
Ein Hostel weiter stehen ebenfalls Bänke vor der Tür. Dort sitzen sechs ziemlich junge Männer. Ob sie Touristen sind? „Ja.“ Haben sie Lust, sich mit mir zu unterhalten? „Klar.“ Maxime, Johann, Axel, Lucas, Lino und Gregory sind um 10 Uhr morgens mit dem Flugzeug aus Nizza in Tegel gelandet. Für den Flug haben die Jungs 160 Euro pro Person bezahlt, für das Hostel 130 Euro, sie werden am Ende ihrer fünftägigen Reise rund 600 Euro ausgegeben haben.

Ihr Wert für die Stadt

64,89 Euro läßt jeder Tourist in Berlin

Der durchschnittliche Tourist lässt täglich 64,89 Euro in Berlin. 11,6 Milliarden Euro brachte das Berlin 2016, das klingt beeindruckend, macht aber nicht einmal ein Zehntel der Wirtschaftsleistung aus. Knapp die Hälfte geht an Hotels und Restaurants, den Rest teilen sich Taxifahrer, BVG, Club- und Museumsbetreiber, Opern und Kinos, Souvenirshops, Spätis und so weiter. Statistisch gesehen ernährt der Tourismus 235.000 Berliner. Sollten wir also dankbar sein? Auch, wenn die Touristen immer sparsamer werden?

Die Jungs erzählen, wo sie herkommen (Frankreich), wie alt sie sind (zwischen 19 und 21), was sie so machen (die meisten: studieren), wie lange sie schon hier sind (seit heute), und wie lange sie noch bleiben (fünf Tage), wo sie als Jungsgruppe noch so überall schon waren (Dublin, Spanien, ein Psytrance-Festival in Portugal) und warum sie jetzt Berlin gewählt haben (Freunde sagen, es sei toll für junge Leute). Ob ich einen Tipp habe, wo man so hingehen könne? Nein, leider nicht, ich will ihnen ja in ihre Welt folgen, nicht in meine. Aber wenn sie wollten, würde ich gern mit. Wohin auch immer.

Was wissen sie bereits über die Stadt? Welchen Bildern sind sie gefolgt? Welche Wahrzeichen kennen sie? „Brandenburger Tor.“ Was ist das? „Äh, keine Ahnung.“ Und noch? „Reichstag.“ Okay. Weiter? „Und Mauerpark.“ Was gibt es dort? „Wir haben gehört, dass man da sonntags gut chillen kann.“

Sie scheinen einigermaßen typische Touristen zu sein, zumindest für diese Gegend. Denn die nächsten sind ähnlich jung und auch französische Studenten. Die Zahl der Besucher aus Frankreich ist in den neuesten Statistiken im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozent gestiegen, dank einiger neuer Flugverbindungen.

Sandy und Lili stehen an der Kreuzung zur East-Side Gallery an der Warschauer Straße mit ihren Leihfahr­rädern (7 Euro pro Tag). Sie kamen vom Mauerpark und legten einen Stop ein, um Luft zu holen und Wasser zu besorgen. Sie sind gestern angekommen, mit der gleichen Verbindung wie die Jungs. Ebenfalls aus Nizza, ebenfalls um 10 Uhr. Die Französinnen, Studentinnen der Ingenieurswissenschaften und Medizin, leben am Mauerpark in einer Airbnb-Wohnung. 457 Euro kostet diese sie in der Woche.

Die Französinnen Sandy und Lili haben Lust auf Abenteuer. Hier mit dem Autor im Spreepark
Foto: Martin Schwarzbeck

Im ersten Halbjahr 2017 kamen 6,2 Millionen Touristen nach Berlin, dazu geschätzte 50 Millionen Besucher, die keine Hotelzimmer mieten, sondern zum Beispiel Airbnb-Wohnungen, oder bei Freunden auf der Couch schlafen. Deshalb tauchen sie in keiner Statistik auf. Menschen wie diese Französinnen nehmen der Stadt die bezahlbaren Wohnungen. Warum an Hartz-IV-Bezieher vermieten, wenn man über Airbnb das Vierfache verdienen kann?

Die Nutzer dieser Wohnungen begegnen dem durchschnittlichen Berliner fast nie. Sie besuchen eine andere Welt als die, in der wir leben. Zwischen den beiden gibt es so gut wie keinen Kontakt. Den Flughafen haben die Französinnen passiert, ohne mit jemandem zu sprechen, auch für die Schlüsselübergabe ihrer Wohnung brauchte es kaum Worte, das erste Gespräch führten sie am Essensstand auf dem Türkenmarkt am Maybachufer mit einer älteren Dame. Sie brachten ihr die Sätze „Bon appétit“ und „Au revoir“ bei.
Sie sind Fremdkörper, ohne Bezug zur Stadt. Was wissen sie schon über Berlin? „Es gab hier den Zweiten Weltkrieg.“ Und weiter? „Da gibt es dieses Wahrzeichen, das vor einigen Jahren gebrannt hat.“ Der Reichstag? „Ja.“ Und weiter? „Die Burger im Burgermeister sollen fantastisch sein.“ Okay. Weiter? „Hier herrscht Technomanie.“ Was soll das sein? „Wenn alle nur das eine wollen.“ Die Mädchen kommen zum Feiern. „Wir haben gehört, Berlin für Techno in Europa der beste Ort. Echter Underground, nicht so kommerziell.“ Also haben sie auf Google nach Clubs gesucht. Tresor und Suicide Circus wollen sie besuchen. Wenn es gut läuft: das Berghain. Dort sei eine fantastische Party mit Ben Klock. „Aber wir haben gehört, es sei nicht so leicht, reinzukommen.“

Viele Touristen, die hierherkommen, suchen die „Berlin-Techno-Experience“, wie es die Mädchen nennen. Sandy zeigt auf ihrem Telefon, was für Musik sie mag. Richtig böses Technogeballer. Sie sind 19 Jahre, und sie mögen Ecstasy und Kokain. Das Kiffen haben sie sogar schon wieder aufgegeben.

Sie wollen hier also nur feiern? Wusste ich’s doch, diese Touristen sind fürchterlich. „Nein.“ Auch Museen stünden auf dem Plan. Welche? „Ramones-Museum und Hamburger Bahnhof.“ Interessante Kombination. „Und es soll diesen verlassenen Flughafen geben. Keine Ahnung wo, wir haben nur davon gehört.“ Das Tempelhofer Feld? Es ist lustig, Berlin durch die Augen von Touristen zu betrachten.

Günther und Ella, beide 59, brauchen keine Abenteuer. Sie sitzen und gucken und genießen die Stadt
Foto: Martin Schwarzbeck

Was haben sie jetzt vor? Sie wollen den Spreepark sehen. „Ein verlassener Freizeitpark. Weißt du wo der ist?“ Ja. Ihr wisst, dass es illegal ist, dorthinzugehen? „Ja.“ Darf ich mitgehen? „Ja.“ Und so marschieren die abenteuerlustigen kleinen Französinnen mit dem fremden Mann in den Wald.

Aber zuerst geht es in die S-Bahn. Die Touristinnen scheinen am Ticketautomaten zu verzweifeln, aber ich greife nicht ein. Ich will erleben, was sie erleben. Am Ende fahren wir schwarz. Und müssen erst einmal 15 Minuten auf die Bahn warten. Herzlich willkommen im Berliner Nahverkehr. Unterwegs leuchten ihre Augen. Sie mögen die vielen Graffitis an der Trasse, den Stil der Berliner und dass diese so entspannt scheinen, und am S-Bahnhof, dass es so viele Fahrräder gibt. Das ausschlaggebende Argument für ihren Besuch war dennoch: dass Berlin so günstig sei.

An einer Brache am Ostkreuz fragen sie, warum ein Zaun drumherum ist. Es war ein Sportplatz und wird mit einem Aquarium und hochklassigen Wohnungen bebaut. Diese Stadt verändert sich, und ihr seid schuld. „Oh, das tut uns leid.“

Okay, das bringt hier jetzt gerade keinen weiter. Am Spreepark laufen wir am Zaun entlang, bis wir die umgestürzten Dinosaurier sehen. Wir suchen noch eine Weile weiter, dann entscheiden sie sich, doch dort über den Zaun zu klettern. „Gibt es Hunde?“ fragen sie ängstlich. „Ich denke nicht, dass die darauf abgerichtet sind, zu beißen“, antworte ich.

Dann geht es über den Zaun. Auf drei. Alle auf einmal, so schnell wie möglich. Er ist hoch und oben mit spitzen Stahl-Enden gespickt. Es tut weh. Doch die Mädels sind tapfer und fix. Dann huschen wir geduckt durchs Unterholz. Es ist eine Aktion, die ich mit meinen Berliner Freunden noch nie gemacht habe. Ich würde behaupten, diesen Zaun überquerten deutlich mehr Touristen als Alteingesessene. Ich fühle mich ihnen gleich ein bisschen näher, den kleinen Rebellinnen, die bisher auch jede rote Ampel ignoriert haben. Wir sind jetzt eine Schicksalsgemeinschaft. Denn wenn wir erwischt werden, haben wir alle ein Problem.

Drinnen suchen wir die Achterbahn, die die Mädchen auf den Bildern sahen, die sie in die Stadt gelockt haben, finden sie aber nicht. Dafür machen wir Selfies mit einem umgestürzten Dinosaurier und vor dem Riesenrad.

Als wir wieder rauskommen, ohne dem Sicherheitsdienst zu begegnen, steht uns allen ein verruchtes Grinsen im Gesicht. Dennoch: Den Sicherheitsdienst zahle ich mit meinen Steuern mit, weil Menschen wie sie sich weigern, sich an die Regeln zu halten. Zum Glück mag ich Anarchie.

Der Klunkerkranich
Der Klunkerkranich
Foto: snapthecat.de

Die Mädchen ziehen noch weiter, sie wollen zur Dachbar Klunkerkranich. Sie laufen den schönsten Bildern hinterher, die Berlin so produziert. Mir reicht es schon, ich steige aus, aber wir verabreden uns lose für die kommenden Tage. Obwohl ich so schlechtgelaunt eingestiegen bin, hat mich die Freundlichkeit und Offenheit dieser zwei Touristengruppen schon ziemlich überzeugt. Sie machen vielleicht die Stadt kaputt, aber sie sind immerhin ganz nett. Und die Französinnen dazu auch noch abenteuerlustig. Ich bin sogar ein bisschen verknallt in die beiden.

Aber es ist ehrlich gesagt nicht sehr schwer, sich in 19-jährige Mädchen zu verlieben. Ich will deshalb gerne auch einmal erwachsene Touristen treffen. Wo finde ich die wohl? An erwachsenen Touristenlocations vielleicht. Da, wo man die Historie sucht und nicht das heutige Berlin. Ich fahre mit der S-Bahn zum Brandenburger Tor. Weit weg von den Partymeilen im geografischen Osten der Stadt.

»Wir haben gehört, Berlin sei für Techno in Europa der beste Ort.«
Sandy, 19, Touristin aus Frankreich

Ob alt, ob jung, hier kommen sie alle einmal vorbei. Es ist das zentrale Bild, das sie alle mitnehmen wollen: ein Selfie vor dem Brandenburger Tor, vielleicht noch mit einem der verkleideten Laienschauspieler, die hier ihre Dienste anbieten. Der ultimative Berlin-Beweis. Hier kommt alles zusammen: der Kampf der Preußen gegen Napoleon, der die das Tor krönende Quadriga als Beute mitnehmen ließ, Nazideutschland, das mit Fackeln durch das Tor marschierte, das getrennte Berlin, als die Mauer einen Haken um das Tor schlug. Es ist so oft als Wahrzeichen Berlins benutzt worden, dieses Tor kennt wirklich die ganze Welt.

Ich passiere im U-Bahn-Ausgang eine geführte Touristengruppe und treffe oben noch einige weitere. Erkennbar an ihren Ansteckern oder Armbinden. Die wenigen älteren Besucher scheinen alle mit diesen Gruppen unterwegs zu sein. Und sie haben natürlich keine Zeit für ein Gespräch, schließlich wollen sie nicht den Anschluss verlieren.
Ich finde einige Ältere, pralle aber ab. Sie wirken, als würde ich ihnen mit meiner Gesprächsanfrage ein unmoralisches Angebot machen und lehnen pikiert ab. Nein, sie hätten keine Zeit für nichts. Hier scheinen alle in Eile. An diesem Tor geht es nur darum, das Selfie gemacht zu haben. Es ist ein Ort, den man nur einmal im Leben besucht. Hier gibt es nichts, keine Gastronomie, außer dem Adlon, keine Unterhaltung, und seit den neuen Sperrungen vor der französischen Botschaft auch kaum noch Sitzgelegenheiten.

Foto: F. Anthea Schaap

Ich habe schon keine Lust mehr. Sind eben doch alles Zicken, diese Touristen. Nicht bereit, sich wirklich auf die Stadt einzulassen. Da sehe ich Günther und Ella auf einer der wenigen Bänke, die nicht gesperrt werden. Ich spreche die Menschen um mich herum gewohnheitsmäßig auf Englisch an, einfach weil die meisten kein Deutsch verstehen. Doch dieses ältere Pärchen, das da auf der Bank sitzt, sich mit der Selfiestange fotografiert und selbst dann ungerührt in die Kamera lächelt, als ein bestialisch stinkendes Müllauto vor ihnen hält, wirkt so deutsch, dass ich es auf meiner Muttersprache probiere. Und tatsächlich: Die beiden 59-Jährigen kommen aus dem westlichsten Zipfel der Republik, dem Selfkant, in der Nähe von Aachen. Die 600 Kilometer haben sie mit dem Zug zurückgelegt. Er war mal Soldat, ist seit zwei Jahren Pensionär.

Ein unmoralisches Angebot

Traditionell kommen die meisten Berlin-Besucher aus Deutschland. Im ersten Halbjahr trugen Deutsche 8,2 Millionen Übernachtungen zu den insgesamt 14,7 Millionen Übernachtungen bei. Günther und Ella wohnen in einem Hotel in Spandau. „Das ist schön zentral, nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof“, sagt er.
Die beiden sind jährlich einmal zusammen hier, sie öfter, mit den Freundinnen zum Shoppen. Aber gemeinsam haben sie ein relativ festes Programm. „Beim Berlin-Besuch muss das Brandenburger Tor mit dabei sein“, sagt er. Die beiden sitzen dann immer hier und genießen das rege Treiben um sie herum, die Besucher aus aller Welt. Im Zoopalast-Kino waren sie heute auch schon. Dort sind sie ebenfalls jedes Jahr. Auf den Fernsehturm fährt er morgen zum ersten Mal.

Was suchen die beiden? „Das Urbane, die Geschichte der Stadt, die vielen Menschen und Besucher, das zieht uns an.“ Und was tun sie in Berlin so? „Wir genießen die Zeit. Wir wollen nur die Seele baumeln lassen.“
Auch die beiden suchen ein Bild von Berlin. Das der weltoffenen, west- wie ostwärtsgewandten Stadt. Hier am Tor war sie einst geteilt, erzählt er. Er weiß eine Menge über diesen, seinen liebsten Berliner Ort. Auch über die Familie Adlon, die das Hotel am Platz betreibt. Ob sie da vielleicht noch einen Kaffee mit mir trinken wollen, fragte ich? Sie verneinen. Ob ich morgen mit auf den Fernsehturm dürfe? Ebenfalls nicht.

Okay, ich merke, das wird nichts mit uns drei.
Später melden sich die französischen Jungs, sie wollen ausgehen. Ich will mit! Doch keine Antwort. Am Samstag schreiben die Französinnen. Sie haben Drogen besorgt und wollen auf eine Techno-Sexparty. Ob ich mitwolle? Hilfe, das ist mir dann doch zu krass.

Das Verhältnis zwischen den Touristen und mir, es bleibt ambivalent.

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